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Ein hoffnungsloser Kampf

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Indien in Zeiten von Corona - Ein hoffnungsloser Kampf

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Die Coronavirus-Pandemie - für die dicht besiedelten Städte in Indien eine besondere Herausforderung. Schon jetzt herrscht die Angst, das der Kampf gegen Corona verloren ist.

Anstehen in einem Mittelstandviertel von Delhi. Den Ernst der Lage haben hier die meisten begriffen.
Anstehen in einem Mittelstandviertel von Delhi. Den Ernst der Lage haben hier die meisten begriffen.
Quelle: ZDF / Shams Ul Haq

Als der indische Premierminister Narendra Modi am 24. März um 20 Uhr eine Ausgangssperre für die nächsten 21 Tage verkündete, blieb den Bewohnern seines Landes nur wenig Zeit um sich darauf vorzubereiten. Denn schon um 24 Uhr trat die Ausgangssperre in Kraft.

"Es musste alles sehr schnell gehen", erzählt Kumar Singh, der im Ortsteil Nampally von Hyderabad wohnt und arbeitet, eine Sieben-Millionen-Metropole im Südteil Indiens. Der 35-jährige IT-Spezialist erzählt von der Hektik im Anschluss an die Ansprache. Für die Vorbereitungen, das öffentliche Leben lahm zu legen, blieben gerade mal vier Stunden Zeit. Zu wenig auch für seine Firma, um für die Angestellten Homeoffice zu arrangieren.

Trügerische Sicherheit

Nach dem offiziellen Stand vom 29. März zählt Indien gerade mal 979 Infizierte, von denen bisher 25 Menschen starben. Das klingt unrealistisch. Singh hält es aber in der Tat für möglich, dass die Zahl der Infizierten momentan noch relativ gering ist.

"Das Virus brachte vor allem die mobile Oberschicht ins Land", erklärt Singh. Gemeint sind etwa Manager, die zwischen den Kontinenten pendeln. Da sich Reiche und Arme in dem vom Kastensystem bestimmten Indien traditionell nur auf Distanz begegnen, wenn überhaupt, verlangsame das die Epidemie vielleicht für ein paar Tage.

In Indien sind mehr als eine Milliarde Menschen von einer Ausgangssperre betroffen. Die Polizei setzt diese mit irritierenden Methoden durch.

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Wenn es wirklich los ginge, könnten die Behörden dem Geschehen letztlich aber nur zusehen. "Unsere wenigen Krankenhäuser haben überhaupt nicht die Kapazitäten, auch nur einen Bruchteil unterzubringen", beklagt Kumar Singh.

Die Tagelöhner steckten in der Stadt fest. Zu ihren Familien auf dem Land fährt kein Bus mehr. Die Tempel, Moscheen und Kirchen aller Konfessionen haben Suppenküchen eingerichtet, damit die Obdachlosen wenigstens nicht verhungern. Unter ihnen lassen sich zwei Meter Sicherheitsabstand allerdings unmöglich täglich über 24 Stunden einhalten. "Die schlafen in Gruppen", sagt Singh.

Optimistische Mittelschicht

Aus Subzi Madi in der Region Delhi zeichnet Nadeem Mohammed ein helleres Bild, auch wenn der Textilunternehmer seine Fabrik ebenfalls von jetzt auf gleich schließen musste. Die Regierung setze alles daran, die Menschen aufzuklären.

Der Staat organisiere die Essensausgabe für Arme, für mehrere hunderttausend arbeitslose Tagelöhner. Wer im Krankenhaus mit dem Virus erscheine, werde vernünftig behandelt, blickt der Geschäftsmann aus der Perspektive des Wohlhabenden auf das Tagesgeschehen.

Ein verlorener Kampf


Ein Hauptstadtjournalist aus Neu-Delhi, der nicht genannt werden will, sieht den Kampf gegen Corona allerdings als verloren an, "... ziemlich egal, was die Regierung beschließt". Die offizielle Zahl der Infizierten nehme ohnehin niemand ernst.

"Nur die Wohlhabenden können sich testen lassen", kritisiert er. Die Tagelöhner hockten indes dicht aufeinander. Geradezu ideale Bedingungen, um sich zu infizieren. Manche der Männer schafften es auch ohne Bus, in ihre Dörfer zu gelangen, notfalls über 400 Kilometer zu Fuß. Und verbreiten so die Infektion auf dem Land.

100 Millionen Opfer?

Die Mittelschicht könne die Regierung mit Aufklärungsmaßnahmen zwar erreichen, "... aber nicht die Millionen, die ganz unten stehen". Sternförmig breite sich Corona von den Metropolen inzwischen aus.

Militär und Polizei kontrollieren in Dehli gemeinsam. Einkaufen ist erlaubt, sonst nichts.
Militär und Polizei kontrollieren in Dehli gemeinsam. Einkaufen ist erlaubt, sonst nichts.
Quelle: ZDF / Shams Ul Haq

Er wisse von nüchternen Rechenspielen in der Politik, die bei 1,3 Milliarden Indern von 80 Prozent Infizierten ausgehen. "An der Sterberate von Italien orientiert, werden am Ende rund 100 Millionen Inder Corona nicht überleben", so seine düstere Prognose.

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