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Medienumgang mit Coronavirus - "Panikmache ist ein Geschäftsmodell"

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Im Netz wird wild über das Coronavirus spekuliert. Kommunikationsforscher Tanjev Schultz erklärt im heute.de-Interview, wie Angst geschürt wird und wer von der Krise profitiert.

Desinfektion einer Bahnstation in Kunming, Provinz Yunnan, China, aufgenommen am 04.02.2020
Desinfektion einer Bahnstation in Kunming in China: Ebenfalls ansteckend sind aber die Verschwörungstheorien zum Coronavirus.
Quelle: Reuters

heute.de: Knoblauch und Rauch von Feuerwerkskörpern sollen gegen das Coronavirus helfen: Über Falschinformationen wie diese zeigt sich die Weltgesundheitsorganisation besorgt und kritisiert eine "massive Infodemie". Überrascht Sie die Flut abstruser Medienbeiträge zum Thema Coronavirus?

Tanjev Schultz: Leider habe ich damit gerechnet. Es passt ins Bild vieler anderer medialer Erfahrungen mit Gesundheitsthemen. Bei Ebola etwa haben wir bereits gesehen, wie stark sich Verschwörungstheorien und absurde Meldungen über das Internet verbreitet haben. Aber auch schon vor dem Internetzeitalter hat es beispielsweise im Zusammenhang mit Aids abstruse Falschmeldungen und Verschwörungstheorien gegeben, die sich teilweise bis heute halten. 

heute.de: Internetseiten, die seriöse Nachrichten versprechen, verbreiten aktuell Theorien, wonach die chinesische Regierung das wahre Ausmaß der "Lungen-Seuche" vertusche und eine globale "Horror"-Epidemie bevorstehe. Was bezwecken jene Publikationen Ihrer Meinung nach?

Macher solcher Seiten verdienen Geld damit, dass sie Menschen mit wildesten Spekulationen in Aufregung und Angst versetzen.
Tanjev Schultz, Professor für Journalismus an der Uni Mainz

Schultz: Panikmache ist ein Geschäftsmodell. Den Boden dafür bereitet eine neuartige Krise, die zunächst viele Fragen offen lässt und somit für Unsicherheit sorgt. Einige Macher solcher Seiten verdienen Geld damit, dass sie Menschen mit wildesten Spekulationen in Aufregung und Angst versetzen.

Zudem gibt es politische Profiteure – Radikale, Extremisten, die aus der Krise Kapital für ihre Zwecke herauszuschlagen versuchen, indem sie uns verunsichern wollen. Sie fahren Angriffe gegen das System der Wissenschaft, mit dem Ziel, seriöse Strukturen der Wissensvermittlung zu zerstören, um Angst und Schrecken verbreiten zu können. Häufig mischt sich ja nun auch ein rassistischer Ton gegenüber Chinesen hinein. In bestimmten Punkten spielt die chinesische Regierung diesen Leuten aber auch in die Hände.

heute.de: Inwiefern?

Schultz: Nehmen wir den Vorwurf mangelnder Transparenz: Der chinesische Staat unterdrückt bestimmte Bevölkerungsgruppen wie etwa die Uiguren. In großen Lagern werden Menschenrechte offenbar massiv missachtet, was die chinesische Führung jedoch vehement bestreitet, gleichzeitig aber Vieles im Dunkeln lässt. Mangelnde Transparenz beim Thema Menschenrechte spielt Verschwörungstheoretikern jetzt im Fall des Coronavirus in die Karten.

heute.de: Welche Kraft besitzen die Online-Medienseiten von Verschwörungstheoretikern?

Schultz: Es gibt Studien, die belegen, dass sich abstruse, angstmachende Nachrichten, wenn sie sehr emotional verfasst sind, unglaublich stark verbreiten. Die gute Nachricht ist, dass nicht alle Leute diese Meldungen glauben. Manche finden das auch einfach unterhaltend wie eine Satire.

heute.de: In Internetforen ist auch im Fall der Berichterstattung über das Coronavirus eine heftige Schelte gegen "klassische Medien" zu beobachten, nach dem Motto: "Die verheimlichen uns absichtlich was!" Woher rührt dieses Misstrauen?

Schultz: Im Großen und Ganzen stellen wir in unserer Langzeitstudie der Uni Mainz fest, dass die Mehrheit der Menschen klassischen Medien gerade bei so wichtigen Themen wie Gesundheitsgefahren weitgehend vertraut. Wir haben es im Internet eher mit dem Phänomen zu tun, dass einige Leute sehr laut sind. Aber die meisten Menschen haben doch Vertrauen in die klassischen Nachrichtensender und Zeitungen. Das erklärt auch, weshalb keine Massenpanik ausbricht.

heute.de: Wie verhalten sich Ihrer Einschätzung nach die klassischen deutschen Massenmedien in der Berichterstattung über das Virus?

Schultz: Ich sehe bei vielen "Qualitätsmedien", wie man ja häufig sagt, die Bemühungen, die Dinge sorgfältig einzuordnen und nicht unnötig zu spekulieren. Allerdings ist das Ausmaß der Berichterstattung sehr hoch - bis hin zu Liveticker-artigen Zuständen. Auf diesen Zug ist die Boulevard-Presse voll aufgestiegen.

Da ist es ein schwacher Trost, dass es inzwischen noch unseriösere Medien gibt. Die Intensität der Berichte führt zu einem Verstärken des Unsicherheitsgefühls. Ich denke, man sollte am Ende die Proportionen wahren: In Deutschland ist das gewöhnliche Grippe-Virus für die Menschen aktuell eine viel größere Gefahr als das Coronavirus.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

Wie die WHO versucht gegen die Coronavirus-Mythen vorzugehen, lesen Sie hier:

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von Meike Hickmann
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