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"Jetzt sind wir total überlaufen"

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Pflegerin auf Intensivstation - "Jetzt sind wir total überlaufen"

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Applaus war gestern, heute spüre sie Wut und Skepsis in der Bevölkerung, berichtet eine Covid-Pflegekraft. Wie sich erste und zweite Welle unterscheiden.

Pflegerin auf einer Intensivstation bereitet sich vor
Medizinische Fachkraft in Schutzkleidung.
Quelle: epa

Deutschland befindet sich inmitten der zweiten Welle. Es ist viel mehr über das Coronavirus bekannt als noch am Anfang des Jahres.

Doch einige Menschen scheinen in gewisser Weise abgestumpft oder "corona-müde" geworden zu sein. Die Intensivpflegerin Carolin von Ritter-Zahony bekommt das im Beruf, aber auch privat zu spüren, wie sie im ZDF-heute-Interview erzählt.

ZDFheute: Wie sieht es derzeit auf der Covid-Intensivstation bei Ihnen aus?

Ritter-Zahony: Vergangene Woche war es noch sehr ruhig bei uns. Jetzt sind wir total überlaufen, um es mal platt zu sagen. Derzeit liegen bei uns sechs Patienten, von denen vier beatmet werden müssen. Zwei weitere sind zur Aufnahme angemeldet.

ZDFheute: Wieso befinden wir uns Ihrer Meinung nach so massiv in dieser zweiten Welle?

Ritter-Zahony: Die Bereitschaft, sich ein bisschen im Alltag zurückzuhalten, hat einfach abgenommen und diesen Lockdown provoziert. Das ist natürlich kein angenehmer Weg, den man jetzt gehen muss.

Aber Letzten Endes sind wir alle selbst dran schuld. Die Zahlen sind verheerend.

Und klar, das tut jetzt vielen Leuten extrem weh. Aber da sind halt genau die Leute dran schuld, die immer laut schreien: meine Freiheit!

ZDFheute: Was belastet Sie an der jetzigen Situation am meisten?

Ritter-Zahony: Es sind sicherlich die Corona-Leugner. Die Menschen, die keinerlei Verständnis und Solidaritätsgefühl haben.

Ich habe tatsächlich schon ein bisschen Angst vor der kommenden Zeit.

In der ersten Welle hat das alles gut funktioniert, weil die Resonanz gut war. Ich befürchte leider, dass es diesmal nicht so laufen wird, weil die Akzeptanz in der Bevölkerung nicht mehr so da ist und das macht einem zu schaffen.

Und weil letztlich auch nichts passiert ist, was der Pflege irgendwie gutgetan hätte. Und ich merke meinen Mitarbeitern an, dass das an ihren Nerven zerrt.

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ZDFheute: Das heißt, Sie alle spüren, wie die Dankbarkeit und Wertschätzung in der Bevölkerung abgeebbt ist?

Ritter-Zahony: Tatsächlich ist das zum Teil so, ja. Ich hatte letztens eine ganz schlimme Taxifahrt. Ich hatte eine Maske auf und der Taxifahrer sprach mich darauf an, mit den Worten: Corona gibt’s ja eh nicht. Ich wollte mich dann eigentlich gar nicht auf das Gespräch einlassen. Der Fahrer fragte mich, ob ich auch eine derjenigen wäre, die Intensivpflegerin sei. Ja, das seien ja mittlerweile alle, die gehört werden wollen.

Und von diesen Situationen gibt es leider mehrere. Man wird teilweise als Arbeitskraft in der Pflege als nervig angesehen. Es kommt immer durch: Ihr verdient doch gut, stellt euch doch nicht so an! Und das hört man natürlich ungern, weil man den ganzen Tag so viel gibt. Während der ersten Welle war die Dankbarkeit allen Berufsgruppen gegenüber sehr groß, jetzt ist das Verständnis einfach oft weg.

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ZDFheute: Was unterscheidet denn diese Situation jetzt von der ersten Welle?

Ritter-Zahony: In der ersten Welle konnten wir extrem schnell – innerhalb von Stunden – Personal akquirieren, dass wir wirklich aus jeder Ecke des Klinikums gezogen haben. Und die Leute wollten auch wirklich helfen.

Wir hatten Massen an Studenten, die uns unterstützt haben. Davon ist jetzt überhaupt nicht mehr die Rede.

Sie sagen jetzt, dass sie nicht unbedingt noch mal auf die Covid-Station wollen. Ich gehe davon aus, dass wir sehr am Limit kratzen werden. Der Winter wird kommen, auch unser Personal wird krank werden. Ich rechne mit einem hohen Ausfall.

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ZDFheute: Hat sich denn im Arbeitsalltag mit den Patienten etwas im Vergleich zur ersten Welle verändert?

Ritter-Zahony: Dadurch, dass viele Patienten auch wach sind, haben wir mehr Ein- und Ausschleusungsprozesse als vorher. Man kann die Arbeit jetzt weniger planen als bei Komapatienten. Die Patienten können nun ihre Wünsche und Bedürfnisse zum Ausdruck bringen. Das ist natürlich viel, viel schöner, aber eben auch deutlich weniger planbar.

Es klingelt jetzt natürlich auch mal jemand und hat Angst, muss dann intensiver betreut werden – von emotionaler Seite her.

Jeder, der jetzt Corona hört, der hat natürlich jetzt erstmal Angst.

Die Patienten vergessen die Bilder aus Bergamo nicht, die Sargtransporte. Und die wissen ja auch, was in der ersten Welle passiert ist, wie viele Leute da gestorben sind. Die Menschen haben einfach Angst. Man muss natürlich auch den fehlenden Besuch ersetzen bzw. kompensieren. Und das ist maßgeblich unser Job.

Das Interview führte Julia Lösch.

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