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"Glimpflicher als in anderen Ländern"

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Virologe zu zweiter Welle - "Glimpflicher als in anderen Ländern"

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Warum trifft das Coronavirus Spanien und Frankreich wieder so hart? Und hat Deutschland Ähnliches zu befürchten? Fragen an den Heidelberger Virologen Ralf Bartenschlager.

Zahlreiche Menschen mit Masken sind auf der Schildergasse, einer der Haupteinkaufsstraßen Kölns, unterwegs.
Zahlreiche Menschen mit Masken unterwegs in Köln.
Quelle: dpa

ZDFheute: Die Zahlen der Corona-Neuinfektionen in Spanien und Frankreich schießen in die Höhe - obwohl es dort lange sehr restriktive Beschränkungen gab. Wie erklären Sie sich diesen Anstieg?

Ralf Bartenschlager: Da kann man kann nur spekulieren. Man kann etwa betrachten, wie die Infektionen verteilt sind. In Spanien und zum Teil auch in Frankreich sind sie auf einige große Regionen begrenzt. So treten aktuell etwa in Spanien ungefähr ein Drittel aller Neuinfektionen um Madrid herum auf - das ist eine dicht besiedelte Region und wo sich viele Menschen aufhalten, können sie sich leichter anstecken.

Auch die Frage nach der Umsetzung der Corona-Beschränkungen spielt eine Rolle. In Frankreich sind die Maßnahmen nicht ganz so restriktiv. In Restaurants und auch in Bars gibt es keine Formulare, die man wie bei uns ausfüllen muss. Das heißt, das Tracing möglicher Kontakte ist schwierig. In Spanien gibt es meines Wissens auch nicht so viel Personal, um die Infektionsketten zu verfolgen.

Es gibt eine weitere ganz interessante Beobachtung, nämlich bei der Frage, in welchem Maße die Bevölkerung den Corona-Maßnahmen in den jeweiligen Ländern zustimmt. Interessant ist, dass in Frankreich und Spanien die Zustimmung meiner Information nach deutlich geringer ist als etwa in Italien oder Deutschland. Ob sich das auf den Willen auswirkt, diese Maßnahmen auch wirklich umzusetzen oder nicht, kann man nicht pauschal beurteilen - es könnte aber ein Indiz sein.

Mit den wachsenden Infektionszahlen in Frankreich und Spanien steigen nun auch die Todeszahlen in beiden Ländern. Auch GB, Österreich und Dänemark verschärfen die Auflagen. Die WHO schätzt die Entwicklung derzeit als "alarmierend" ein. Ein Überblick.

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1 min
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ZDFheute: Warum ist derzeit in dem im Frühjahr so schwer betroffenen Italien nicht ein solcher Anstieg zu verzeichnen?

Bartenschlager: Eventuell werden dort die Maßnahmen besser umgesetzt. Vielleicht ist da auch noch der Ausbruch beispielsweise in Bergamo mit den sehr dramatischen Bildern im Gedächtnis. Warum das in Italien momentan recht ruhig ist, kann ich aber nicht sagen. Ich glaube, dazu gibt es aktuell auch keine guten Erklärungen. Es könnte aber auch die Ruhe vor dem Sturm sein.

Zur Person

ZDFheute: Glauben Sie, dass Deutschland in Kürze Ähnliches bevorsteht wie Spanien und Frankreich?

Bartenschlager: Auch hier kann man nur spekulieren. Dabei muss man aber anmerken, dass in Deutschland die Infektionen eher gleichmäßiger über das Land verteilt sind. Das heißt, wir haben hier viele lokale Ereignisse. Die Frage ist, ob dieses Infektionsereignisse so lokal begrenzt bleiben oder nicht, etwa mit Blick auf München.

Man kann sich das vielleicht wie folgt vorstellen: Wir haben ein trockenes Ackerfeld, auf dem es immer wieder zu lokalen kleinen Bränden kommt, die man löschen kann. Irgendwann werden es zu viele kleine Brände und wenn die sich dann vereinen, kann es ganz schnell zu einem Flächenbrand kommen. Das ist ein theoretisch mögliches Szenario.

Dem muss man aber entgegenhalten, dass wir in Deutschland aus der Vergangenheit sehr gut gelernt haben, wie man mit aufflackernden Clustern umgehen kann. Insofern denke ich, dass - wenn es zu einer "zweiten Welle" kommt - diese glimpflicher in Deutschland sein wird als in den anderen Ländern.

ZDFheute: Glauben Sie, dass diese "zweite Welle" - im Vergleich zur ersten - ähnlich schwerwiegend sein wird?

Bartenschlager: Ich glaube, dass sie glimpflicher wird. Man hat im Bereich der Therapie deutlich mehr Erfahrung gesammelt und kann damit die Patienten auch sehr viel besser entsprechend behandeln, als das am Anfang der Pandemie der Fall war. Dazu kommt: Wir haben auch viel mehr Kapazitäten zu testen. Ich kann mich erinnern, als die "erste Welle“ "angerollt" ist, dass wir auf dem Universitätscampus herumgelaufen sind und nach Geräten gesucht haben, um die Kapazität in der Diagnostik zu steigern.

Heute sind wir besser aufgestellt und wissen auch viel mehr. Insofern müssen wir uns nicht mehr so aufs "Learning by Doing" verlassen. Auch in der Praxis haben wir viel Erfahrungen gesammelt, etwa wie man mit einem möglichen Ansturm von Patienten umgeht; wie man die Abstrichabnahme für die Tests nach außen verlagern kann und nicht alle Patienten direkt ins Krankenhaus kommen lässt und so weiter. Deswegen glaube ich, dass wir mit einer zweiten Welle sehr viel besser umgehen können.

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