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"Müssen verhindern, dass Heime schließen"

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Corona-Konzepte in Pflegeheimen - "Müssen verhindern, dass Heime schließen"

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Im März hat Corona auch Pflegeheime überrascht. Bernhard Schneider von der Evangelischen Heimstiftung (BaWü) spricht im ZDF-Interview über anfängliche Fehler und neue Konzepte.

Im März hat Corona auch die Pflegeheime überrascht. Um aus anfänglichen Fehlern zu lernen, hat die Evangelische Heimstiftung in Baden-Württemberg über die letzten Monate verschiedene Corona-Maßnahmen ausprobiert und angewendet.

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ZDFheute: Was ist zu Beginn der Corona-Pandemie in den Pflegeheimen schiefgelaufen?

Bernhard Schneider: Wir sind im März und im April von der Corona-Welle überrollt worden. Das lag daran, dass wir keine Schutzmasken hatten, dass wir kein Wissen über das Virus hatten. Es gab keine Tests und alle waren verunsichert. Das waren die Hauptprobleme. Und in der Phase war es gut und richtig, die Heime zu schließen, um hier für Sicherheit zu sorgen.

ZDFheute: Was haben Sie daraus gelernt?

Schneider: Unsere Fachleute haben in den Einrichtungen gefragt: Was waren die wirkungsvollsten Maßnahmen, um einen Corona-Ausbruch zu verhindern oder einzudämmen? Aus diesen Ergebnissen haben wir eine Strategie entwickelt, wie wir jetzt auf die mögliche zweite Welle reagieren können.

Dazu zählt, dass Bewohner und Mitarbeiter und Besucher Masken tragen. Dass Abstand gehalten wird und dass Hygieneregeln eingehalten werden. Wenn die Inzidenz in einem Landkreis nach oben geht, könnten wir das Besuchergeschehen eindämmen.

Wir würden unsere Personalkonzepte ändern, in denen die Nachtwachen und die Teams wieder getrennt arbeiten. Und wir könnten ein Besucher-Management einführen, in dem wir sagen: In dem Zeitfenster nur fünf Bewohner pro Wohnbereich. Die werden informiert, bekommen Schutzausrüstung und können ihre Besuche abhalten. Alles hat das Ziel, dass wir das Haus für Angehörige und Besuche offenhalten.

Die Evangelische Heimstiftung hat die Erfahrungen mit der Corona-Pandemie von hundert Pflegeheimen zusammengetragen. Eine Lehre daraus: Wochenlange Isolation darf es nicht mehr geben.

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ZDFheute: Was darf nicht mehr passieren?

Schneider: Wir müssen verhindern, dass die Heime geschlossen werden.

Ich könnte mir schon vorstellen, dass bei steigenden Infektionszahlen irgendjemand auf die Idee kommt, die Häuser wieder zu schließen. Das dürfen wir nicht zulassen.

Wir müssen als Gesellschaft lernen, dass alte Menschen nicht per se auf ihre Schutzbedürftigkeit reduziert werden dürfen. Denn in der Folge sperren wir sie ein. Und das geht auf gar keinen Fall.

ZDFheute: Wie stehen Sie zu Quarantäne-Maßnahmen?

Schneider: Eine Quarantäne ist etwas anderes, als ein komplettes Heim zu sperren. Wenn wir einen infizierten Bewohner haben, dann wird er im Zimmer isoliert. Aber wegen eines infizierten Bewohners in einem Heim mit vielleicht 100 Menschen alle einzusperren - das geht nicht.

Wir haben aus der ersten Krise gelernt, wie belastend es ist, dass Angehörige und Bewohner auf lange Zeit nicht zusammenkommen können. Diese Belastung dürfen wir niemandem mehr zumuten.

ZDFheute: Würden Sie sich für Pflegeeinrichtungen eine einheitliche Regelung vom Bund wünschen?

Schneider: Nein. Wir müssen das Infektionsgeschehen in jedem Landkreis anschauen und die Situation in jedem Pflegeheim. Ich bin mir sicher, dass jeder verantwortliche Heimleiter sehr bewusst Maßnahmen, wie ich sie beschrieben habe, einleitet, um dann das Haus offenzuhalten und gleichzeitig den Gesundheitsschutz zu gewährleisten.

ZDFheute: Sie sagen, dass man die älteren Leute nicht einfach als schutzbedürftig abstempeln soll. Was muss die Gesellschaft lernen?

Schneider: Wir müssen lernen, dass in jeder Lebensphase auch noch ein Lebensrisiko besteht. Und dass auch Menschen ein Recht auf Risiko haben und es eine Degradierung ihrer Menschenwürde ist, wenn wir sie auf Schutzbedürftigkeit reduzieren und sagen: Ihr seid schutzbedürftig, also sperren wir euch ein. Das geht nicht. Das zu respektieren und auch als Gesellschaft zu akzeptieren, ist ein wichtiger Schritt.

Welche Corona-Maßnahmen sollten in Alten- und Pflegeheimen getroffen werden? Das hat die Evangelische Heimstiftung getestet und ist sicher: Wochenlange Isolation darf es nicht nochmal geben.

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Ich kann mir schon vorstellen, dass wir viel Kritik erfahren werden, wenn mit einer solchen Strategie eines offenen Hauses ein Infektionsgeschehen eintritt. Dann hole ich den Satz von Herrn Spahn "Wir müssen uns viel verzeihen" raus.

Dass die Gesellschaft akzeptiert, dass der Preis für die Freiheit ein gewisses Risiko darstellt, gehört auch dazu.

ZDFheute: Was halten Sie von Spahns Idee, dass jeder Besucher, bevor er reinkommt, einen Test machen muss?

Schneider: Schnelltests finde ich gut. Wir machen auch Testläufe mit den ersten Schnelltests. Wir sehen den Einsatz der Schnelltests aber in allererster Linie darin, dass wir schnell Gewissheit haben, ob ein Mitarbeiter, der vielleicht Fieber hat, infiziert ist. Und damit wir bei einer Aufnahme schnell Gewissheit haben, ob ein Bewohner infiziert ist oder nicht.

Tests bei allen Besuchen aber sind ein logistischer Aufwand, den wir uns sicher nicht leisten können. Wir denken auch, dass es nicht nötig ist. Mit Maske und einhalten der Hygieneregeln kann genügend Sicherheit gewährleistet werden.

ZDFheute: Fühlen Sie sich auf eine mögliche zweite Welle ausreichend vorbereitet und unterstützt?

Schneider: Ich bin sicher, dass wir als evangelische Heimstiftung - dass jedes verantwortungsvoll geführte Haus - gut vorbereitet ist auf die zweite Welle.

Weil wir gelernt haben, mit dem Virus umzugehen, weil wir jetzt Schutzausrüstung und Masken haben und weil es eine Teststrategie gibt.

Auch haben wir hier jetzt in Baden-Württemberg eine gute und kluge Teststrategie des Landes. Das unterstützt uns, deshalb sind wir hoffnungsvoll, dass wir die zweite Welle gut überstehen werden, wenn sie denn kommt. Wir hoffen es nicht.

Das Interview führte Anna Warsberg

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