Sie sind hier:

Pflegeheime in Corona-Zeiten - "Wir sind Prellbock, Spielball, Sündenbock"

Datum:

Corona hat die Pflegeheime fest im Griff. Bewohner, Pflegekräfte und Einrichtungsleiter schlagen Alarm. Über fehlende Nähe, nicht eingehaltene Zusagen und mangelndes Verständnis.

Ein Pfleger schiebt eine Bewohnerin in einem Rollstuhl.
Für Pfleger in Pflegeheimen und die Bewohner hat sich der Alltag durch Corona grundlegend verändert.
Quelle: dpa

Seit Anfang März hat die Corona-Pandemie Deutschland im Griff. Vor allem in den Seniorenpflegeheimen hat sich der Alltag dadurch grundlegend verändert. Freizeit- und Beschäftigungsangebote sind stark eingeschränkt, Besuche nur unter strengen Auflagen möglich.

Konrad Wollschläger bedauert sehr, dass viele der Veranstaltungen coronabedingt nicht wie gewohnt stattfinden können. Der Bewohner des AWO Sozialzentrums Erlangen vermisst vor allem "die netten Damen von der Handarbeitsgruppe".

Kontakt zu Angehörigen fehlt am meisten

Die Ehrenamtlichen sind genauso von den geltenden Besuchseinschränkungen in der Pflege betroffen wie die Angehörigen. Eines macht Konrad Wollschläger besonders zu schaffen:

Es ist nur schwer zu ertragen, dass die eigenen Kinder oder nahe Verwandte und Freunde nur noch für kurze Zeit für einen Plausch auf Abstand vorbeikommen dürfen.
Konrad Wollschläger, Bewohner des AWO Sozialzentrums Erlangen

Auch für Enno de Haan sind die Einschränkungen eine der größten Herausforderungen: "Für Pflegeheimbewohner ist der persönliche Kontakt zu ihren Angehörigen und das gemeinsame Miteinander enorm wichtig. Ihre psychische Stabilität, ihre Gesundheit und ihre Lebensqualität hängen davon ab."

Doch der Leiter der Pflegeeinrichtung in Mittelfranken hat auch Verständnis für die Maßnahmen: "Unsere zumeist pflegebedürftigen Senioren gehören zu einer Hochrisikogruppe und sind bei uns auf engstem Raum versammelt."

60 Prozent der Arbeitszeit für Corona-Prävention

Er selbst nennt es ein Dilemma, immer wieder neu zwischen Selbstbestimmungsrecht der pflege- und betreuungsbedürftigen Menschen sowie den erforderlichen Maßnahmen des Infektionsschutzes abwägen zu müssen. Hinzu kommt der Kampf mit der Bürokratie.

"Seit März widme ich circa 60 Prozent meiner Arbeitszeit dem alles dominierenden Thema Corona-Prävention", sagt Enno de Haan. "Diese Aufgaben beschäftigen uns wahrscheinlich noch lange, ohne dass dafür zusätzliches Personal vorhanden ist."

Was Corona in der pflegerischen Praxis bedeutet, erlebt Petrinel Craciun auf Station Tag für Tag. "Es ist sehr belastend immer im Hinterkopf zu haben, im schlimmsten Fall unwissentlich einen der uns anvertrauten Menschen anzustecken", betont die Pflegefachkraft. Hinzu kommt die Sorge um die eigene Gesundheit. Kein Wunder.

Die immer wieder geforderten und von der Politik zugesagten Reihentestungen von Mitarbeitenden und Bewohnern finden leider immer noch nicht statt.
Enno de Haan, Leiter des AWO Sozialzentrums Erlangen

Pflegeheim am Limit

So arbeiten viele Beschäftigte in der Pflegeeinrichtung am Limit und das, ohne bereits von einem Ausbruch betroffen gewesen zu sein.

Eines stimmt Petrinel Craciun trotz allem zuversichtlich: "Ich bin sehr froh, dass wir für sterbende Bewohner immer eine Ausnahmeregelung finden konnten und den Angehörigen eine Begleitung ermöglicht haben."

Bewohner in Pflegeeinrichtungen fühlen sich durch die Corona-Maßnahmen alleingelassen.

Beitragslänge:
9 min
Datum:

Verständnis und doch Verständnislosigkeit

Bei Enno de Haan steht derweil das Telefon nur selten still. "Ich erhalte mehrmals wöchentlich Anrufe von Angehörigen, die zwar unsere Anstrengungen würdigen. Gleichzeitig verstehen viele die Einschränkungen aber verständlicherweise nicht", gibt er zu bedenken.

Beim Einrichtungsleiter selbst gibt es ebenfalls viel Unverständnis: "Im Endeffekt sind wir in den Pflegeeinrichtungen Spielball der politischen Entscheidungen, Prellbock für die Verständnislosen und der Sündenbock, sollte das Virus in die Einrichtung eindringen und sich dort ausbreiten. Natürlich tun wir alles, um genau das zu verhindern."

Ein Modell eines Körpers mit Organen.

Nachrichten | Panorama - So kann Corona dem Körper schaden 

Diese direkten und indirekten Schäden kann das Virus anrichten

Aktuelles zur Coronavirus-Krise

Eine alte FFP2-Maske liegt auf dem Boden. Symbolbild

Nachrichten | heute 19:00 Uhr - Debatte über Corona-Lage 

Die Diskussion um das Ende der "epidemischen Lage" dauert an. Obwohl die Inzidenzen weiter steigen, will Gesundheitsminister Spahn den Ausnahmezustand Ende November aufheben.

23.10.2021
von Heiko Bieser
Videolänge
1 min
Datengrafik-Teaser: RKI meldet steigende Inzidenzen
Grafiken

Corona in Deutschland - Inzidenz von 100 - was bedeutet das? 

Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt seit Mai erstmals wieder bei 100. Wie verläuft die Kurve im Vergleich zum letzten Jahr und wie schätzen Virologen die Lage ein? Ein Überblick.

von Katharina Schuster
Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Sie haben sich mit diesem Gerät ausgeloggt.

Sie haben sich von einem anderen Gerät aus ausgeloggt, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Ihr Account wurde gelöscht, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.