Sie sind hier:

Wut, Angst, Depression - Was Corona mit der Psyche macht

Datum:

In der Not kann Angst ein guter Ratgeber sein. Aber Angst über Wochen und Monate? Ein Gespräch mit der Psychologin Tanja Michael über den permanenten Alarmzustand in Corona-Zeiten.

Archiv: Eine Frau steht in einem Treppenhaus in Hannover.
Während der Corona-Pandemie ist die Zahl der Krankmeldungen wegen psychischer Erkrankungen sprunghaft angestiegen. (Symbolbild)
Quelle: dpa

ZDFheute: Laut einer Infratest dimap Umfrage fürchtet sich jeder dritte Deutsche vor einer Ansteckung – selbst oder bei einem Familienmitglied. Andere wiederum sorgen sich um ihre Existenz. Was macht Angst mit uns?

Tanja Michael: Angst ist ja ein ganz altes Gefühl, eng mit unserer Evolution verknüpft. Wir alle kennen die Symptome, den beschleunigten Herzschlag, den erhöhten Puls, dieses Drücken in der Magengegend oder auch das Kribbeln in den Fingern. In großer Gefahr wird unser Körper gepusht, wir können schneller reagieren – zum Beispiel auch schneller weglaufen. Es gibt aber auch noch eine andere Reaktion, die etwas seltener ist: nämlich sich tot stellen. Wir kennen das gut aus dem Tierreich. Bei uns Menschen kann das bedeuten, erstarrt auf dem Sofa zu sitzen und sich innerlich taub zu fühlen.

ZDFheute: Und was passiert in unserem Kopf?

Michael: Bei richtig starker Angst können wir fürchten, gleich ohnmächtig zu werden oder auch zu sterben. Weniger starke Angst geht oft einher mit schlechten Gedanken. Und wenn dieser Zustand länger andauert, dann ist der Mensch ständig in Alarmbereitschaft. Wichtige Symptome dafür sind sich viele Sorgen zu machen und einen gestörten Schlaf zu haben.

Diese permanente Angst verspüren aktuell wohl eine Menge Menschen: immer aufmerksam sein, immer die Gefahr im Blick haben und keine Entwicklung verpassen.
Tanja Michael

ZDFheute: Vergeht das auch wieder von alleine?

Michael: Nicht immer. Auf lang anhaltende Angst folgt oft eine Angststörung, eine Depression oder eine Alkoholkonsumstörung. Und da wissen wir, dass eine schnelle Behandlung durch einen Psychotherapeuten hilfreich ist und eine Chronifizierung verhindern kann.

Archiv: Stress im Homeoffice.

Neue Corona-Beschränkungen -
Was macht die Pandemie mit der Psyche?
 

Nach der Urlaubs- und Ferienzeit kommt der Alltag zurück - mit neuen Corona-Regeln. Wie reagiert unsere Psyche auf das Wechselspiel von Lockerungen und Beschränkungen?

von Jacqueline Vieth

ZDFheute: Die Krankenkasse KKH berichtete kürzlich, dass im ersten Halbjahr 2020 die Zahl der Krankmeldungen wegen psychischer Erkrankungen um 80 Prozent angestiegen ist. Geht das jetzt weiter so bei den steigenden Corona-Zahlen?

Michael: Ich halte das für gut möglich. Wir haben zu Anfang des Lockdowns eine Befragung gemacht. Das Ergebnis war, dass damals 15 Prozent unserer Stichproben eine Hochrisikoprobe für die Entwicklung einer psychischen Störung waren. Die Zahlen sehen im europäischen Vergleich ähnlich aus. Aus der Schweiz haben wir inzwischen klinisch abgesicherte Diagnosen. Vor Covid hatten 3,4 Prozent der Bevölkerung eine klinische Depression, im Zuge des Lockdowns wuchs die Zahl auf 9. Wie es aktuell in Deutschland aussieht, kann ich nicht sagen. Die Zahlen sind noch ausstehend. Aber ein Anstieg psychischer Erkrankungen in dieser zweiten Welle ist wahrscheinlich.

Archiv: Schüler mit Mundschutz, aufgenommen am 18.05.2020

Kinder in der Corona-Krise -
Mehr psychische Probleme als erwartet
 

Die psychische Belastung von Kindern durch die Corona-Pandemie ist deutlich höher, als bislang vermutet wurde. Vor allem arme Familien seien betroffen, heißt es in einer Studie.

ZDFheute: Wie können wir uns davor schützen oder zumindest gegensteuern?

Michael: Der Mensch ist vor allem ein soziales Wesen. Kontakt zu anderen Menschen spielt für uns eine sehr wichtige Rolle. Deshalb ist es meiner Meinung nach auch so wichtig, dass das soziale Leben irgendwie weiterläuft. Und ganz besonders wichtig ist das für Kinder und Jugendliche. Aus diesem Grund bin ich auch dafür, Bildungseinrichtungen nach Möglichkeit offen zu halten. Gleichzeitig sehe ich natürlich das Dilemma der Entscheider: Restriktionen sind schlimm. Aber ein unkontrollierter Ausbruch ist noch schlimmer.

ZDFheute: Geht all das an den Gegnern der Corona-Maßnahmen eigentlich einfach so vorbei?

Angst und Wut sind sehr verwandte Reaktionen. Während die einen flüchten, gehen die anderen zum Angriff über, um gegen das Angstgefühl anzugehen.
Tanja Michael

Michael: Es bringt aber auch nichts, die Wütenden pauschal abzuurteilen. Hinter dieser Wut stehen oft auch sehr reale Ängste, zum Beispiel den Job oder das eigene Unternehmen zu verlieren. Ich denke, da könnte unsere Gesellschaft sich gegenseitig besser zuhören und miteinander reden.

Das Interview führte Christian Thomann-Busse.

Aktuelles zur Coronavirus-Krise

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.