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Bereits ohne Coronavirus Medikamenten-Engpass

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Nur wenige Produktionsbetriebe - Bereits ohne Coronavirus Medikamenten-Engpass

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Für Desinfektionsmittel gilt in Apotheken derzeit: ausverkauft. Welche Auswirkungen hat das Coronavirus auf die Versorgung mit Medikamenten?

Das Apotheken-Logo an der Scheibe einer Apotheke
Viele Apotheken haben jeden Tag mit Lieferengpässen zu kämpfen.
Quelle: DPA

Mundschutz und Desinfektionsmittel sind zur Zeit vielerorts ausverkauft, Hamsterkäufe führten zuletzt zu leeren Supermarktregalen. Doch führt das Coronavirus auch zu Engpässen bei Medikamenten? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie sieht die Versorgungslage mit Medikamenten aus?

Mit Lieferengpässen bei Medikamenten hat Cynthia Milz jeden Tag zu kämpfen. "Wir stehen permanent vor der Herausforderung, bestimmte Medikamente nicht beziehen zu können", betont die Apothekerin aus dem oberfränkischen Kulmbach. "Mindestens zehn Stunden in der Woche sind wir allein damit beschäftigt, bei Pharmafirmen anzurufen oder Großhändler zu kontaktieren, um die Versorgung der Patienten, die auf ihre Medikamente angewiesen sind, gewährleisten zu können."

Damit ist Cynthia Milz, Mitglied im Vorstand der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), nicht allein. Nach ABDA-Angaben wendet inzwischen die Mehrheit der Apotheker in Deutschland (62,2 Prozent) mehr als 10 Prozent ihrer Arbeitszeit dafür auf, um bei Engpässen gemeinsam mit Ärzten, Großhändlern und Patienten nach Lösungen zu suchen.

Warum gibt es im Moment Lieferengpässe?

Die Lieferengpässe sind für die Apotheker nicht neu und seit langem ein Problem. "Das Coronavirus hat bislang noch nicht zu einer Verschärfung der ohnehin angespannten Situation beigetragen", sagt Apotheker Alexander von Waldenfels. Das gelte - abseits der aktuellen Versorgungsprobleme bei Mundschutz und Desinfektionsmitteln - jedenfalls für Arzneimittel.

Das Coronavirus hat bislang noch nicht zu einer Verschärfung der ohnehin angespannten Situation beigetragen.
Alexander von Waldenfels, Bayerische Landesapothekerkammer

Ursache für die generelle Medikamentenengpässe sind für den Apotheker aus dem oberbayerischen Schliersee vielfältig: "Wir haben in den vergangenen Jahren eine Zentralisierung der Produktion erlebt. Die gesamte Wirkstoffproduktion für den Weltmarkt findet aus Kostengründen in nur wenigen Betrieben in Fernost statt, allen voran in China und Indien. Kommt es zu einem Ausfall von Produktionsanlagen oder zu Qualitätsproblemen, entstehen weltweit ganz schnell Engpässe." Hierzulande seien gesetzlich zulässige Entwicklungen, wie Rabattverträge, ebenfalls Ursache von Lieferengpässen.

In der besonders vom Virus betroffenen Provinz Hubei haben zahlreiche Wirkstoffproduzenten ihren Sitz.
Alexander von Waldenfels

Der Ausbruch des Coronavirus wird nach Einschätzung von Alexander von Waldenfels, der auch Vorstandsmitglied der Bayerischen Landesapothekerkammer (BLAK) ist, die Lage im Laufe des Jahres noch einmal verschärfen: "In der besonders vom Virus betroffenen Provinz Hubei haben zahlreiche Wirkstoffproduzenten ihren Sitz. Steht die Produktion still, kann auch andernorts, wie in Indien, nichts weiterverarbeitet werden. Diese Auswirkungen werden bei uns erst noch spürbar werden, weil die Logistikketten einen langen Vorlauf haben."

Welche Medikamente sind vom Engpass betroffen?

Nach Angaben von ABDA und BLAK sind derzeit insbesondere bestimmte Schmerzmittel (allen voran Ibuprofen), Blutdrucksenker, Säureblocker für Magenprobleme, Schilddrüsenmedikamente und Antidepressiva häufig nicht lieferbar.

In Bezug auf das Coronavirus rechnet Alexander von Waldenfels 2020 mit weiteren Engpässen: "Indien hat bereits angekündigt, Exportstopps für bestimmte Arzneimittel zu verhängen, um die Arzneimittelversorgung im eigenen Land zu sichern. Davon betroffen werden vermutlich Antibiotika sein, aber auch Paracetamol."

Die Situation ändert sich jede Woche. Ich kann heute nicht sagen, was morgen vielleicht nicht mehr lieferbar ist.
Cynthia Milz, Apothekerin

Apothekerin Cynthia Milz hofft vor diesem Hintergrund auf nur eine Delle - in der Versorgungslage - anstatt massiver Ausfälle, die langfristig nachwirken. Sie gibt jedoch auch zu bedenken: "Die Situation ändert sich jede Woche. Ich kann heute nicht sagen, was morgen vielleicht nicht mehr lieferbar ist."

Müssen Patienten auf wichtige Medikamente verzichten?

Bislang standen weder Cynthia Milz noch Alexander von Waldenfels vor dem unlösbaren Problem, einen Patienten mit einem dringend benötigten Medikament nicht versorgen zu können. Cynthia Milz betont: "Wir haben in dieser Hinsicht kein Problem, solange wir auf andere Hersteller ausweichen können. Das ist nicht immer gut für den Patienten, weil er sich dadurch oft auf ein neues Medikament mit anderer Form, Farbe und Größe einstellen muss. Mal ist eine Tablette zu teilen, mal nicht. Da wird die korrekte Einnahme schnell zur Herausforderung. Aber schlussendlich können wir so die Versorgung gewährleisten."

Damit verbunden ist jedoch ein weiteres Problem. "Wir haben dadurch einen hohen Erklärungsbedarf. Die Patienten verlieren durch die ständigen Wechsel das Vertrauen in die Therapie und Wirksamkeit einzelner Medikamente", so Alexander von Waldenfels. "Das kann wiederum dazu führen, dass Medikamente mitunter nicht mehr regelmäßig eingenommen werden und es zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes kommt."

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