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Covid-19 und Krebspatienten - Corona-Gefahr: Wenn die Chemo wichtiger ist

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Krebspatienten gehören zu den Gruppen, die durch das Coronavirus besonders gefährdet sind. Vor allem diejenigen, die sich einer Chemotherapie unterziehen, machen sich große Sorgen.

Ambulante Chemotherapie in einer onkologischen Praxis
Sorge bei vielen Krebspatienten: Ist die Chemotherapie in Corona-Zeiten womöglich zu gefährlich?
Quelle: imago

Wir sind nur zu zweit in dem Therapieraum, auf der einen Seite der alte Herr, auf der anderen Seite ich, gute fünf Meter trennen uns. Als Schwester Manuela zu dem Herrn tritt, um die Chemo-Infusion zu starten, werde ich Zeugin folgenden Gesprächs: "Was hört man denn bei euch von Corona", fragt der Mann. "Nichts", antwortet Schwester Manuela freundlich, "alles im grünen Bereich."

Ruhiger als sonst in der Praxis

Es ist ruhiger als sonst in der onkologischen Gemeinschaftspraxis Dr. Bauer/Dr. Kremers in Saarlouis. Im Wartezimmer sitzen deutlich weniger Menschen, einige tragen Mundschutz. Oberstes Gebot sei es, Abstand zu halten, betont Schwester Petra.

Sowohl Sprechstunden- als auch Behandlungstermine werden weitgehend entzerrt, damit nur wenige Patienten gleichzeitig in der Praxis sind. Begleitpersonen dürfen nur in Ausnahmefällen die Räume betreten. Ein Mindestabstand von 1,5 Metern muss garantiert sein.

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Abstand zum Patienten nicht möglich

Letzteres aber ist für die Onkologie-Krankenschwestern kaum bis gar nicht möglich. Will man etwa eine Infusionsnadel in die Vene eines Patienten einführen, um so die Chemotherapie zu verabreichen, muss man nahe an den Patienten heran. Daher trägt das Praxisteam Mund-Nasen-Schutz. Handschuhe und Desinfektionsmittel sind sowieso Standard.

Noch verfüge die Praxis über Schutzkleidung, berichtet Dr. Bauer, aber wie lange das so bleibt, kann er nicht einschätzen. Mit vielen seiner Patienten spricht er nur am Telefon, vor allem wenn es rein um Besprechungen geht, etwa nach einer CT- oder MRT-Untersuchung.

Abbruch von Chemo in Corona-Zeiten?

Mit einer Frage wird der Onkologe immer wieder konfrontiert, nämlich ob der Abbruch einer Therapie, insbesondere einer Chemotherapie, sinnvoll sei, um das Risiko einer Coronavirus-Infektion zu minimieren. Denn eine Chemotherapie schwächt das Immunsystem mitunter erheblich.

Ruhig und sachlich, so Dr. Bauer, versuche er, diese Frage zu beantworten. Nicht jeder Krebspatient sei per se massiv gefährdet, zudem sei die Risikogruppe der Krebspatienten heterogen. Oft bedingen mehrere Faktoren einen schweren Verlauf einer Virusinfektion: die Art des Tumors etwa, die Art der Krebstherapie oder weitere Erkrankungen wie eine Lungen- oder Herz-Kreislauf-Beeinträchtigung.

Auf der Internetseite der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie (DGHO) sind für Krebspatienten Informationen zum Coronavirus zusammengefasst. Das individuelle Erkrankungsrisiko ist unterschiedlich, heißt es dort. Und weiter: "Bei den meisten, akut an Krebs erkrankten Patienten, steht der Nutzen einer sinnvollen und geplanten Krebstherapie über dem Risiko einer möglichen Infektion mit dem Coronavirus."

Das gilt auch für den größten Teil der Patienten von Dr. Bauer. Nur in zwei Fällen, in denen es medizinisch möglich und vertretbar war, hat er bislang den Beginn einer Behandlung um wenige Wochen verschoben.

Kaum belastbare Daten von Covid-19 bei Krebspatienten

Noch gibt es nur wenige belastbare Daten über den Verlauf von Covid-19 bei Krebspatienten. Deshalb, so Dr. Bauer, gelte größtmögliche Vorsicht, sprich größtmögliche Minimierung des Risikos durch strikte Hygienemaßnahmen und durch strikte Reduzierung der sozialen Kontakte. Auch er hat in seinem privaten Bereich die Kontakte auf das Minimum begrenzt. "Also meine Partnerschaft", sagt er, "und meine Kinder."

Der alte Herr, der mir mit großem Abstand gegenüber sitzt, hat die Augen geschlossen. Er öffnet sie erst, als ein wenig angenehmer Pfeifton ertönt, das Signal der Infusionspumpe, dass die Chemo-Infusion zu Ende ist. Wenige Augenblicke später kommt Schwester Manuela herein, entfernt die Infusionsnadel und verbindet den Arm des Patienten. Langsam steht er auf, zieht seine Jacke an und verlässt den Raum. Als er an mir vorbeigeht, wünschen wir uns beide alles Gute.

Kurz darauf erscheint Schwester Petra mit einem Desinfektionstuch, um den Sessel, in dem der Herr Platz genommen hatte, gründlich zu reinigen ebenso den Infusionsständer. "So oft, wie wir momentan wischen, wird die Farbe bald abblättern", meint sie scherzhaft.

Die Autorin ist ZDF-Redakteurin. Sie schreibt hier unter einem Pseudonym, da sie selbst Krebspatientin ist.

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