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Schweden ringt mit seinem Sonderweg

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Infektionen steigen erneut an - Schweden ringt mit seinem Sonderweg

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Auch in Schweden steigen die Infektionszahlen. Erstmals stehen jetzt Lockdowns zur Debatte. Wie hat der Sonderweg bislang funktioniert und warum ist er gar nicht so besonders?

Archiv: Strandgetümmel in Lomma am Öresund am 16.08.2020
Ein Strandbad in Lomma im August: Schweden schränkte das öffentliche Leben nur wenig ein
Quelle: picture alliance/TT NEWS AGENCY

Das sind die Infektionszahlen

Wie in anderen EU-Staaten auch, steigen in Schweden seit mehreren Wochen die Infektionszahlen. Am 29. September lag der 7-Tage-Durchschnittswert für tägliche Neuinfektionen bei rund 42 Fällen – doppelt so hoch wie in Deutschland. Vor allem die Hauptstadt Stockholm ist betroffen. Doch zieht das den sogenannten schwedischen Sonderweg in der Corona-Pandemie in Zweifel?

Die schwedische Regierung setzt in der Pandemiebekämpfung mehr als andere Nationen auf freiwillige Maßnahmen. Flächendeckende Schulschließungen oder eine Maskenpflicht gab es in Schweden bislang nicht. Dennoch ist die Annahme falsch, dass es in Schweden gänzlich ohne Zwang verlief.

Die erste Infektionswelle zwischen April und Juni traf Schweden hart. Vor allem in den kaum vorbereiteten Pflegeheimen forderte die Pandemie überdurchschnittlich viele Opfer. Mit Besuchsverboten, ähnlichen Obergrenzen für Veranstaltungen wie in Deutschland und vielen Appellen an die Bevölkerung gelang es, die Zahl der täglichen Neuinfektionen über den Sommer deutlich zu senken.

Das überlegt die schwedische Regierung

Die Zeit der mahnenden Worte hat nun wieder begonnen. "Arbeitet von daheim, umarmt euch nicht", war der Aufruf von Ministerpräsident Stefan Löfven bei einer Pressekonferenz vor einer Woche.

Diesmal fürchtet Chefepidemiologe Anders Tegnell zudem, dass das nicht ausreichen könnte. Der Zeitung "Dagens Nyheter" sagte er:

Es geht langsam aber sicher in die falsche Richtung.

Erstmals zeigt sich Tegnell offen für Ausgangsbeschränkungen und Schulschließungen - wenn auch auf einzelne Stadtteile und wenige Wochen begrenzt.

Das wäre eine deutliche Abkehr von Schwedens bisheriger Strategie. Die versucht restriktive Maßnahmen zwar zu vermeiden, einmal beschlossene Einschränkungen blieben aber teils deutlich länger in Kraft als in anderen Staaten. Auch nachdem sich die Infektionszahlen wieder verbessert hatten.

Tegnell begründete das im August im britischen "Guardian" damit, dass man vor allem auf solche Maßnahmen setze, die man möglichst lange aufrecht erhalten könne:

Das Öffnen und Schließen wirkt sich überaus negativ auf das Vertrauen aus und hat deutlich mehr negative Effekte als Maßnahmen auf einem bestimmten Level zu halten.
Anders Tegnell

Seit Beginn der Coronakrise verfolgt Schweden eine liberale Strategie zur Bekämpfung des Virus. Schwedens Weg ist im Ausland jedoch sehr umstritten, was wiederum Folgen für die nationale Tourismusbranche hat.

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So geht es der Wirtschaft

Für das Gesamtjahr geht die Regierung aktuell von einem Wirtschaftseinbruch von 4,6 Prozent aus – ein glimpfliches Ergebnis verglichen mit vielen Nachbarländern. Am 21. September verkündete sie zudem ein Konjunkturpaket über rund zehn Milliarden Euro, das 75.000 Arbeitsplätze schaffen soll.

Hubert Fromlet, Ökonom an der schwedischen Linné-Universität ist dennoch vorsichtig. Die zuletzt freundlicheren Konjunkturprognosen für Schweden lägen vor allem an subjektiven Stimmungsindikatoren. "Die zeitlich hinterherkinkende Statistik für die Realwirtschaft – Konsum, Investitionen und Export – hingegen gab bislang keinen Anlass zu begründeter Freude", so Fromlet in einer Analyse der deutsch-schwedischen Handelskammer.

Der teilweise in Deutschland hochgelobte schwedische Sonderweg scheint inzwischen wieder holpriger geworden zu sein.
Prof. Hubert Fromlet, Linné-Universität

So bewerten internationale Experten das schwedische Modell

Trotz des aktuellen Anstiegs der Fallzahlen schauen immer mehr Experten kritisch, aber interessiert nach Schweden. Und auch wenn es bei all der Konzentration auf die Unterschiede zum schwedischen Sonderweg selten so wirkt: Man lernt voneinander.

Antoine Flahault, Direktor des Institutes für Globale Gesundheit in Genf, sagte der "New York Times":

Heute befolgen alle europäischen Länder mehr oder weniger das schwedische Modell kombiniert mit den Abläufen von Test, Kontaktverfolgung und Isolation, die die Deutschen eingeführt haben. Aber keiner will das zugeben.

Lediglich dass die Schweden weiterhin kaum Masken trügen, kritisiert Flahault als nachlässig. Auch WHO-Krisenkoordinatorin Catherine Smallwood sagte: "Ich glaube, da sind Lektionen zu lernen. Wir sind sehr daran interessiert, mehr über den schwedischen Ansatz zu hören."

Ein Modell eines Körpers mit Organen.

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