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"Es ist eine Schande für unsere Gesellschaft"

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Hamsterkäufe - "Es ist eine Schande für unsere Gesellschaft"

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Kunden reißen ihr beim Auspacken die Ware aus den Händen oder husten ihr ins Gesicht. Was Farina Kerekes als Einzelhandelskauffrau in der Corona-Krise täglich erlebt.

Leere Regale im Supermarkt
Leere Regale im Supermarkt in Zeiten der Coronakrise.
Quelle: dpa

Hamsterkäufe, leere Regale und übergriffige Kunden. Wer im Einzelhandel arbeitet, ist besonders in Zeiten des Coronavirus einer enormen Belastung ausgesetzt. Ihrem Frust hat Farina Kerekes im Netz Luft gemacht. Die 30-Jährige erzählt, was sie derzeit erlebt und was sie von der Politik fordert.

heute.de: Welche Situationen haben Sie in den letzten Tagen erlebt?

Kerekes: Als wir das letzte Mal eine Lieferung Toilettenpapier bekommen haben, haben wir die Palletten reingefahren und sofort haben Kunden sie aufgerissen. Bevor wir überhaupt die Chance hatten, die Sachen auszupacken. Es hat 15 Minuten gedauert, dann war alles weg und das, obwohl wir sagen: "Bitte nur in haushaltsüblichen Mengen". Das ist schon krass.

Gestern an der Kasse hat mir ein Mann sein Handy ins Gesicht gehalten und gebrüllt: "Die junge Dame hat gerade gesagt, dann und dann gibt es wieder Toilettenpapier". Ohne mich zu fragen, ohne dass ich mich dagegen wehren konnte. Ich weiß, wer das nächste Mal bei uns kein Klopapier kauft.

heute.de: Was sagen die Kunden, wenn sie vor leeren Regalen stehen?

Sie sagen: "Bestellen Sie halt mehr." Ich würde gern mehr bestellen, aber wir können leider nicht. Nicht nur ein Laden hat das Problem, sondern alle Läden in ganz Deutschland. Wenn in allen Läden das Toilletenpapier wie verrückt aufgekauft wird, muss erstmal nachproduziert und nachgeliefert werden.

Viele Kunden haben da einfach viel zu einfache Lösungen und machen uns auch manchmal dafür verantwortlich. Aber ich muss auch sagen, sehr viele Kunden sind sehr nett, wünschen mir alles Gute und bedanken sich für meine Arbeit. Das ist natürlich total schön.

Leute stürmen in Supermärkte und reißen ihr beim Einräumen Packungen Toilettenpapier aus den Händen – andere filmen sie. Farina Kerekes erzählt, was sie täglich als Einzelhandelskaufrau in der Corona-Krise erlebt.

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heute.de: Fordern Sie mehr Anerkennung für Ihre Arbeit?

Kerekes: Meine Forderung an die Politik ist, dass Frauen und Männer endlich gleich viel verdienen. Da in den systemrelevanten Berufen, die jetzt gerade unsere Nation am Laufen halten, fast 80 Prozent Frauen arbeiten. Was ich mir außerdem wünschen würde, ist, dass die Tarifverträge im Einzelhandel wieder allgemein verbindlich werden und alle Unternehmen nach Tarif bezahlen müssen.

Es kann nicht sein, dass sich ein Unternehmen aussuchen kann, ob es die Arbeit korrekt entlohnt oder nicht. Viele von meinen Kolleginnen und Kollegen verdienen Mindestlohn. Das finde ich nicht in Ordnung. Sie landen später in der Altersarmut, obwohl sie hart gearbeitet haben.

heute.de: Wie ist die Stimmung unter Ihren Kolleginnen und Kollegen?

Kerekes: Wir sind gestresst. Wir machen öfter mal Späßchen darüber, was die Kunden mit so viel Toilettenpapier anfangen, aber an sich sind wir solidarisch. Wir helfen uns, wo wir können.

heute.de: Sie haben täglich Kundenkontakt und können nicht einfach im Homeoffice arbeiten. Haben Sie Angst, sich anzustecken?

Kerekes: Klar gibt es immer die Befürchtung, dass man sich anstecken könnte. Ich habe um mich persönlich nicht so viel Angst, weil ich gehöre zu keiner Risikogruppe. Das heißt, falls ich mich anstecken würde, würde ich das wahrscheinlich ganz gut überstehen. Ich habe ein gutes Immunsystem. Aber ich mach' mir Sorgen um meine Kolleginnen und Kollegen. Vor allem mache ich mir Sorgen, dass ich mich anstecke, es nicht merke und dann die Kunden anstecke.

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heute.de: Was ist Ihr Appell an die Kunden?

Kerekes: Ich würde mir wünschen, dass die Hust- und Niesetikette eingehalten wird. Ganz wichtig ist auch, die Finger nicht abschlecken, wenn man den Geldschein rausholen möchte. Das ist nicht notwendig und sehr unhygienisch. Wenn möglich auch einen gewissen Abstand zu den Verkäuferinnen halten.

Das gilt gerade an der Kasse, weil die Infektion über Tröpfchen übertragen wird. Und das Allerwichtigste: Bitte aufhören, mehr zu kaufen als man tatsächlich braucht. Denn wenn man selbst mehr kauft, bedeutet es, dass andere Leute nichts kriegen, die es vielleicht tatsächlich brauchen.

Das Interview führte Alexandra Hawlin.

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