ZDFheute

Wie Corona das Leben im Gefängnis verändert

Sie sind hier:

Justizvollzug - Wie Corona das Leben im Gefängnis verändert

Datum:

Um eine Ausbreitung des Coronavirus hinter Gittern zu verhindern, verändert sich dort der Alltag - so wie draußen. Doch im Gefängnis sind Ungewissheit und Machtlosigkeit größer.

Stachelzaun an einer Mauer eines Gefängnisses. Symbolbild
Stachelzaun an einer Mauer eines Gefängnisses. Symbolbild
Quelle: Silas Stein/dpa

"Es ist definitiv eine sehr extreme psychische Belastung. Wir können eigentlich froh sein über jeden, der wirklich noch Ruhe bewahrt und nicht extrem flippt", sagt Manuel Matzke. Er ist Sprecher der Gefangenengewerkschaft GGBO, die sich für die Belange von Menschen im Justizvollzug einsetzt.

Seit Beginn der Corona-Krise erreichen ihn mehr Nachrichten von Häftlingen und ihren Angehörigen als sonst. Sie wollen zum Beispiel wissen, ob sie im Gefängnis sicher sind, welche Schutzmaßnahmen getroffen werden oder wie sie nun Kontakt zu den Häftlingen halten können.

Das Leben in den Anstalten hat sich verändert - so wie auch draußen. Doch hinter Gittern sind Ungewissheit und das Gefühl der Machtlosigkeit größer.

Telefonieren statt Besuch: Das Leben in Gefängnissen ist wegen der Corona-Pandemie noch mehr eingeschränkt.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

WHO: Inhaftierte besonders gefährdet

In Deutschland sind rund 65.700 Menschen in Haft (Stand: März 2019). Die wenigen Freiheiten, die sie haben, wurden wegen der Corona-Pandemie noch weiter eingeschränkt: kein Gruppensport, Essen in der Zelle und Besuchsverbote.

Diese Maßnahmen wurden zu ihrer und der Sicherheit von Bediensteten getroffen. So sollen Kontakte verringert werden. Doch vor allem dort, wo Menschen auf begrenztem Raum leben, könnte sich das Coronavirus besonders schnell ausbreiten. "Social Distancing" ist hinter Gittern schwer umzusetzen.

Laut WHO sind Inhaftierte demnach besonders gefährdet sich anzustecken. Sie hätten häufig ein schlechteres Immunsystem als die restliche Bevölkerung, es mangele ihnen an Gesundheitsversorung oder Hygiene. Viele von ihnen rauchen.

Aufstände in Italien und Frankreich

Doch die Einschränkungen und vor allem der fehlende Kontakt zu Angehörigen belastet die Inhaftierten. Diese Art der Restriktion könne sich auf das psychische Wohl von Inhaftierten auswirken, schreibt die WHO und warnt, dass sich der zusätzliche Stress hinter Gittern in Gewalt entladen könne.  

Aus Italien und Frankreich wird berichtet, dass Besuchsverbote teilweise zu Aufständen geführt haben. Dort seien die Haftbedingungen aber anders als in Deutschland, sagt Kirstin Drenkhahn, Professorin für Kriminologie und Strafrecht an der Freien Universität Berlin.

Gefangene fühlen sich ausgeliefert, weil sie sich nicht einfach selber schützen können.
Kirstin Drenkhahn, FU Berlin

Sie gehe aber nicht davon aus, dass es deswegen auch in Deutschland "einen flächendeckenden Aufstand" geben könne.

Trotzdem könne die aktuelle Situation zu Problemen führen. "Wenn die Stimmung in einer Einrichtung nicht so gut ist, wenn man der Einrichtung und den Bediensteten nicht traut, dann wird es im Moment nicht besser", so Drenkhahn.

Alle Zahlen und Grafiken zum Coronavirus

Covid-19 -
Zahlen zur Ausbreitung des Coronavirus
 

Wie breitet sich das Coronavirus aus? Infografiken, Zahlen und Daten zur Entwicklung von Covid-19 in Deutschland und weltweit - immer aktuell.

von Simon Haas, Robert Meyer

Forderung nach Alternativen zu Besuch

Manuel Matzke ist Freigänger im offenen Vollzug, seine Weiterbildung findet nun in einem virtuellen Klassenzimmer statt. Am Wochenende kann er trotzdem seine Mutter besuchen - ein wichtiger Ausgleich. Gerade jetzt. Für andere Inhaftierte ist schon ein Telefonat von großer Bedeutung.

Auch wenn es nicht viel ist, es trägt ein bisschen zur Beruhigung und Entspannung bei - zur Seelenhygiene.
Manuel Matzke, GGBO

Aber nicht in allen Anstalten sind Telefon oder gar Videotelefonie im gleichen Maße verfügbar. Es gibt Zellen mit eigenem Anschluss, der Tag und Nacht genutzt werden kann. Andere Häftlinge sind auf die Aparte auf dem Flur angewiesen.

Videotelefonie als Ersatz nicht überall möglich

Noch besser könnte Videotelefonie die ausfallenden Besuche ersetzen. Doch die Möglichkeit dazu ist nicht überall gegeben.

Auf Anfrage berichten Sprecher der Justizministerien in Thüringen, dem Saarland, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Berlin oder Sachsen, dass Videotelefonie in manchen Anstalten möglich sei oder zeitnah verfügbar sein solle. Zwei Anstalten in Sachsen-Anhalt fehle dafür die Infrastruktur, teilt das Ministerium mit.

In Mecklenburg-Vorpommern oder Hamburg können Gefangene auch weiterhin persönliche Besuche empfangen - abgetrennt durch Scheiben. Besuche von Anwälten sind so ebenfalls möglich.

Mangelnde Information für Angehörige

Es liegt in der Hand der Länder, welche Maßnahmen in der Krise ergriffen werden und die Umsetzung variiert von Anstalt zu Anstalt. "Jeder kocht sein eigenes Süppchen", beklagt Mutzke.

Von neuen Erlassen hätten Inhaftierte mancherorts erst mit dem Inkrafttreten erfahren. Häufig gäbe es "Flurfunk", der zusätzlich verunsichere. Es sei seitens der Justiz mehr Transparenz notwendig, damit sich die Häftlinge auf die Situation einstellen könnten.

Laut Kirstin Drenkhahn fehlt es vor allem an einfach zugänglichen Informationen für Angehörige. Wenig Anstalten hätten zum Beispiel übersichtliche Websites. Es seien vor allem Freunde und Familienangehörige, die sich Sorgen machten. "Die Ungewissheit in dieser Situation ist für sie ganz schlimm," so Drenkhahn.

Gefangene werden entlassen

Um Platz zu schaffen, Gefangene und Bedienstete zu schützen, haben Bundesländer Gefangene entlassen. In Hamburg, NRW oder Thüringen wurde der Strafvollzug von Häftlingen, die Ersatzfreiheitsstrafen verbüßen, ausgesetzt. Sie sitzen in Haft, weil sie Geldstrafen nicht bezahlt haben, beispielsweise wegen Schwarzfahren. In Schleswig-Holstein, NRW, Berlin oder Sachsen-Anhalt wurde der Jugendarrest aufgeschoben.

Außerdem werden bestimmte Verurteilte vorerst nicht mehr zum Haftantritt geladen. Das gilt nicht für Personen, die zum Beispiel wegen Gewalt-, Waffen- oder Sexualdelikten verurteilt wurden.

Im Video: So geht NRW in der Corona-Krise mit Häftlingen um

In Nordrhein-Westfalen sollen Gefängnisinsassen mit minder schweren Straftaten vorübergehend auf freien Fuß gesetzt werden. Das soll Platz schaffen und die Ansteckungsgefahr in den Gefängnissen senken. Die Haftstrafen werden allerdings nur unterbrochen.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

"Diese Maßnahmen stellen keine Amnestie oder Ähnliches dar", schreibt eine Sprecherin des Justizministeriums in Baden-Württemberg. Die betroffenen Personen, müssten weiter mit einer Vollstreckung ihrer Freiheitsstrafe rechnen. Die Vollstreckung sei lediglich verschoben. Im Moment seien sie aber die beste Möglichkeit, Inhaftierte vor dem Coronavirus zu schützen.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.