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"Viele Schüler sind verloren gegangen"

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Schulen in der Corona-Zeit - "Viele Schüler sind verloren gegangen"

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Der Bundeselternrat kritisiert in der Corona-Krise nicht nur die mangelnde Hygiene an vielen Schulen. Auch seien viele Schüler "verloren gegangen", so der Vorsitzende Wassmuth.

Lehrer Philip Wessel bereitet die Tische in einem Klassenraum für die Öffnung der Schule vor am 04.05.2020 in Oldenburg
Schulschließungen in der Corona-Krise haben vielerorts zu weniger Kontakt zwischen Lehrern und Schülern geführt.
Quelle: dpa

Im ZDFheute-Interview beklagt Stephan Wassmuth, der Vorsitzende des Bundeselternrats, dass während der Corona-Krise der Kontakt der Schulen zu vielen Schülern komplett abgerissen sei.

ZDFheute: Worin sehen Sie das wichtigste Kriterium für das schrittweise Wiedereröffnen der Schulen?

Stephan Wassmuth: Die Gesundheitsvorsorge muss im Vordergrund stehen. Wenn die hygienischen Bedingungen es nicht erlauben, können Schulen nicht öffnen. Das Problem: Viele Schultoiletten sind nach wie vor in einem verheerenden Zustand, vielerorts ist die hygienische Ausstattung insgesamt mangelhaft. Was der Staat den Schülern da seit Jahren antut, ist schon eine ziemliche Frechheit.

ZDFheute: Große Renovierungsarbeiten kosten viel Zeit. So lange sollen die Schulen Ihrer Ansicht nach geschlossen bleiben?

Wassmuth: Nein! Dass viele Sanierungsmaßnahmen auch in fünf Jahren noch nicht umgesetzt sein werden, ist uns klar. Aber es muss jetzt endlich konsequent angegangen werden. Ich denke auch: Die entworfenen Pläne für neue Hygienemaßnahmen müssten sich relativ gut umsetzen lassen. Aber noch hakt es vielerorts.

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ZDFheute: Warum?

Wassmuth: Ein Beispiel: Ich habe vor wenigen Tagen mit einer Reihe von Schul-Hausmeistern zusammengesessen, die mir gesagt haben: Die Hygienemittel sind da, aber es fehlt an Seifenspendern. Die müssen besorgt werden. Da müssen aber die Kommunen auch willig und in der Lage sein, das Geld dafür zu geben.

ZDFheute: Für die Wirtschaft gab es auf Bundesebene rasch einen Masterplan. Zwar ist Bildung Ländersache, aber das Coronavirus stellt alle Schulen in Deutschland vor die gleichen Aufgaben …

Wassmuth: Ja, und wir hätten uns da auch eine Art Masterplan gewünscht. Aber den gibt es so nicht. Es gibt zwar die Hygienepläne der Länder, aber das Umsetzen dieser Pläne wird vor Ort bezahlt. Im schlimmsten Fall bleibt es an der Schulleitung hängen oder am einzelnen Lehrer. Das kann nicht sein, das ist eine fatale Situation! Das ist für die Lehrer genauso "bescheiden" wie für die Schüler, die jetzt zu Recht sagen, dass sie keine Versuchskaninchen in der Corona-Krise sein wollen.

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ZDFheute: Welchen Ausweg sehen Sie?

Wassmuth: Es braucht eine klar strukturierte Organisation; das Zuständigkeitswirrwarr muss aufhören! Vielleicht ist das die Chance in der Corona-Krise, dass wir das endlich mal anpacken.

ZDFheute: Gefordert sind seit Wochen auch Eltern, wenn sie ihre Kinder daheim betreuen und unterrichten. Viele klagen inzwischen verstärkt über eine gewisse Überforderung. Was könnten oder müssten Schulen aus Ihrer Sicht unternehmen, um diese Eltern stärker zu unterstützen?

Wassmuth: (seufzt) Es gibt einen ganzen Teil Schüler, den die Schulen überhaupt nicht mehr erreichen. Da sagen die Lehrer klipp und klar: Wir haben keinerlei Kontakt mehr. Die Schüler sind in der Corona-Zeit einfach verloren gegangen. Sie kommen oft aus Familien, wo es auch sozial schwierig ist. Da müsste dringend etwas geschehen, um die Kontakte wiederaufzunehmen.

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ZDFheute: Warum ist das nicht längst geschehen?

Wassmuth: Das ist sehr zeitaufwändig, wenn E-Mail-Adressen und Telefonkontakte fehlen. Der direkte Kontakt zwischen Schule und Eltern fehlt leider immer häufiger. Eigentlich müssten jetzt die Jugendämter aktiv werden und bei den Familien nachschauen, ob alles ok ist.

ZDFheute: Fehlt da der Anstoß seitens der Schulen?

Wassmuth: Ich kann es mir nur so erklären. In normalen Zeiten jedenfalls stehen Schulen und Jugendämter in engerem Kontakt, wenn Lehrer bemerken, dass es Schülern aus bestimmten Gründen nicht gut geht. Zuletzt ist die Arbeitsauslastung der Jugendämter deutlich zurückgegangen. Ein Hinweis darauf, dass weniger nachgeschaut wird und Kinder durchs Raster fallen.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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