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Corona in St. Anton: "Keiner wollte es hören"

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Kritik an Krisenmanagement - Corona in St. Anton: "Keiner wollte es hören"

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Die Corona-Quarantäne im Tiroler Skiort St. Anton - vor zwei Wochen wurde sie verhängt. Das Krisenmanagement: schlecht bis rechtswidrig. Was Urlauberinnen und Ärzte erlebten.

Österreichische Polizistin auf Bundesstraße bei St. Anton
Österreichische Polizistin auf der Bundesstraße bei St. Anton am Arlberg.
Quelle: Reuters

Ein Traum wird wahr, so hatte es Silvia (*) geplant, doch Corona sorgte für ein jähes Erwachen. Jahrelang hatte sie hart gearbeitet und gespart, nun sollte die Auszeit mal länger sein - Skifahren ohne Hast in St. Anton am Arlberg.

Am 13. März wurde der Ort unter Corona-Quarantäne gestellt, ab 15. März durfte keiner mehr das Tal verlassen. Silvia wäre gern geblieben. Doch dann bekam sie einen Anruf des Tourismusverbandes TVB: "Sie müssen vor 24 Uhr aus St. Anton draußen sein, sonst sind sie illegal hier und machen sich strafbar!" Es war nach 18 Uhr, Busse und Züge fuhren nicht mehr und sie hatte kein Auto. "Dann nehmen Sie doch ein Taxi, übernachten Sie irgendwo, wer überprüft das schon", erklärte ihr der TVB-Vertreter, wie sie es schildert.

Krisenstab verteidigt Vorgehen in St. Anton während Corona-Ausbruch

Ein Beispiel für schlechtes, hier sogar rechtswidriges Krisenmanagement. Denn die Verordnung der zuständigen Bezirkshauptmannschaft Landeck vom 15. März schreibt ab da vor, dass keiner, auch keine ausländischen Gäste, St. Anton verlassen durften.

Auf Nachfrage des ZDF schreibt der "Krisenstab" St. Anton: "Unsere Mitarbeiter haben an diesem Tag bis an die absoluten Grenzen ihrer Belastbarkeit gearbeitet, die von Ihnen beschriebene Aussage können wir nicht bestätigen!"

Der Informations- und Organisationspflicht sei rundum genüge getan worden. Für Silvia war es die schlimmste Art Abschied - planlos, überhastet, verängstigt und - krank. Sie hat Verständnis für den Stress auch bei Verantwortungsträgern. Doch sie waren "ungastlich und fahrlässig", meint sie.

Warnungen vor Corona-Infektionen im Skiort verhallten

Auch Kristin (*) aus Norwegen lebte mehrere Monate in St. Anton und auch sie sorgte sich, dass der Ort eine Art Virenschleuder war. "Seit 4. März trage ich stets Handschuhe, denn eine Freundin hat sich hier beim Apres-Ski infiziert", sagt sie.

Aus Norwegen kamen Nachrichten von Dutzenden, mit dem Virus infizierten Rückkehrern aus St. Anton, erzählt sie. Eine Freundin wollte Gäste warnen, wurde aber dafür auf Facebook angegriffen. Sie solle den Ort nicht schlecht machen. "Keiner wollte es hören", sagt sie.

Am 12. März schrieb sie sogar besorgt den Behörden. Die knappe Antwort: "Wir wissen darum." Gehandelt wurde am nächsten Tag und dann ging alles viel zu schnell. Innerhalb weniger Stunden mussten Kristin und ihre Familie packen. "Ein bisschen mehr Information zur rechten Zeit wäre schön gewesen", sagt sie.

Ärzte in St. Christoph wurden nicht gewarnt

Hätte sie ein paar Kilometer weiter gewohnt, im Ortsteil St. Christoph, hätte sie noch bis Dienstag bleiben können. Roland Brandner hat sich infiziert, er war für einen Ärztekongress nach St. Christoph gekommen. Der kleine Ort gehört zur Gemeinde St. Anton: "Es ist eigentlich ein Ort," sagt der Arzt. Trotzdem wurde St. Christoph zunächst nicht unter Quarantäne gestellt.

Skiurlauber drängen sich dicht an dicht in einer Apres-Ski Hütte – heute unvorstellbar. Allerdings hätte das Treiben in Ischgl auch schon Anfang März verhindert werden müssen – sagen Mitarbeiter des Ski-Paradieses.

Beitragslänge:
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Von den Behörden kam keine Information über die Anzahl der Infektionen in der Region. Auf Nachfrage des ZDF, warum gerade die für das Gesundheitssystem so wichtigen Ärzte nicht gewarnt wurden, schreibt die Bezirkshauptmannschaft:

"Gerade Ärzten kann man genug Eigenverantwortung und Sachverstand zumuten, dass sie nicht in ein Risikogebiet fahren!!!!"

"Es war aber eben kein erklärtes Risikogebiet", sagt Medinziner Brandner. Der Informationsstand vor Ort war offiziell: Keine Gefahr in St. Christoph. "Die Ärzte sind aber dann eigenverantwortlich in Quarantäne gegangen." Und standen damit der Gesundheitsversorgung für mindestens zwei Wochen nicht mehr zur Verfügung.

(*) Name von der Redaktion geändert

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