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"Wir sind extrem blind im Kinderschutz"

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Sozialarbeit während Corona - "Wir sind extrem blind im Kinderschutz"

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Die Zahlen zur Gewalt gegen Kinder bewegen sich seit Jahren auf hohem Niveau. Der Shutdown in der Corona-Krise erschwert die ohnehin komplizierte Arbeit der Sozialarbeiter.

Ein leerer Spielplatz in Berlin, aufgenommen am 20.03.2020
Gesperrter Spielplatz in Berlin: Wie geht es den Kindern in den Wohnungen?
Quelle: dpa

Einmal die Woche fährt Christoph Olschewski von der Arche Potsdam durchs Neubauviertel. Corona hat seine Arbeit verändert. Der Treffpunkt für sozialschwache Familien ist seit Wochen zu. Daher bringt der Sozialarbeiter Lebens- und Hygieneartikel jetzt bis vor die Haustür. Dabei erkundigt er sich auch, wie es den Menschen momentan geht. In vielen Familien werden die Probleme größer, je länger der Shutdown dauert, beobachtet er.

"Das geht an die Substanz und viele Familien haben auch manchmal nicht so die Möglichkeit, erzieherisch da wirklich Herr drüber zu werden, und sind da sehr herausgefordert", sagt Olschewski, Chef der Arche Potsdam. "Und natürlich ist unsere große Sorge, dass es irgendwann auch zu Gewaltexzessen kommen kann."

Jede Woche drei tote Kinder

Schon vor der Pandemie waren die Zahlen zu Gewalt an Kindern in Deutschland erschütternd, wie die polizeiliche Kriminalstatistik 2018 zeigt:

  • 3 Kinder sterben pro Woche an den Folgen von Gewalt.
  • 10 bis 12 Kinder werden täglich misshandelt.
  • 40 Kinder sind täglich sexuellem Missbrauch ausgesetzt.

Jetzt sind Schulen, Kitas, und Freizeiteinrichtungen geschlossen. Das könnte weitreichende Folgen haben, befürchten Wissenschaftler.  

Kindern fehlen ihre Freunde, das gemeinsame Spielen und Lernen. Es wird Zeit, dass die Kitas wieder öffnen - zumindest teilweise.

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3 min
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"Die Erzieherinnen in den Kitas, die Lehrerinnen in den Schulen, aber natürlich auch die Kinderärztinnen und Kinderärzte, die sehen diese Kinder gerade nicht. Das heißt, hier können auch gar keine Meldungen zum Beispiel an die Jugendämter oder an die Polizei gemacht werden und das bedeutet, dass wir gerade extrem blind sind im Kinderschutz", sagt Professor Kathinka Beckmann von der Hochschule Koblenz.

Viele Jugendämter schon vor Corona am Limit

Anja Schauer arbeitete jahrelang in einem Kriseninterventionsteam für Kinder in Berlin. Mitten in der Corona-Krise war ihr letzter Tag, sie hatte schon vorher gekündigt. Vermüllte Wohnungen, Vernachlässigung, Misshandlung, auch Missbrauch, das war für die ehemalige Jugendamtsmitarbeiterin und ihre Kollegen Alltag. Schon vor der Pandemie stieß nicht nur sie an Grenzen.

"Es gibt Kollegen, die haben über 100 Fälle in der Betreuung, das kann man sich jetzt so als Laie nicht unbedingt vorstellen, was das bedeutet", berichtet Schauer. "Aber das heißt, das sind so 100 Familien, die auch nicht nur ein Kind haben, und da verliert man einfach den notwendigen Überblick."

Ein Computermodell des Coronavirus

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Im Jugendamt Treptow-Köpenick ist der Krisendienst Kinderschutz von 8 bis 18 Uhr erreichbar - vor allem per E-Mail und Telefon. Im Notfall fahren die Mitarbeiter zu Hausbesuchen. In der Krise wurden bisher deutlich weniger Kinder in Obhut genommen - im April waren es bisher nur zwei.

Jugendämter sind technisch schlecht ausgerüstet

Ein großes Problem - gerade in Krisenzeiten - sei die schlechte technische Ausstattung ihrer Mitarbeiter, erzählt die Leiterin des Jugendamts Treptow- Köpenick, Iris Hölling:

"Wir könnten sehr viel mehr tun, wenn wir, wie es in anderen Bereichen üblich und möglich ist, mobile Geräte hätten für unsere Mitarbeitenden, Diensthandys", sagt sie. "Dann könnten die alle jetzt auch problemlos im Homeoffice arbeiten."

Zurzeit weiß niemand, wie viele wirklich Hilfe brauchen. Und so bleibt im Dunkeln, ob Kinderschreie ungehört verhallen.

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