ZDFheute

Darum leiden junge Menschen jetzt besonders

Sie sind hier:

Jugendpsychologe warnt - Darum leiden junge Menschen jetzt besonders

Datum:

Keine Schule, kein Tagesrhythmus, keine Freunde: Die Corona-Krise ist Gift für viele Kinder und Jugendliche. Fragen dazu an einen Psychologen.

Einsames Kind
Kinder sind durch die Corona-Krise psychisch besonders gefährdet.
Quelle: imago

ZDFheute: Seit Wochen keine Schule und endlos Zeit zum Zocken und Chillen: Eigentlich könnte man vermuten, dass für viele Jugendliche da ein Traum in Erfüllung gegangen ist. Aber tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass Jugendliche gerade sehr gelangweilt und oft auch unglücklich sind. Woran liegt das?

Julian Schmitz: Das ist richtig, und genau das nehmen wir Psychologen aktuell in unserer Arbeit wahr. Viele Jugendliche und Kinder empfinden diese Zeit ohne Betreuung oder Schule als belastend.

Ihnen fehlen die gewohnte Tagesstruktur und natürlich auch ihre Freunde. Beides ist für die psychische Gesundheit sehr wichtig. Diese Situation stellt schon Gesunde vor große Herausforderungen - und diejenigen, die ohnehin bereits eine psychische Erkrankung haben, leiden um so mehr.

Geschlossene Schulen und Unterricht zuhause. Das bedeutet Stress für Eltern und Kinder, denn auch für die Kinder ist die Situation ein Bruch mit der Routine.

Beitragslänge:
3 min
Datum:

ZDFheute: An welche Vorerkrankungen denken Sie da?

Schmitz: Die ganze Bandbreite. Von Schlaf- und Konzentrationsstörungen über ADHS bis zu Traurigkeit, Depressionen und Angst.

ZDFheute: Wie viele Kinder und Jugendliche waren davon denn bereits vor Corona betroffen?

Schmitz: Wir gehen davon aus, dass etwa 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter einer behandlungsbedürftigen Erkrankung leiden. Und gerade für viele mittelgradig Erkrankte besteht meiner Meinung nach derzeit die Gefahr, in schwerere Erkrankungen zu rutschen.

ZDFheute: Alles nur, weil die Schulen geschlossen haben?

Schmitz: Auch deshalb. Fehlende soziale Kontakte, Mangel an Tagesrhythmus, das spielt da alles mit rein. Aber auch weil die ambulante und stationäre Versorgung für psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche stark eingeschränkt ist.

Aus der natürlich verständlichen Sorge um Infektionen sind viele Einrichtungen geschlossen. Bei den Therapieangeboten in Praxen sehen wir einen Rückgang um die Hälfte - und gleichzeitig eine sehr hohe psychische Belastung bei den Betroffenen. Angebot und Bedarf passen gerade gar nicht zusammen.

ZDFheute: Wie könnte ein Ausweg aus der Situation aussehen?

Schmitz: Eine Möglichkeit könnte sein, die derzeit sehr restriktiv gehaltene Betreuung in Schulen auch für psychisch vorerkrankte Kinder und Jugendliche zu öffnen.

Wir von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie haben uns deshalb jetzt gemeinsam mit dem Kinderschutzbund an die Landesregierungen gewandt, damit vorerkrankte Kinder und Jugendliche diese Möglichkeit der Betreuung bekommen - und auch solche, deren Eltern psychisch krank sind. In solchen Familien steigt mit der permanenten Enge auch das Risiko von Gewalt.

Alle müssen Zuhause bleiben: Für manche Kinder kann das Gewalt und Vernachlässigung bedeuten, befürchten Sozialarbeiter. Fast alle sozialen Angebote mussten eingestellt werden. Die Gewalt wird zunehmen, zeigen bereits Zahlen aus anderen Ländern.

Beitragslänge:
3 min
Datum:

ZDFheute: Noch einmal zum gelangweilten, vielleicht frustrierten Durchschnittsjugendlichen: Läuft der auch Gefahr, ernsthaft langfristig unter der aktuellen Situation zu leiden?

Schmitz: Natürlich kann man auch als psychisch Gesunder in eine Krise kommen. So eine anhaltende Kontaktsperre hat nicht nur ökonomische Auswirkungen, sondern beeinflusst auch die psychische Gesundheit negativ.

Die Mehrzahl wird da sicherlich gesund herauskommen. Aber man kann davon ausgehen, dass vielleicht fünf Prozent im Zuge von Corona eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung bekommen - alles neue Patienten in einem System, das schon vorher stark überlastet war.

ZDFheute: Wie kann man als Eltern dabei helfen, dass dies erst gar nicht geschieht?

Schmitz: Wichtige Punkte sind da sicherlich Regelmäßigkeit, Tagesstruktur, Hilfe bei der Organisation aller schulischen Aufgaben. Gemeinsam auch mal rausgehen. Soziale Kontakte über digitale Möglichkeiten pflegen. Und auch Möglichkeiten innerhalb der Familie finden, sich gegenseitig zu entlasten.

Das Interview führte Christian Thomann-Busse.

Aktuelles zur Coronavirus-Krise

"ZDF.reportage: Mit Maske nach Mallorca - Das neue Urlaubsgefühl": Ein Strand mit Urlaubern. Einige sitzen am Strand, andere sind im Meer.

Nachrichten | heute 19:00 Uhr -
Mallorca gehört zum Risikogebiet
 

Nachdem sich die Corona-Zahlen in Spanien entspannt hatten, scheint dort nun eine zweite Welle angekommen zu …

von Anna Feist
Videolänge:
1 min
Der Leiter des Gesundheitsamts Trier-Saarburg Harald Michels

Gesundheitsamt Trier-Saarburg -
Probleme bei Reiserückkehrern
 

Reiserückkehrer stellen Gesundheitsämter vor Herausforderungen: Der Leiter des Gesundheitsamts …

Videolänge:
1 min
Eine Blutprobe für einen Antikörpertest. Archivbild

Nachrichten | heute -
Corona-Studie in Kupferzell
 

Das Robert-Koch-Institut hat eine hohe Dunkelziffer nicht erfasster Corona-Fälle in Kupferzell ermittelt. In …

von Petra Otto
Videolänge:
1 min
Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.