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"Nature", "The Lancet" und Co. - Medizinische Fachjournale im Corona-Boom

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Die Corona-Pandemie ist die große Stunde der Wissenschaftsjournale - nie hatten sie mehr Einfluss und mehr Leser. Wären da nicht die Skandale um manipulierte Daten.

Medizinische Fachjournale mit Stethoskop
Journale wie "Nature" und "The Lancet" profitieren von der Corona-Krise (Archivbild)
Quelle: imago

Eine Legende unter Wissenschaftlern besagt, dass eine Veröffentlichung im Schnitt von zehn Menschen gelesen wird, die Hälfte sogar von niemandem. Doch dann kam die Corona-Pandemie. Auf einmal konnten Studien zu hochspezifischen Fragestellungen politische Entscheidungen direkt beeinflussen. Manche wurden sogar Bausteine von Verschwörungserzählungen - meist vorbei an der Absicht der Autoren.

Viele Menschen erwarten klare, schnelle Antworten von der Forschung - einem System, das bislang vor allem auf kleinteilige, langwierige Lernprozesse ausgelegt war. Wahrheit auf Knopfdruck ist da nicht vorgesehen.

Deutlich höhere Zugriffszahlen bei diversen Journalen

Das Fachjournal "Nature" verzeichnete im Monat April etwa 46 Prozent mehr Zugriffe als im Vorjahresmonat. Der Webauftritt von "The Lancet" habe die Zahl der Seitenaufrufe seit Januar sogar um das 3,7-fache gesteigert, so eine Sprecherin auf ZDFheute-Anfrage.

Auch die Zahl der eingereichten Arbeiten nimmt zu: Bei "The Lancet" habe sie sich zeitweise verzehnfacht. Und "Nature"-Chefredakteurin Magdalena Skipper berichtet:

Während der Pandemie haben wir in einer einzigen Woche mehr als 80 Einreichungen nur bezüglich Covid-19 bekommen.
Magdalena Skipper, "Nature"-Chefredakteurin

Üblich seien sonst rund 200 Einreichungen pro Woche über sämtliche Disziplinen hinweg, so Skipper. Mehr Studien publizieren werde man deshalb jedoch nicht.

Der Verlag Taylor & Francis, bei dem diverse medizinische Journale erscheinen, teilt mit, man bekomme 29 Prozent mehr Einreichungen als im vergangenen Jahr. "Wir stellen mit unseren Redakteuren sicher, dass alle Forschung bezüglich Covid-19 mit erhöhter Priorität den Peer-Review-Prozess (Begutachtung durch unabhängige Fach-Experten, Anm. d. Red.) durchläuft", so ein Sprecher.

Der Surgisphere-Skandal und seine Folgen

Doch diese Beschleunigung des Review-Verfahrens birgt auch Risiken, was besonders zwei spektakuläre Falle der letzten Monate zeigen: Eine in "The Lancet" im Mai veröffentlichte Studie über angebliche Gefahren des Anti-Malaria-Mittels Hydroxychloroquin für Covid-19-Patienten wurde im Juni zurückgezogen, wie auch eine im Juni im "New England Journal of Medicine".

Beide Studien basierten auf gefälschten Patientendaten, die von der Firma Surgisphere zur Verfügung gestellt wurden. Ihr CEO Sapan Desai ist in beiden Arbeiten als Co-Autor genannt. Der Lancet-Fall ist besonders brisant, da laut Recherchen des "Guardian" mehrere Regierungen wie auch die WHO auf Basis dieser Ergebnisse Entscheidungen getroffen haben.

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Blindes Vertrauen in erfundene Datensätze

Der Betrug fiel zunächst nicht auf, da sich die beteiligten Forscher wie auch die Journale blind auf Desais Daten verließen. In den Naturwissenschaften steckt hinter Veröffentlichungen häufig die Zusammenarbeit von Forschergruppen, die über die ganze Welt verstreut sind. Dabei kann eine einzelne Person nur schwer jeden Schritt überprüfen oder reproduzieren. Vertrauen ist zentral bei solchen Projekten.

"Betrug und Fälschungen können in Peer-Review-Verfahren nur schwer entdeckt werden", rechtfertigt sich eine "The Lancet"-Sprecherin. Dass Redakteure und Peer-Review-Experten vor der Publikation jedoch keinen Einblick in die Originaldaten einforderten, belegt große Mängel im Review-Verfahren von zwei der renommiertesten Journale weltweit.

Als Reaktion hat "The Lancet" Mitte September seine Vorschriften verschärft. In Zukunft müssen stets mehrere der beteiligten Forscher unterschreiben, die zugrunde liegenden Daten überprüft zu haben.

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Preprints könnten mehr Transparenz schaffen

Mehr Kontrolle ist eine Lösung, um Skandale in Zukunft zu verhindern. Immer mehr Verlage und Forschungseinrichtungen setzen auf einen anderen Ansatz: Preprints. Das sind Studien, die noch keinen Peer-Review-Prozess durchlaufen haben, sondern auf eigens dafür eingerichteten Plattformen öffentlich reviewt werden. Besonders bekannt sind "bioRxiv" und "medRxiv", die auch in der Berichterstattung von ZDFheute regelmäßig zitiert werden.

Als Preprints gelangen Forschungsergebnisse schnell und kostenlos an die Öffentlichkeit. Nachteil ist, dass mangelhafte Studien zunächst ohne Einordnung online stehen. "Preprints waren Gegenstand von besonders polarisierenden Diskussionen während der Pandemie", berichtet eine "Lancet"-Sprecherin. Sie warnt insbesondere davor, dass manche Preprints sogar ein Gesundheitsrisiko darstellen könnten.

Die Pandemie gibt der Open-Access-Bewegung neue Argumente

Die Preprint-Angebote greifen auch das Geschäftsmodell der großen Verlage an, weil dort Inhalte nicht mehr länger hinter teils absurd hohen Bezahlschranken liegen. Dennoch bieten auch mehrere der großen Wissenschaftsverlage eigene Preprint-Server an.

"Preprint-Server sind Teil der Lösung, Geschwindigkeit kann aber nicht das einzige Ziel sein", so ein Taylor & Francis-Sprecher. Überaus positiv äußert sich "Nature"-Chefredakteurin Skipper:

Ich denke, dass diese Pandemie den Platz von Preprints im Ökosystem der Forschung wirklich aufgezeigt hat.
Magdalena Skipper, "Nature"-Chefredakteurin

Der Trend zu Open Access, dem freien Zugang zu Forschung und den zugrundeliegenden Daten, ist in der gesamten Branche spürbar. Die Corona-Krise hat das nochmals verdeutlicht.

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