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"Hast du die Masken gezählt?"

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Intensivpflegerin erzählt - "Hast du die Masken gezählt?"

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Wie ist es auf einer Intensivstation mit schwer an Covid-19 erkrankten Menschen zu arbeiten? Eine Intensivpflegerin erzählt über ihren Alltag und wie es ihren Patienten geht.

Archiv: Ein Intensivkrankenpfleger betreut einen Patienten im Spezialbett
Intensivstation mit Beatmungsgerät: Der Alltag von Intensivpflegern verändert sich in der Corona-Krise.
Quelle: picture alliance/imageBROKER

Eigentlich wollte sie ihr Praktisches Jahr zu Ende machen und dann zwei Monate für das Staatsexamen in Medizin lernen - doch dann kam die Corona-Krise. Tausende Medizinstudenten haben sich gemeldet und auf Listen eingetragen, um in der Corona-Krise zu helfen - viele in ihren vorherigen Berufen.

In der Corona-Krise fehlt es an Personal in den Krankenhäusern. Jetzt sind bundesweit Medizinstudenten im Einsatz. Gefragt sind Tätigkeiten und Qualifikationen wie Gesundheits- und Krankenpflege sowie Kenntnisse bei der Betreuung von Beatmungsgeräten.

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2 min
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Die 31-jährige Studentin, die ihren Namen nicht nennen möchte, hat sich entschieden neben dem Lernen auf ihre Abschlussprüfung zu ihrem früheren Arbeitsplatz zurückzukehren - als Pflegekraft auf der Intensivstation.

ZDFheute: Wie viele Corona-Patienten werden bei Ihnen betreut?

Intensivpflegerin: Im Moment gibt es in der Klinik 22 stationär aufgenommene Patienten mit Covid-19, davon sind zehn auf der Intensivstation, drei davon sind auf der Station, auf der ich arbeite. Alle drei sind zwischen 60 und Mitte 70 Jahre alt und mäßig vorerkrankt: Sie haben Diabetes, Raucherlunge, leichte Leberzirrhose und Bluthochdruck, aber sowas haben viele in dem Alter.

ZDFheute: Was ist auffällig am Krankheitsbild?

Intensivpflegerin: Allen drei Patienten geht es sehr schlecht - aber anders als bei anderen Patienten auf der Intensivstation, haben sie nur eine schwere Erkrankung: das Lungenversagen.

Alle drei werden sehr, sehr schwer beatmet, wir sind da mit dem Druck und dem Sauerstoffgehalt am Anschlag. Und sie werden lange beatmet - zwei Wochen. Auffällig ist außerdem sehr hohes Fieber, das wir nur schwierig in den Griff bekommen.

Sie bekommen wenig Medikamente, die Hauptsache, die wir machen, ist das Beatmen. Dazu lagern wir sie alle sechs Stunden um, in eine seitliche Bauchlage. Wenn man auf dem Rücken liegt, ist die Luft eher oben, das Blut unten - das Umdrehen wälzt das praktisch einmal um, das zirkuliert dann besser. Das Umlagern ist mit der ganzen Verkabelung sehr aufwendig.

ZDFheute: Wie verändert das Coronavirus den Alltag auf der Intensivstation?

Intensivpflegerin: Das Arbeiten ist teils sehr mühsam: Wir tragen eine Haube, einen Kittel, doppelte Handschuhe, eine Schutzbrille und FFP3-Masken, wenn wir zu den Covid-19-Patienten gehen. Das heißt, das muss sehr gut geplant sein, man muss sich genau überlegen, was man im Zimmer des Patienten braucht und was man dort macht und wie man sich an- und auszieht, damit nichts passiert. Außerdem ist das Atmen unter der Maske schwierig, ich habe da schon Kreislaufprobleme bekommen.

Für die Schutzbrillen gibt es zwei Behälter: EIne zu den geraden und eine zu den ungeraden Stunden - so wird sichergestellt, dass sie immer mindestens eine Stunde im Desinfektionsmittel liegen.
Für die Schutzbrillen gibt es zwei Behälter: EIne zu den geraden und eine zu den ungeraden Stunden - so wird sichergestellt, dass sie mindestens eine Stunde in Desinfektionsmittel liegen.
Quelle: privat

Außerdem fehlen die Angehörigen - auch unsere anderen Patienten können zur Zeit nicht besucht werden. Auf der Intensivstation können wir nicht mit unseren Patienten reden, wir lernen sie kennen durch ihre Angehörigen. Das fehlt. Und für die Patienten ist es dramatisch: Eine Patientin hat eine schwere Leukämie, wir wissen nicht, ob sie es schafft und dann kann keiner kommen.

ZDFheute: Wie steht es um die Ausstattung - ist Schutzausrüstung knapp?

Intensivpflegerin: Also bei meinem ersten Dienst dachte ich, ich falle vom Glauben ab: Als ich mir eine Maske geholt habe, wurde ich erstmal gefragt 'Hast du sie gezählt?'. Die Schutzmasken werden bei uns behandelt wie Betäubungsmittel. Sie müssen vor und nach Herausnehmen aus dem Schrank gezählt und gegengezeichnet werden. Aber bei uns sind viele Masken geklaut worden. Und jeder hat nur eine Maske pro Tag - man muss also sehr darauf aufpassen.

Das einzige, was ansonsten wirklich knapp wird, sind Absaugsysteme, mit denen man von beatmeten Patienten Hustensekrete absaugt. Normalerweise benutzen wir die zwei Tage - im Moment müssen wir sie fünf Tage lang benutzen, weil gerade keine geliefert werden.

Die Virologin Melanie Brinkamm begrüßt die Entscheidung von Bund und Ländern zur schrittweisen Lockerung der Corona-Maßnahmen: "Die Fallzahlen sind gesunken – das war harte Arbeit. Wir müssen nun vorsichtig vorgehen, um den Erfolg nicht zu gefährden."

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4 min
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ZDFheute: Reicht das Personal in der Corona-Krise?

Intensivpflegerin: Vor drei, vier Wochen, am Anfang der Krise, dachte ich, das reicht nicht. Aber mittlerweile ist mein persönliches Gefühl, dass wir gut gewappnet sind. Wir hatten durch die Maßnahmen Zeit zu reagieren, zum Aufrüsten der Intensivstationen. Wir bekommen Hospitanten aus anderen Abteilungen, die wir in die Intensivmedizin einarbeiten. Außerdem gibt es eine lange Liste von Medizinstudenten mit Ausbildung, auf die wir noch zurückgreifen können. Ich bin echt beeindruckt, wie viele sich da melden.

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