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"Hunger ist stärker als die Angst vor Corona"

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Coronavirus in Syrien - "Hunger ist stärker als die Angst vor Corona"

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Neun Kriegsjahre und nun das Coronavirus: Es trifft Syrien offenbar mit voller Härte. ZDFheute hat mit einem Arzt aus Damaskus und mit Bewohnern von Homs und Idlib gesprochen.

Syrien: Corona-Tests am Grenzübergang Bab al-Hawa
Syrien: Corona-Tests am Grenzübergang Bab al-Hawa. Archivbild.
Quelle: dpa

"Wir kümmern uns nonstop um die Covid-19-Patienten, sind aber auf verlorenem Posten": Der Arzt, der ZDFheute von seinem Arbeitsalltag in einer öffentlichen Klinik in Syriens Hauptstadt Damaskus berichtet, will seinen Namen nicht veröffentlicht sehen. Es könnte ihn mehr als den Job kosten.

Syrischer Arzt: "Es fehlt an allem, von der Regierung kommt nichts"

Der Mediziner, ein junger, durchtrainierter Mann, hat selbst eine Covid-19-Infektion hinter sich. Er weiß, wie elend sich viele Patienten fühlen. "Mich hat es umgehauen - zwischenzeitlich dachte ich, das war's", erzählt er.

Wie er hätten viele seiner Kolleginnen und Kollegen in den vergangenen Wochen eine Covid-19-Infektion erlitten: "Kein Wunder, es fehlt uns an allem - Schutzkleidung, Masken, Desinfektionsmittel. Wir versuchen, die Sachen irgendwie privat zu beschaffen, von der Regierung kommt nichts."

Coronavirus in Idlib -
Syrien zwischen Pandemie und Bürgerkrieg
 

Neben Krieg und Hunger erreicht jetzt auch noch das Coronavirus die Flüchtlingslager in Syrien.

Videolänge:
1 min

Nicht genug medizinisches Personal und Ausrüstung

Das syrische Gesundheitsministerium zeichnet ein Lagebild, wonach der Staat das Virus im Griff habe. Der Arzt aus Damaskus, täglich die Covid-19-Patienten vor Augen, beschreibt die Situation diametral: "Das Coronavirus ist weitverbreitet, nicht nur bei uns, die Krankheit ist überall."

Es gibt Tausende von Covid-19-Patienten und wir können dem Ansturm nicht standhalten.
Anonymer Arzt aus Damaskus

Neun Jahre Bürgerkrieg, großflächige Zerstörungen, Sanktionen gegen das Assad-Regime und Korruption haben auch das syrische Gesundheitssystem nicht verschont.

Es fehlt an medizinischem Personal, Klinikbetten, Beatmungsgeräten, Medikamenten und Laborkapazitäten. Glaubt man Ärzten, so kann das syrische Gesundheitsministerium täglich nur etwa 100 Covid-19-Verdachtsfälle überprüfen.

Wut und Zorn richten sich gegen Ärzte und Krankenschwestern

"Währenddessen rennen uns die Leute die Türen ein, die Angehörigen sind wütend auf uns Ärzte und Krankenschwestern, weil wir den Leuten kaum helfen können", beklagt der Arzt aus Damaskus. "Selbst Standard-Medikamente haben wir nicht, die müssen die Leute für viel Geld auf dem Schwarzmarkt kaufen und mitbringen."

Wohlhabende Patienten bekämen mit Glück einen Platz in einer Privatklinik, für 200 US-Dollar am Tag. "Aber wer kann sich das noch leisten?", fragt der Arzt. Zum Vergleich: Er verdiene etwa 20 Dollar, im Monat.

Ein Computermodell des Coronavirus

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Überfüllte Kliniken in Homs und Idlib

Auch andere Landesteile Syriens scheint das Coronavirus fest im Griff zu halten. Einwohner der Region Homs und Idlib berichten ZDFheute von überfüllten Kliniken und Krankenstationen. "Kaum geht es den Leuten etwas besser, sieht man sie draußen, auf der Suche nach Arbeit, etwas zu essen", sagt der Lehrer Adnan A.:

Viele Menschen sind völlig verarmt, der Hunger ist stärker als die Angst vor Corona.
Lehrer Adnan A.

Per Whatsapp meldet sich aus der Nähe von Idlib die 21-jährige Studentin Sarah. Ihre Stimme klingt heiser, geschwächt, müde. Die junge Frau liegt seit Tagen mit Fieber im Bett. "Immerhin habe ich eins und muss nicht mit anderen in einem Zelt schlafen", sagt Sarah, die zu den circa 6,6 Millionen Binnenflüchtlingen in Syrien zählt.

Syrische Kinder sterben an Hunger

Auch in den überfüllten Flüchtlingslagern im Norden Syriens geht die Angst um, nachdem dort die ersten Covid-19-Krankheitsfälle diagnostiziert und vom UN-Nothilfebüro Ocha bestätigt worden sind. Vom Nachschub an Nahrungsmitteln und Medikamenten sind die Menschen dort inzwischen nahezu völlig abgeschnitten. Hilfsorganisationen beklagen absolut inhumane Zustände.

Die geschwächten Menschen erkranken und sterben an Hunger. Erst an diesem Freitag hat Ocha in Genf über den Tod von acht Kindern im Flüchtlingslager Al Hol im Nordosten Syriens berichtet. Die Kinder unter fünf Jahren seien an den Folgen ihrer Unterernährung gestorben. Das Grauen hat in Syrien viele Gesichter.

Illustration des Corona-Virus

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