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Telefonseelsorge während Corona - "Da hat sich was in mir aufgestaut"

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In der Corona-Krise nimmt die psychische Belastung der Menschen zu. Das merkt auch die Telefonseelsorge. Am Telefon helfen die Mitarbeiter mit einem einfachen Mittel: Sie hören zu.

Ein alter Mann steht vor Fenster und schaut auf verregnete Umgebung mit Bäumen und Häusern
Quelle: ZDF

Das Telefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung eine jüngere Frau. Sie hat Panik, Corona macht Angst. Sie weiß, dass sie sich unmittelbar keine Sorgen machen muss, doch da ist diese Furcht, es könnte etwas passieren, ihr Leben, das Leben Aller aus den Fugen geraten.

Uta, ehrenamtliche Mitarbeiterin der Telefonseelsorge Stuttgart, hört ihr einfach zu. "Die Frau war sehr aufgewühlt", erzählt die 50jährige.

Sie sprach sehr schnell und hatte Angst, dass die Gesellschaft zerbricht, dass es Chaos geben könnte. Das machte ihr große Sorgen.

Uta ist da, ihre Stimme beruhigt. "Die Frau hatte niemanden, mit dem sie sprechen konnte. Das brach alles aus ihr heraus, ihre ganzen Gefühle, es war einfach mal gesagt."

Die dunkle Jahreszeit verstärkt Corona-Ängste

Corona, das ist bei den 104 Telefonseelsorge-Stellen in ganz Deutschland zur Zeit das bestimmende Thema. Es geht um ganz konkrete gesundheitliche Ängste, um Fragen wie: "Wird mich die Krankheit treffen?", die Sorge um den Arbeitsplatz, die Überlastung mit Kindern und Beruf.

Es geht aber aber auch um die Frage: Was macht die Pandemie mit unserer Gesellschaft? Demonstrationen, die Wut, der Hass - wie werden wir damit umgehen, wird es uns spalten?

"Ich merke häufig, dass die Menschen in dem Moment gefangen sind“, schildert Uta ihre Gespräche, "sie finden für sich keinen Ausweg. Und ich glaube auch, dass die dunkle Jahreszeit die Angstgefühle, die Angst vor Einsamkeit bestärkt."

Tatsächlich beobachtet Martina Rudolph-Zeller, die Leiterin der Telefonseelsorge Stuttgart, dass seit Corona die Zahl der Anrufe und Live-Chats deutlich gestiegen ist. Und: Die Anrufer und Anruferinnen werden immer jünger.

Auch die zweite Corona-Welle sei geprägt von "großer Angst", erzählt Martina Rudolph-Zeller von der Telefonseelsorge Stuttgart im ZDF-Interview.

Beitragslänge:
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Studie zeigt: Besonders Jüngere leiden

Ähnliches beobachtet Professor Klaus Berger, Epidemiologe und Sozialmediziner an der Universität Münster:

Ältere haben mehr Erfahrung. Sie lassen sich nicht so leicht erschrecken, haben gelernt mit Krankheiten und Krisen umzugehen.
Professor Klaus Berger, Epidemiologe und Sozialmediziner

Ihre Situation sei stabiler, sagt Berger. "Die Kinder sind aus dem Haus. Die Immobilie abbezahlt. Finanzielle Sorgen mögen da sein, aber nicht so sehr wie in der Mitte des Lebens."

Berger leitet die Covid-Befragung innerhalb der Nako-Gesundheitsstudie. Seit 2014 werden in der Megastudie bundesweit die immer selben über 200.000 Teilnehmer*Innen medizinisch untersucht und nach ihren Lebensgewohnheiten befragt. Ziel ist es, die Ursachen für Volkskrankheiten wie Krebs, Herzinfarkt oder Infektionen herauszufinden. Aber auch psychische Stimmungen werden aufgenommen.

Corona als Brennglas

Im Mai wurde zusätzlich nachgefragt, wie sich der Gesundheitszustand während der Corona-Krise verändert hat. Ergebnis: Die Deutschen zeigen deutlich mehr depressive Stimmungen. Die psychische Belastung bei Menschen zwischen 20 und Ende 40 war besonders groß.

"Deutschland-Barometer" -
Studie: Corona-Krise verstärkt Depressionen
 

Das aktuelle "Deutschland-Barometer Depression" zeigt, wie sehr die Corona-Krise Menschen mit Depressionen belastet. Viele Betroffene greifen mittlerweile aber zu digitaler Hilfe.

Videolänge
3 min
von Caroline Leicht

"Corona ist eine Art Brennglas, weil es uns alle als Gesellschaft trifft und Brüche, Ungleichheiten stärker hervorhebt, die vorher schon da waren. Die externe Krise führt dazu, dass solche Brüche viel stärker rauskommen", sagt Berger.

Zusammenhalt stärken und einfach zuhören

Die Helfer bei der Telefonseelsorge Stuttgart haben eine ganz einfache Erfahrung gemacht: Den Anrufern geht es nicht um einen schnellen Rat. Sie brauchen einfach ein offenes Ohr. "Wir helfen, indem wir zuhören und die Menschen nicht alleine lassen. Viele Menschen haben niemanden oder möchten einfach Andere nicht belasten", sagt Rudolph-Zeller.

Auch die junge Frau, die sich so sehr um die Zukunft der Gesellschaft sorgte, war am Ende des Telefonats erleichtert. "Sie sagte dann: 'Da hat sich was in mir aufgestaut'", erzählt Uta, die ehrenamtliche Mitarbeiterin, "und dann meinte sie: 'Beim nächsten Mal suche ich mir schneller jemanden zum Reden - oder ich rufe einfach wieder Sie an'."

Susann von Lojewski ist Korrespondentin im ZDF-Landesstudio Baden-Württemberg.

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