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Forscher warnen: Zwei Monate Kontaktvermeidung reichen nicht

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Kampf gegen Corona-Ausbreitung - Forscher warnen: Zwei Monate Kontaktvermeidung reichen nicht

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Epidemiologen wollen herausfinden, wie stark und schnell sich das Coronavirus ausbreiten wird. Eines scheint klar: Selbst acht Wochen Kontaktvermeidung lösen das Problem nicht.

Archiv: Marburg: Virologe Sandro Halwe betrachtet die Elektronenmikroskopaufnahme eines Mers-Coronavirus.
Während Virologen (hier im Bild: Virologe Sandro Halwe in Marburg) fieberhaft nach einem Impfstoff forschen, untersuchen Epidemiologen die Dynamik der Ausbreitung.
Quelle: DPA

Mit dem Ausbruch der SARS-CoV-2-Pandemie ist eine Berufsgruppe schlagartig in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, für die sich sonst nur wenige interessieren: Epidemiologen sind jetzt gefragter denn je, in der Krise werden sie zu den wichtigsten Beratern politischer Entscheidungsträger.

Epidemiologen untersuchen Virus-Ausbreitung

Während Virologen in Laboren der ganzen Welt mit Hochdruck an einem Impfstoff arbeiten oder Medikamente zur Bekämpfung der neuartigen Krankheit entwickeln, wollen Epidemiologen herausfinden, wie stark und wie schnell sich das Virus ausbreiten könnte. Um zuverlässige Aussagen darüber treffen zu können, sind sie jedoch auf Daten angewiesen - und die stehen noch immer auf wackeligen Füßen, auch weil flächendeckende Tests kaum möglich sind.

Der Epidemiologe Martin Eichner an der Universität Tübingen hat zusammen mit Kollegen und dem Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg das interaktive Simulationsmodell CovidSIM entwickelt. Damit können verschiedene Szenarien durchgespielt und die Dynamik der Ausbreitung einer Erkrankung unter verschiedenen Voraussetzungen nachvollzogen werden.

Darüber hinaus erlaubt es die Auswirkung von Interventionen abzuschätzen: Was bewirkt eine (drastische) Reduzierung von Kontakten in der Bevölkerung? Welchen Einfluss hat eine schnelle Isolierung infizierter Personen? Wie wirkt sich die Dauer der Quarantäne aus?

Zwei Monate Kontaktvermeidung reichen nicht

Martin Eichner hat vor allem eine zentrale Botschaft: "Die Menschen dürfen sich nicht der Illusion hingeben, dass in zwei Monaten alles überstanden ist, wenn wir in dieser Zeit Kontakte vermeiden. Das wäre ein fürchterlicher Fehlschluss, denn epidemiologisch sind wir in acht Wochen etwa so weit wie heute. Wenn die Menschen dann aber feststellen, dass alles scheinbar nichts gebracht hat, könnte es sie entmutigen – und zwar genau dann, wenn es darauf ankommen wird, den Gipfel des Ausbruchs zu senken. Das wäre das Schlimmste, was passieren kann."

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Umso wichtiger sei es, die durch die aktuellen Maßnahmen zur Kontaktvermeidung gewonnene Zeit zu nutzen, um Vorbereitungen für die bevorstehende Krankheitswelle zu treffen. Womöglich steht dann schon ein Wirkstoff zur Verfügung, mit dem die Symptome der Lungenkrankheit wirksam bekämpft werden können.

Wie ansteckend ist SARS-CoV-2?

Ausgangspunkt der Berechnung mit dem Simulationsmodell CovidSIM ist die so genannte Basisreproduktionszahl "R0". Sie bringt auf einen Nenner, wie ansteckend eine Krankheit ist, d.h. wie viele andere Menschen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Bei SARS-CoV-2 gehen viele Forscher im Moment davon aus, dass diese Zahl bei zwei bis drei liegt. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Ansteckungsgeschwindigkeit: Wie lange dauert es, bis jemand nach der Infektion mit dem Virus selbst ansteckend wird, und wie lange bleibt er das?

Epidemiologen versuchen deshalb zu ermitteln, wie viele Kontakte ein infizierter Mensch hatte und wie viele sich davon tatsächlich angesteckt haben. Ein Problem bei dem neuen Virus ist, dass diese wichtigen Parameter, mit denen Berechnungen über den weiteren Verlauf angestellt werden können, noch sehr vage sind. Je mehr Menschen auf die Krankheit getestet werden, desto besser wird die Datenlage.

Für eine grundsätzliche Tatsache ist das jedoch nicht entscheidend: Erst wenn jede infizierte Person im Schnitt weniger als eine weitere Person ansteckt, wird die Zahl der Neuansteckungen zurückgehen. Das wäre etwa dann der Fall, wenn ausreichend viele Menschen bereits angesteckt oder immun sind.

Da so schnell kein Impfstoff vorliegen dürfte, wäre dieser Punkt nach Einschätzung vieler deutscher Experten erst dann erreicht, wenn sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung angesteckt haben. "Es verändert die Form der Welle überhaupt nicht, wenn wir jetzt Kontakte vermeiden und damit zu einem Zeitpunkt, an dem noch sehr wenige Personen in der Bevölkerung immun sind, damit wieder aufhören. Die Spitze wird sich nur weiter nach hinten verschieben", so Eichner.

Großbritannien geht einen anderen Weg

Ein Blick nach Großbritannien zeigt, dass nicht alle Länder die Strategie der Bundesregierung verfolgen: Premierminister Boris Johnson hat auf Anraten seiner Experten entschieden, die Maßnahmen stufenweise zu verschärfen. Der wissenschaftliche Chefberater Patrick Vallance sagte, es sei nichts gewonnen, wenn man die Menschen schon jetzt zu Hause einsperre. Vielmehr sei es wichtig, dass möglichst viele eine Immunität gegen das neue Virus aufbauten. Drastische Maßnahmen sollen auf der Insel erst in einigen Wochen, auf dem Höhepunkt der Pandemie, verordnet werden.

"Man muss sich einfach darüber klar sein, dass die unterschiedlichen Maßnahmen verschiedene Auswirkungen haben. Die deutsche Kontaktvermeidung schiebt den Gipfel der Welle etwas weiter hinaus. Die Briten verzichten auf diese Verlangsamung und sparen ihre Kraft, um dann mit massiven Kontaktreduktionen die Höhe des Gipfels zu reduzieren und vielleicht auch die Gesamtanzahl der Fälle zu reduzieren", so Eichner.

Soziale Beziehungen stehen vor Härtetest

Ganz gleich mit welcher Strategie die Ausbreitung des Virus bekämpft wird, die Maßnahmen werden Menschen überall auf der Welt betreffen. Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie macht sich deshalb auch Gedanken über die rein medizinischen Auswirkungen der Krankheit hinaus:

"Ich hoffe, dass die sozialen Beziehungen nicht nachhaltig geschädigt werden. Jedenfalls ist es für uns alle ein Warnruf, dass Infektionskrankheiten und insbesondere die viralen und neu entstehende Erkrankungen uns weiter begleiten werden und trotz aller Digitalisierung und Technologie solche physischen Risiken unser Leben sehr drastisch verändern können. Und das wird auch weiterhin so sein."

Archiv: Eine Frau trägt vor einer Apotheke eine Mund- und Nasenmaske.

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