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Interview mit Kinderarzt Kiess - Coronavirus: Wie gefährdet sind Kinder?

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Vier Kita-Kinder in NRW sind mit dem Coronavirus infiziert. Sollten Kinder nicht in den Kindergarten gehen? Wieland Kiess, Chef der Kinderklinik Leipzig, hält das für übertrieben.

Mädchen wird von Arzt untersucht
Wie anfällig sind Kinder für das Coronavirus? Ein Mädchen wird von einem Arzt untersucht.
Quelle: colourbox.de

heute.de: Sind Kinder für Viren eigentlich generell anfälliger als Erwachsene?

Wieland Kiess: Nein, Kinder sind nicht generell anfälliger für Viren. Aber es gibt Unterschiede, je nach Virus. Nehmen wir das Beispiel Frühsommer-Meningoenzephalitis, kurz FSME. Diese Hirnhautentzündung wird durch Zecken übertragen und ist insbesondere in Bayern ein großes Thema. FSME befällt Kinder und Erwachsene. Während die Erkrankung bei älteren Patienten tödlich sein kann, sieht man bei Kindern eher einen weichen Krankheitsverlauf. Ganz anders sieht das bei Infektionen durch Noro- oder Rotaviren aus. Diese können für Kleinkinder lebensgefährlich werden, während der Körper eines gesunden Erwachsenen das besser übersteht.

heute.de: Wie sieht es bei Covid-19 aus? Wie man hört, sind ja vor allem ältere Menschen gefährdeter, an der Erkrankung zu sterben.

Kiess: Die Frage stellen wir uns aktuell natürlich auch in der Community der Kinderärzte. Bislang scheint es so zu sein, dass Covid-19 bei Kindern sehr milde verläuft. Aber es gibt derzeit noch keine Daten, die wirkliche Rückschlüsse zulassen. Interessant ist allerdings, dass die Erkrankten mit schwerem Krankheitsverlauf, die wir zum Beispiel auch aus Norditalien kennen, häufig um die 50 Jahre alt sind. Tatsächlich wissen wir aber nicht, welche Altersgruppen besonders gefährdet sind.

heute.de: Vermutlich wird es aufgrund der wenigen bekannten Fälle dann auch schwierig, einen Krankheitsverlauf bei Kindern zu beschreiben?

Kiess: Wir kennen tatsächlich bislang nur einen belegten Krankheitsverlauf bei einem Achtjährigen. Wir wissen aber, dass Menschen mit einem geschwächten Immunsystem generell anfälliger für Infektionen sind. Menschen mit einer Krebserkrankung, Frühgeborene und Hochbetagte. Deshalb haben wir auch ein besonderes Augenmerk auf unsere Kinderkrebsstation.

heute.de: Woran könnte man erkennen, dass ein Kind mit Covid-19 infiziert ist?

Kiess: Auch das lässt sich nicht so einfach sagen. Wir wissen nicht, wie viele Menschen gerade in China das Virus tragen, aber gar keine Symptome haben. Das kennen wir ja auch von der Influenza, dass viele infiziert sein können, aber nicht krank werden. Vermutlich können wir auch bei Kindern die gesamte Bandbreite sehen - von leichten Erkältungssymptomen über Fieber und Abgeschlagenheit bis hin zu schwersten Lungenentzündungen mit solcher Atemnot, dass eine künstliche Beatmung nötig ist.

heute.de: Ein Blick auf die Verletzlichsten, auf Babys. Sollen Mütter ihren Nachwuchs nun weiter stillen - oder ist das vielleicht sogar gefährlich, wenn man selbst das Coronavirus trägt?

Kiess: Bislang gibt es keinen Hinweis darauf, dass Coronaviren über die Muttermilch übertragen werden können. Bei HIV und Hepatitis ist das ja anders. Stillen fördert die Abwehrkräfte des Babys. Aus meiner Sicht spricht nichts dagegen. Stillen schützt.

heute.de: Hygiene hilft bekanntlich bei Infektionswellen. Kann man schon Kleinkindern die wichtigsten Hygieneregeln nahebringen?

Kiess: Das geht tatsächlich, ich sehe das gerade live bei meinem zweijährigen Enkel. Kinder nehmen Vorbilder gerne an.

Wenn man in der Familie aus dem regelmäßigen Händewaschen kleine gemeinsame Rituale macht, dann übernimmt der Nachwuchs das auch.
Wieland Kiess, Chef der Kinderklinik Leipzig

Und irgendwann kommt der Punkt, an dem sie uns daran erinnern, dass wir noch die Hände waschen müssen. Man muss es nur vormachen und gemeinsam tun, dann klappt das.

heute.de: Ist es in dieser ungewissen Zeit vielleicht besser, sein Kind jetzt gar nicht in den Kindergarten zu schicken und zu Hause zu lassen?

Kiess: Um Himmels Willen, nein! Es gibt keinen Hinweis darauf, dass wir aktuell ein Riesenproblem in Deutschland haben. Das Problem spielt sich gerade vor allem in den Köpfen ab. Aber natürlich ist es immer ratsam, regelmäßig darauf zu schauen, was das Robert-Koch-Institut sagt. Falls es doch in die Richtung einer Epidemie mit der Wucht einer Spanischen Grippe gehen sollte, muss man die Situation neu bewerten.

heute.de: Von Sars im Jahr 2004 hat man ja nie wieder etwas gehört. Haben wir da auch bei Sars-Cov-2, also dem Erreger von Covid-19, eine Chance, dass die Erkrankung einfach so wieder verschwindet?

Kiess: Auch das ist möglich. Viren brauchen wie alle anderen Lebewesen bestimmte Rahmenbedingungen. Wenn es feucht und warm ist, treten vermehrt Durchfallerkrankungen auf.

Lungenerkrankungen wie Covid-19 lieben es knackig kalt.
Wieland Kieß, Chef der Kinderklinik Leipzig

Wenn jetzt wärmere Temperaturen kommen, dürfte es das neue Coronavirus immer schwerer haben. Aber wir müssen sehen, wie sich das entwickelt, wir sind keine Propheten.

Das Interview führte Christian Thomann-Busse.

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Ein Zettel, der an einem Geschäft klebt, weist auf den Mindestabstand von 1,5 Meter hin, der einzuhalten ist.
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