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"Wir müssen entscheiden, wer überlebt"

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Coronavirus in Italien - "Wir müssen entscheiden, wer überlebt"

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Die Corona-Krise bringt die Krankenhäuser in Italien an ihre Grenzen. Eine Krankenschwester aus Parma über den verzweifelten Kampf gegen Covid-19 und ihre Warnung für Deutschland.

Arianna Scialpi, Krankenschwester in Parma
"Wir sind alle am Boden" - Arianna Scialpi, Krankenschwester in Parma.
Quelle: privat

In Italien gibt es immer mehr Patienten und immer weniger Betten und Personal. Ärzte und Pfleger kämpfen verzweifelt gegen das hochansteckende Virus. Besonders die Lombardei und die Emilia-Romagna sind betroffen. Arianna Scialpi ist Krankenschwester in Parma. Die 33-Jährige berichtet über die Belastung für das Personal und über Patienten, die alleine sterben müssen.

heute.de: Was erleben Sie gerade als Krankenschwester?

Arianna Scialpi: Im Moment ist die Situation dramatisch. Die Krankenhäuser geben alles, das Personal gibt alles. Aber es scheint, nicht genug zu sein. Die Coronavirus-Fälle werden immer mehr, die Plätze im Krankenhaus immer weniger. Die Infektionen nehmen zu. Es gibt nicht genug Betten in der Intensivtherapie. Man schafft mehr Betten, aber dann reichen die Beatmungsgeräte nicht. Das Personal wird immer müder. Es gibt keine orthopädische Abteilung mehr, keine Chirurgie. Das Krankenhaus ist voll von Covid-19-Erkrankten.

heute.de: Wie ist die Arbeit mit den hochansteckenden Covid-19-Patienten?

Scialpi: Wenn man in Kontakt mit den Infizierten ist, steckt man von Kopf bis Fuß in Schutzkleidung, trägt Schutzmasken, die die Haut um die Nase einschneiden und man atmet für acht Stunden dieselbe Luft ein. Nach einer Schicht ist man erschöpft, weil es viel Kraft kostet. Du bist völlig verschwitzt. Auf dem Gesicht trägt man die Abdrücke der Schutzmaske, die Hände sind ausgetrocknet vom Desinfektionsmittel.

Die Schichten werden immer länger, die Konzentration lässt nach, weil du einfach nicht mehr kannst. Vor allem wegen der Tatsache, dass du nicht weißt, wie viele der Patienten, die du am Tag zuvor gesehen hast, noch am nächsten Tag da sind. Oftmals sind nur noch die Hälfte der Patienten da, wenn nicht nur ein Drittel.

heute.de: Man hört aus Italien, dass die Ärzte mittlerweile entscheiden müssen, wen sie retten und wen nicht. Ist das wirklich so?

Scialpi: Ja, die Krankenhäuser müssen selektieren – vor allem die im Norden, die am stärksten vom Coronavirus betroffen sind wie die Lombardei und die Emilia-Romagna, wo ich bin. Sie müssen entscheiden, wer am ehesten überlebt, wen man intubiert und wen nicht. In wen man die Hoffnung setzt und in wen nicht. Es ist keine gewollte Selektion, aber eine die man machen muss. Es waren kurzzeitig keine Beatmungsgeräte mehr da. Das sind Situationen, in denen du eine Entscheidung treffen musst. Wenn du beispielsweise einen 90-Jährigen und einen 65-Jährigen Patienten vor dir hast, dann fällt die Entscheidung auf den 65-Jährigen.

Die Menschen sind isoliert, dürfen ihre Lieben nicht umarmen, obwohl sie wissen, dass sie sterben.
Arianna Scialpi

heute.de: Was bedeutet das für die Patienten?

Scialpi: Das heißt, dass der 65-jährige Patient intubiert wird, ein Beatmungsgerät bekommt. Der 90-jährige Patient wird eingeliefert, er bekommt die nötige Versorgung, die man ihm geben kann. Aber dieser Patient wird keine großen Überlebenschancen haben.

Und das Traurigste: Diese Menschen sterben allein. Verwandte dürfen nicht rein, weil das Ansteckungsrisiko zu groß ist. Die Menschen sind isoliert, dürfen ihre Lieben nicht umarmen, obwohl sie wissen, dass sie sterben. Und sie sterben allein. Niemand sollte alleine sterben müssen. Es gibt keine würdige Beerdigung für deinen Vater, deinen Großvater, deine Schwester. Sie dürfen sich nicht ein letztes Mal verabschieden.

heute.de: Wie steht man das als Krankenschwester durch?

Jeden Tag den Tod zu sehen, macht dich kaputt.
Arianna Scialpi

Scialpi: Wir sind alle am Boden. Es braucht tatsächlich psychologische Unterstützung, jetzt und danach. Wissen Sie, wenn man diesen Job macht, dann ist man immer in Berührung mit dem Leben und dem Tod. Aber jeden Tag Menschen zu sehen, wo du bereits weißt, die schaffen es nicht. Jeden Tag den Tod zu sehen, macht dich kaputt. Du wünschst dir, dass es aufhört, aber du weißt nicht, wann es aufhört. Und wenn ich mich anstecken würde oder mein Mann, der auch im Krankenhaus arbeitet, wären meine zwei kleinen Söhne völlig allein. Diese Gedanken sind schwer.

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heute.de: Wie ist die Stimmung beim Krankenhaus-Personal?

Scialpi: Man arbeitet zusammen, wirklich alle - von den Reinigungskräften bis hin zu den Krankenpflegern und Ärzten. Diese Situation hat eine Einheit aus uns gemacht. Denn man weiß, es gibt eine Diskrepanz zwischen Ärzten und Krankenpflegern, aber diese Situation hat uns vereint. Wir arbeiten alle fürs Gemeinwohl. Viele bedanken sich jetzt bei uns Krankenpflegern und wir sind dankbar dafür. Aber es ist noch nicht so lange her, dass auf uns etwas herabgesehen wurde.

heute.de: Was ist Ihr Appell an die Menschen in Deutschland?

Scialpi: Ich weiß, dass es in Deutschland noch nicht so schlimm ist. Wir haben die Situation vielleicht unterschätzt oder zu spät gemerkt, ich weiß es nicht, aber ihr habt eine Waffe, die ihr einsetzen könnt. Ihr habt einen Vorsprung. Ihr könnt einen Präventivschlag starten. Ich hoffe es kommt nicht das Gleiche auf Deutschland zu, denn wenn es kommt, wird es wie ein Tsunami sein, der dich zerstört, äußerlich und innerlich.

Das Interview führte Alexandra Hawlin.

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Videolänge:
37 min
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