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"Wir kommen bereits jetzt an Grenzen"

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Virologin über Corona-Forschung - "Wir kommen bereits jetzt an Grenzen"

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Weltweit wird fieberhaft nach einem Impfstoff geforscht - indes steigt die Zahl der Corona-Fälle. "In den Laboren stapeln sich die Proben", warnt Virologin Brinkmann im Interview.

Coronavirus: Probenröhrchen in einem Labor
Coronavirus: Weltweit wird in Laboren nach einem Impfstoff geforscht.
Quelle: dpa

heute.de: Wie gehen Wissenschaftler mit der derzeitigen Informationsflut um?

Melanie Brinkmann: Viele der bisher bekannten Daten und Studien über CoVid-19 kommen aus den Ländern, in denen die Epidemie früher ausbrach, und viele davon sind unheimlich wertvoll für unser Verständnis dieser Krankheit. Wir müssen uns hier in Deutschland nun anhand unserer eigenen Daten ebenfalls ein genaues Bild machen. Leider gibt es jedoch unter den bislang veröffentlichten Studien einige, die etwas fragwürdig sind - die dann häufig auch direkt in den Medien landen und für Verunsicherung sorgen.

Jede Studie muss sehr sorgfältig und eingehend von mehreren Experten betrachtet werden. Nur weil eine Publikation etwas postuliert, muss das nicht zwangsläufig so sein. Vielleicht wurde dabei unter falschen Annahmen gearbeitet, ohne es zu wissen - oder Ergebnisse falsch oder überinterpretiert. Deshalb ist es immer gut, erstmal ein bisschen abzuwarten, und nicht sofort alles was publiziert ist ungefiltert "hinauszuposaunen" - es sei denn, dass mehrere unabhängige Labore zu dem gleichen beziehungsweise ähnlichen Ergebnis kommen oder andere Experten die Studie positiv hervorheben.

Gut ist auch, wenn Studien von weiteren Arbeitsgruppen unabhängig bestätigt werden können. Ein Beispiel für eine etwas fragwürdige Studie ist eine in der es hieß, es gäbe eine aggressivere, mutierte Form des Virus. Diesen Schluss lassen die präsentierten Daten einfach nicht zu - ohne Laboruntersuchungen, die einige Zeit in Anspruch nehmen, kann man keine Aussage über die Auswirkungen von Mutationen im Virusgenom treffen.

heute.de: Wie halten Sie sich über die Arbeit Ihrer Kolleginnen und Kollegen auf dem Laufenden?

Brinkmann: Ich verlasse mich da auf meine Netzwerke. Und ich bekomme sehr viel über Twitter mit. Vor allem die Amerikaner nutzen Science Twitter sehr stark. Natürlich muss man auch wissen, wer in der jetzigen Situation die herausragenden Wissenschaftler sind und die Datenlage am besten einschätzen können. Denen folge ich, und die empfehlen auch Publikationen, die nicht nur von ihnen selbst stammen.

Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Deutschland steigt weiter. Noch immer ist über den Erreger zu wenig bekannt, bisher gibt es noch keinen Impfstoff. Was macht das Virus so gefährlich und wie kann man sich schützen?

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Eine wichtige Rolle spielen zurzeit sogenannte preprints, also Studien, die auf entsprechenden Servern veröffentlicht werden, bevor sie von anderen Wissenschaftlern begutachtet wurden. Preprints haben den Vorteil, dass die Studien sehr früh veröffentlicht werden und für jeden zugänglich sind. Leider sind darunter auch die erwähnten fragwürdigen Studien - das muss man alles sorgfältig einordnen.

heute.de: An wie vielen Orten in der Welt wird an dem Virus geforscht, nach einem Impfstoff oder Wirkstoff gesucht?

Brinkmann: Das ist schwer zu sagen. Aber in kürzester Zeit haben viele Labore, Institute und Forscher umgeschwenkt und arbeiten jetzt unter anderem an der Entwicklung von Therapien, Wirkstoffen, Impfstoffen und der Biologie von SARS-CoV-2. Ich kenne viele Kolleginnen und Kollegen, die sehr schnell Anträge, zum Beispiel bei der EU, eingereicht haben, und jetzt bereits an den Projekten arbeiten.

Insgesamt ist es beeindruckend, was in diesem Bereich der Wissenschaft gerade passiert. Ich habe große Hoffnung, dass mindestens einer der Ansätze in der Impfstoff-Entwicklung funktionieren wird. Durch die vorangegangenen Arbeiten an den anderen Coronavirus-Erkrankungen SARS und MERS kennt man bereits die Komponente des Virus, die eine sehr gute Immunantwort auslöst.

Und dieser erste Schritt ist meist der schwierigste. Trotzdem wird ein sicherer Impfstoff dieses Jahr nicht mehr auf den Markt kommen - es muss erst sichergestellt werden, dass seine Anwendung sicher ist.

heute.de: Was macht Ihnen Hoffnung, dass es bei uns glimpflicher ablaufen wird als etwa in Italien?

Brinkmann: Wir haben vermutlich durch reinen Zufall das Glück gehabt, erste Fälle erst später ins Land bekommen zu haben als Italien. Durch eine gute Labordiagnostik über das ganze Bundesgebiet verteilt, haben wir dann früh getestet und haben erste Infektionen zu einem Zeitpunkt gesehen, als in Italien die Infektionsketten schon deutlich weiter fortgeschritten waren. Maßnahmen zur Minderung der Infektionsraten starten bei uns nun früher als in Italien.

Aber auch bei uns werden die Fallzahlen weiter ansteigen. Wir kommen bereits jetzt an Grenzen, in den Laboren stapeln sich die Proben. Flächendeckende Tests kann nur jemand fordern, der kein Wissen über Labordiagnostik hat.

Selbst wenn man nur das Klinikpersonal testen wollte, um es so früh wie möglich nach Kontakt mit infizierten Patienten wieder zur Arbeit schicken zu können, wäre das ein riesiger Kraftakt. Und wir dürfen die Ressourcen nicht "verschießen", denn wir brauchen sie später noch für die wirklich Schwerkranken. Dann muss die Diagnostik auch noch verlässlich laufen.

heute.de: Was wissen wir schon über das Virus?

Brinkmann: Es gibt jetzt eine erste formale Studie aus Deutschland die zeigt, dass das Virus aktiv im Rachen repliziert, sich also tatsächlich dort vermehrt. Durch die Presse geht ja auch, dass das Virus im Stuhl nachweisbar sei. Wir wissen nun durch diese Studie, die gerade als preprint bei medRxiv erschienen ist, dass dies zwar richtig ist, das Virus im Stuhl aber nicht mehr infektiös zu sein scheint.

Man muss aber dazu sagen, dass die Patienten dieser Studie nur milde Symptome hatten - man muss nun sehen, ob dies bei Patienten mit schwereren Symptomen ebenfalls der Fall ist. Dies wäre eine äußerst wichtige Erkenntnis, damit dieser Übertragungsweg ausgeschlossen werden kann.

Eine weitere wichtige Frage lautet: Baut der Mensch einen guten Immunschutz gegen eine erneute Infektion mit SARS-CoV-2 auf? Dazu ist gerade eine Studie von einer Arbeitsgruppe aus Beijing als preprint bei bioRxiv erschienen. Sie hat im Tiermodell mit Rhesusaffen zeigen können, dass die Tiere nach einer bereits durchgemachten SARS-CoV-2 Infektion bei einer erneuten Infektion nicht wieder erkrankten. Dies sind gute Nachrichten - nun muss sich diese Studie aber erst in den strengen wissenschaftlichen Begutachtungsprozess begeben.

Das Interview führte André Madaus.

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