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Virologe: Wir haben einen Fehler wiederholt

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Interview zum Coronavirus - Virologe: Wir haben einen Fehler wiederholt

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Was hat China falsch gemacht, und was verrät die Pandemie über Wirtschaft und Gesellschaft? Antworten gibt Virologe Alexander Kekulé im ZDF-Interview.

Mögliche Medikamente und den Weg zum Impfstoff erklärt das Grafikvideo. Der Gencode des Virus wurde schon früh in China analysiert und für alle Experten auf Servern weltweit zur Verfügung gestellt.

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ZDF: Wie sind Chinas Maßnahmen, die ja doch auch sehr drastisch sind, vom Standpunkt eines Virologen aus zu beurteilen?

Alexander Kekulé: China hat sehr drastisch und leider zu spät reagiert. Das ist das Hauptproblem gewesen. Am Anfang gab es ja sogar eine Vertuschung der Fälle. Man hat nicht zugegeben, wie viele (Fälle) im Land sind und hat auch am Anfang wirklich aktiv verhindert, dass die Ausbreitung bekämpft wird in Wuhan

Dann später hat man diese erste Phase einer epidemischen Bekämpfung, wo man noch in der Lage ist kleine Infektionsherde quasi auszutreten, die hat man verpasst und deshalb nur noch mit Eingrenzungsmaßnahmen gearbeitet. Wir nennen das "Cordon sanitaire" - ein Sanitätsband um die Stadt herum gezogen. Das ist völlig schief gegangen, weil die Menschen in Scharen vorher die Stadt verlassen haben. Der Bürgermeister von Wuhan hat erklärt, dass über die Hälfte seiner elf Millionen Einwohner vorher geflohen sind, bevor dieser Cordon geschlossen war und dadurch hat das überhaupt nicht funktioniert.

ZDF: Was bedeutet es für einen Pandemieplan, wenn Infektionen nicht mehr nachvollzogen werden können?

Kekulé: Pandemiepläne sind ja für den Fall einer Grippepandemie ursprünglich mal gemacht worden. Die setzen eigentlich an der Stelle an, muss man ganz klar sagen, wo wir nicht mehr in der Lage sind, einzelne Infektionen nachzuvollziehen. Das, was wir jetzt noch versuchen, dass wir die Infektionsketten versuchen zu identifizieren, das ist in der Pandemie quasi definitionsgemäß nicht mehr möglich. Das ist übrigens auch der Grund, warum die Weltgesundheitsorganisation bisher offiziell die Pandemie nicht erklärt hat. Weil bevor das pandemische Stadium eintritt, ist der Versuch der, einzelne Krankheitsausbrüche mit allen Mitteln zu bekämpfen. Wenn man das verpasst hat und über diese Phase hinaus ist, dann ist die zweite Stufe eigentlich nur noch die Schadensbegrenzung.

Die Pandemie-Pläne gehen von der Situation der Schadensbegrenzung aus. Da hat also der (Gesundheits-)Minister (Spahn), falls er das so gesagt hat, nicht sauber genug unterschieden.

Das Coronavirus hat Deutschland erreicht und breitet sich aus. Rasend schnell nicht nur in Europa, sondern weltweit.

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ZDF: Wie wichtig wäre eine kritische wissenschaftliche Stimme?

Es wäre extrem wichtig, dass wir hier Wissenschaft auch, ich sage mal, ambivalent diskutieren, weil diese Aussagen nicht immer eindeutig sind. Wir haben Schätzungen, zum Beispiel in Deutschland, von namhaften Kollegen von mir, die gesagt haben, dass wir in den nächsten zwei Jahren bis zu 250.000 oder 500.000 Tote haben werden wegen der Coronavirus- Epidemie. Zugleich ist, sagt die Behörde, die unmittelbar von diesen Kollegen beraten wird, das Risiko gering für die Bevölkerung.

Solche Diskrepanzen, die eigentlich für den Fachmann offensichtlich sind, müssten wir viel mehr diskutieren, weil ich glaube, dass die Bevölkerung nicht dumm ist. Die verstehen das schon und die haben auch das Gefühl, da wird uns was erzählt, was möglicherweise eine Beschwichtigung ist. Aus meiner Sicht ist das eigentlich der wichtigste Grund für Panik - wenn man das Gefühl hat, die sagen uns nicht die Wahrheit. Das gilt für China, das gilt in Norditalien und das gilt auch für Deutschland.

ZDF: Wie konnte es in Italien zu diesem massiven Ausbruch kommen?

Kekulé: In Italien ist offensichtlich der Fall eingetreten, den ich ja befürchtet habe und vor dem ich wirklich im Januar schon gewarnt habe. Man hat offensichtlich eine importierte Infektion gehabt. Ich gehe davon aus, dass die aus China passiert ist, oder aus einem der großen Risikogebiete. Man hat keine Einreisekontrollen durchgeführt. Dadurch kam es zu einer Ausbreitung im Land, die lange nicht erkannt wurde und da hat man den nächsten Fehler gemacht. Man hat nicht alle schwer grippekranken Patienten auch auf Corona getestet.

Das ist eine andere Forderung, die ich seit vielen Wochen habe, die auch in Deutschland noch nicht erfüllt wird. Dadurch, dass man das nicht getestet hat, hat man am Anfang gedacht, es sind Grippe oder Erkältungen und die Krankheit konnte sich, bevor man sie sozusagen dingfest gemacht hat, massiv ausbreiten. Als die Krankheit zum ersten Mal in Italien festgestellt wurde, hatte man schon weit über 200 Fälle. Mit so einer Situation wäre auch das deutsche System komplett überfordert.

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Coronavirus-Illustration.

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Lockerungen, Suche nach dem Impfstoff, milliardenschwere Wirtschaftshilfen - verfolgen Sie alle Entwicklungen zum Coronavirus in Deutschland und weltweit im Liveblog.

ZDF: Was richtet eine so grundlegende, die bestehende Ordnung erschütternde Erfahrung mit den betroffenen Gesellschaften an?

Kekulé: Ich glaube, dass wir anhand dieser Pandemie ganz viele wichtige Dinge lernen. Zum einen lernen wir, dass unsere Umwelt etwas extrem Fragiles ist, mit der wir die ganzen Jahre extrem schlecht umgegangen sind. Man muss sich klar machen, wir haben einen Fehler wiederholt von 2003, als damals Sars ausgebrochen ist. Wir haben wieder wilde Tiere benutzt, quasi deren Blut irgendwie ins Essen gebracht, und auf diese Weise ein Virus auf uns Menschen überspringen lassen, das sonst nie auf uns herüber gekommen wäre.

Wir haben auch gelernt, dass unsere wirtschaftliche Welt extrem fragil zusammenhängt. Dass wir jetzt merken, dass die Masken, die wir jetzt brauchen, vorher nach China verkauft wurden, oder zum Teil Medikamente in China produziert werden, die jetzt nicht mehr herkommen und es dadurch schwierig machen, unsere Pandemiepläne auszuführen, die wir mal so schön aufgeschrieben haben. Das sind alles Dinge, die werden uns jetzt klar.

Ich glaube, wir müssen neben anderen Argumenten, die es gibt, durchaus nochmal darüber nachdenken, ob diese völlig rigorose und grenzenlose Globalisierung etwas ist, was funktionieren kann in Gesellschaften, die dann doch am Ende, wenn es um so etwas geht, ein gehöriges Stück Egoismus haben.

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von Elmar Theveßen

ZDF: Ist Corona so eine Art Fiebermessen für unsere sozialen Systeme?

Wir lernen aus allen Krisen und insbesondere aus Infektionskrankheiten letztlich, wie stabil unsere sozialen Systeme sind. Infektionskrankheiten waren schon immer in der Geschichte die Krankheiten der Armen. Die Reichen wussten sich zu schützen. Es war auch so, dass (damals) die Ärzte, die in Venedig waren, als die Pest ausgebrochen ist, die ersten waren, die die Stadt verlassen haben - weil die ja wussten, was los ist. Die hatten auch irgendwelche Villen irgendwo im Hinterland und konnten sich schützen.

Die Armen, die vorne sind und die nicht weglaufen können, die auch medizinisch schlechter versorgt sind, die sind in den USA und überall woanders auf der Welt. Von den Entwicklungsländern möchte ich gar nicht sprechen (…).

ZDF: Die Bilder, die aus China durch die Medien gingen, haben die Menschen sehr beeinflusst. Wird die schnellere Verbreitung durch die sozialen Medien bei den Pandemieplänen berücksichtigt?

Wir haben bei diesem Ausbruch zum ersten Mal einen ganz massiven Einfluss der sozialen Medien im Internet. Das ist vorher noch nie so gewesen. Höchstwahrscheinlich deshalb, weil sich der Einfluss der sozialen Medien in den letzten Jahren insgesamt stark vermehrt hat und weil diese Medien natürlich die Besonderheit haben, dass starke Bilder und überzogene Thesen eine besonders hohe Reichweite haben. Dadurch ist es den Gesundheitsbehörden weltweit nicht richtig gelungen, das wieder einzufangen.

Wir haben so viele Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit diesem neuen Coronavirus, es würde mehrere Sendungen füllen, das alles zu erklären. Aber es ist wirklich erschreckend und ich beobachte das selber mit Sorge, dass wir hier quasi eine Epidemie der Fehlinformationen haben, die parallel aufgetreten ist.

 Das Interview führte Stephanie Gargosch.

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