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Warum gibt es so viele Infektionen?

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Ausbreitung des Coronavirus - Warum gibt es so viele Infektionen?

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Im heute.de-Interview erklärt der Virologe Christian Drosten die rasante Ausbreitung des Coronavirus – und warum unser Gesundheitssystem schlagartig massiv belastet werden könnte.

heute.de: Am Wochenende wurde in Paris bekanntgegeben, dass erstmals ein Mensch in Europa an dem neuartigen Coronavirus gestorben ist. Weltweit ist das Virus inzwischen bei etwa 72.000 Menschen nachgewiesen worden; circa 1.800 Patienten sind daran gestorben. Was entgegnen Sie Menschen, die sich davor fürchten, dass das Virus weiter um sich greift?

Christian Drosten: Menschen sterben an solchen Viren, ja, aber das ist auch bei ganz normalen Erkältungsviren so. Auf Intensivstationen versterben regelmäßig viele Menschen an scheinbar harmlosen Erkältungsviren. Das liegt häufig daran, dass die Patienten eine Grunderkrankung haben und deshalb bereits geschwächt sind. Es gibt aber auch unbekannte Umstände, weshalb die Krankheit manchmal dramatisch verläuft.

Bei diesem neuartigen Virus ist es in seiner Erscheinungsform ähnlich: Bei den meisten Patienten ist es eine Erkrankung der oberen Atemwege, was man landläufig als Erkältungskrankheit einordnen würde. Es kann aber wie andere Erkältungsviren auch in der Lunge auftreten. Nüchtern betrachtet, meine ich, dass das Virus viel harmloser ist, als damals der Sars-Erreger.

Mythen über Coronaviren:

heute.de: Wirklich harmloser?

Drosten: Ja, aber ich muss ein großes "Aber" nachschicken. Wir haben bei normalen Erkältungskrankheiten nicht so viele Patienten, die durch ein einziges Virus gleichzeitig infiziert werden.

In China gibt es jetzt eine unglaubliche Zahl von Infektionen, die in einem Zeitraum von nur wenigen Wochen aufgetreten sind. So etwas gibt es nur, wenn der Erreger neu ist, nicht bei landläufigen Erkältungsviren. Diese nämlich haben bei fast allen Patienten eine Immunität oder Restimmunität hinterlassen durch frühere Infektionen.

Gegen das neue Virus aber ist noch niemand immun.

Deshalb kann es sich so schnell verbreiten und wir sprechen von einer Epidemie. Wenn es sich noch weiterverbreiten wird, und davon gehen ich wie auch andere Experten derzeit aus, dann sprechen wir von einer Pandemie.

heute.de: Das Wort "Pandemie" dürfte für die meisten Leserinnen und Leser wenig beruhigend klingen …

Drosten: Eine Pandemie kann schwer oder auch leicht verlaufen. Das können wir jetzt noch nicht vorhersehen. Dass in Wuhan die Anzahl der Neuansteckungen trotz der drakonischen Maßnahmen noch nicht zurückgeht, ist eines der Anzeichen dafür, dass das Virus schwer zu kontrollieren ist.

Ein anderes Anzeichen ist, dass sich örtliche Cluster weiterverbreiten. Damit meine ich nicht die Kreuzfahrtschiffe. Die hätte man nie so isolieren dürfen. Das ist ein richtiger Fehler gewesen: Da kann man jetzt zuschauen, wie sich einer nach dem anderen infiziert.

heute.de: Was meinen Sie dann mit "örtlichen Clustern"?

Drosten: Zum Beispiel Singapur, wo es mehrere Einschleppungen gab. Dort haben die Behörden große Mühen, die Übertragungsketten zu rekonstruieren. Bei einer Reihe von Patienten war es unmöglich herauszufinden, wo sie sich infiziert haben.

heute.de: Schutz könnte künftig ein Impfstoff bieten. Sind Sie direkt oder indirekt am Entwickeln solcher Mittel beteiligt und wann könnte ein Impfstoff zum Einsatz kommen?

Drosten: Impfstoffe werden von Spezialisten in der Biotech- und Pharmaindustrie entwickelt. Wir versuchen den Impfstoffherstellern bei den ersten Schritten zu helfen. Das sind aber sehr lange Vorgänge. Ich denke, dass es anderthalb Jahre dauern wird, bis ein Impfstoff zugelassen vorliegt.

Dann muss er noch in Massenproduktion gehen, verteilt und geimpft werden. Da sind wir dann schon bei zwei Jahren. Man darf sich da auch von zwischenzeitlichen Erfolgsmeldungen nicht täuschen lassen, wenn größere Hürden genommen werden.

heute.de: Was machen wir, bis der Impfstoff auf dem Markt ist?

Drosten: Wenn es zu einer Pandemie kommt, ist es etwas Dramatisches für das Gesundheitssystem, aber nicht unbedingt für den Einzelnen. Im Moment sieht es so aus, als ob etwa einer von 200 Menschen an dem Virus stirbt. Das basiert auf Zahlen außerhalb Chinas.

Es ist also bei weitem nicht so, dass jeder Patient in Lebensgefahr gerät. Das Gesundheitssystem wird aber möglicherweise sehr konzentriert belastet werden, falls sich das Virus sehr schnell verbreitet und sehr viele Krankheitsfälle mit einem Schlag auftreten sollten. Dann sind die Ambulanzen voll, müssen Operationen verschoben werden, weil Intensivbetten nicht zur Verfügung stehen. Das würde also für massive Probleme sorgen.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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