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Immunologe nach Corona-Gipfel - Meyer-Hermann: Müssen jetzt zusammenhalten

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Immunologe Meyer-Hermann war als Experte beim Corona-Gipfel von Bund und Ländern. Er sagt: Gegen einen Lockdown müssen wir alle zusammenhalten.

Michael Meyer-Herrmann ist Physiker und Mathematiker von Haus aus, also ein Mann der Zahlen, den sich die Kanzlerin am Mittwoch beim Corona-Gipfel zur Seite nahm. Zu Beginn der Verhandlungen zeigte er den Ministerpräsidenten eine Simulation, die zeigen sollte, in welcher Phase Deutschland sich zur Zeit in der Corona-Pandemie befindet.

Was war dabei die Hauptbotschaft?

"Meine Hauptbotschaft war eine große Warnung, denn wir haben Zeichen, dass das Coronavirus sich gerade unkontrolliert ausbreitet. Ein wesentliches Zeichen dafür ist die Tatsache, dass die Nachverfolgung in den Gesundheitszentren nicht mehr gut funktioniert.

Es gibt zunehmend Gesundheitszentren, die andeuten, dass sie die komplette Nachverfolgung nicht mehr leisten können, was zur Folge hat, dass es Infizierte gibt, die entweder asymptomatisch oder mit milden Symptomen durch die Gegend laufen und gar nicht wissen, dass sie andere Leute anstecken. Damit ermöglichen sie ein neues exponentielles Wachstum, das sich unkontrolliert ausbreiten kann.

Wenn wir diese Schwelle erst einmal überschritten haben, ist es ganz schwer, wieder zurückzukommen. Wir landen dann ganz schnell in der Situation, die wir im Ausland sehen, nämlich eine große Auslastung des Gesundheitssystems und auch erhöhte Todeszahlen.

Die Tatsache, dass wir im Moment so wenig Tote haben, liegt einfach daran, dass wir nur junge Menschen haben, die sich infiziert haben.
Michael Meyer-Herrmann

In dem Moment, wo sich das auf die ältere Bevölkerung wieder ausbreitet, werden auch die Todeszahlen hochgehen und die Intensivbetten wieder belegt sein. Und es ist leider so, dass wir sprunghafte Anstiege in der Zahl der Belegung der Intensivbetten und der Toten haben."

Haben wir jetzt schon ein exponentielles Wachstum oder kann man das noch einfangen?

"Das ist die große Frage. Und deswegen war mein eindringlicher Appell an die Runde am Mittwoch: Es müssen eigentlich keine kleinen Verbesserungen an den Maßnahmen vorgenommen werden. Wir brauchen ein wirkliches Umdenken, was großflächig ist und alle dazu bringt, die Situation ernst zu nehmen und die Vorsichtsmaßnahmen entsprechend durchzuführen. Das ist in der Form nicht richtig passiert.

Ich denke, dass die Ministerpräsidenten und die Kanzlerin das verstanden haben. Es ist ernst, und es geht gerade um die Wurst. Wir haben jetzt noch die Chance gegenzusteuern. Aber die Maßnahmen, die daraus gefolgt sind, sind nicht die, die ich mir erhofft hatte. Vor dem Hintergrund muss ich jetzt sagen, dass wir wahrscheinlich in der Bevölkerung mehr tun müssen, als die Maßnahmen, die uns jetzt von der Politik vorgegeben werden."

An welcher Stelle hätte aus epidemiologischer Sicht unbedingt viel mehr passieren müssen?

"Ich meine, der Appell von der Kanzlerin und den Ministern ist sehr klar: Wir sollen die Masken tragen! Das ist erst mal die richtige Richtung. Es ist nur die Frage: Wann ist diese Maskenpflicht virulent? Wann sollte man sie wirklich durchführen? Ich kann es nicht nachvollziehen.

Dieser kleine Lappen, den wir im Gesicht haben, der ist doch gar nicht so problematisch.
Michael Meyer-Herrmann

Das ist doch eine kleine Mühe, wenn man dem gegenüber stellt, was auf dem Spiel steht. Wenn wir ein unkontrolliertes Wachstum haben und das nicht ausbremsen, führt das dazu, dass die ganzen Kleinbetriebe pleitegehen, dass der Einzelhandel wieder geschlossen werden muss, dass die Restaurants wieder zumachen müssen, dass also massive Bedrohung von Existenzen wieder induziert werden. Das wollen wir doch alle nicht. Was ist diese kleine Maske im Verhältnis zu diesen Existenzen? Das müssen wir durchführen in aller Konsequenz."

Ist das, was in den nächsten Tagen passiert, gar nicht mehr zu ändern?

"Genau das ist es, das ist der Fall. Das Infektionsgeschehen der nächsten zwei Wochen ist quasi festgelegt und wir werden erleben, dass die Zahlen weiter hoch gehen - egal, wie wir uns jetzt verhalten.

Wir werden in zehn Tagen hoffentlich eine Stabilisierung sehen. Aber das hängt eben nicht nur an den Maßnahmen, die jetzt beschlossen worden sind, sondern an der Kohärenz, mit der die Bevölkerung jetzt reagiert. Die Bevölkerung muss einfach verstehen, dass es jetzt um die Wurst geht. Wenn wir einen Lockdown verhindern wollen, dann müssen wir alle jetzt zusammenhalten und uns gegenseitig schützen."

Hätte man solche Maßnahmen früher ergreifen müssen?

"Das hätte ich gerne so gesehen. Wir haben durch die Reiserückkehrer eine große Welle bekommen. Da sieht man ja auch, dass man durch Reisetätigkeit tatsächlich die Infektion ins Land tragen kann. Das haben wir aber relativ gut unter Kontrolle bekommen, solange die Reiserückkehrer alleine da waren.

Aber es haben sich durch kleine und auch größere Feiern eben neue Infektionsgeschehen innerhalb des Landes ausgebreitet, die jetzt nahezu flächendeckend sind. Und das ist das Problem. Das heißt, wir haben inzwischen kein Problem, was wir von außen reingetragen haben, sondern eines, was endogen ist.

Damit haben wir ein ernsthaftes Problem, bei dem wir gegensteuern müssen. Deswegen sollten wir darauf verzichten zu feiern. Man sollte die Zahl der Personen, die an solchen Treffen teilnehmen, massiv reduzieren. Und jeder, der seine Reise nicht unbedingt machen muss, auch jetzt in den Ferien, sollte einfach mal zu Hause bleiben."

Archiv: Michael Meyer-Hermann, Leiter der Abteilung System Immunologie, steht am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung HZI

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