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Warum uns Nichtstun so schwer fällt

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Harald Lesch erklärt - Warum uns Nichtstun so schwer fällt

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Im Kampf gegen das Coronavirus sind wir gezwungen zu Hause zu bleiben und nichts zu tun. Das fällt uns offensichtlich schwer. Im Interview erklärt Harald Lesch, warum das so ist.

Philosoph Harald Lesch sieht im Coronavirus eine archaisches "Etwas", das uns zu ungewohntem Verhalten zwingt. Statt reibungsloser Abläufe in Industriegesellschaften sind wir gezwungen nichts zu tun und zu Hause zu bleiben. Das könnten wir nicht …

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ZDF: Wie kann es sein, dass in einer Zeit, in der wir die Natur so gut durchschauen, ein Virus die ganze Menschheit an die Wand drückt?

Harald Lesch: Viren sind Urphänomene. Seit Beginn des Lebens gibt es die. Ein Virus ist selbst gar kein Lebewesen, sondern es braucht ein anderes Lebewesen, um sich dann zu verbreiten, diesen Wirt also zu versklaven.

So ist das auch hier passiert, über eine Ansteckungskette. Vermutlich über Fledermäuse oder Flughunde. Deren Exkremente sind irgendwie zu Wildtieren oder auf Wildtiere, in Wildtiere hineingekommen. Die sind dann auf einem Markt in China frisch geschlachtet worden.

Und dann hat das Virus die Tier-Mensch-Schranke übersprungen, ist sogar zu einem Virus geworden, das sich von Mensch zu Mensch sehr schnell ausbreitet - und das ist eine Sache, die ist nicht nur unsichtbar, die ist auch total unberechenbar, abgesehen von dem exponentiellen Wachstum. Und sie ist global - und das überfordert uns natürlich völlig.

ZDF: Jetzt ist Europa das Zentrum dieser Pandemie geworden - ausgerechnet dieser Hightech-Kontinent. Die Lombardei, wo es am schlimmsten ist, ist eine der reichsten Regionen Europas. Und wir werden damit offenbar nicht fertig. Warum?

Lesch: Es handelt sich bei dem Virus um etwas fast Außerirdisches. Das ist ein archaisch, sehr souverän agierendes Etwas. Das fordert uns dazu auf, etwas zu tun, was wir eigentlich gar nicht wollen. Unsere Gesellschaft ist auf Kante genäht. Gerade die Lombardei ist ein Beispiel dafür: hochindustrialisiert, hoch vernetzt. Da muss alles reibungslos funktionieren.

Das sind Gesellschaften in Europa, aber auch in vielen anderen Teilen der Welt, die leben von diesem Reibungslosen. Das heißt, wir können mit Geld, mit Wissenschaft, mit Technologie unsere Probleme lösen. Und jetzt weist uns dieses Urphänomen auf etwas hin, womit wir überhaupt nicht zu Recht kommen - nämlich nichts zu tun:

Wir sollen zu Hause bleiben, wir sollen sogar Distanz wahren zu allem. Und das ist etwas, was wir überhaupt nicht kennen, was wir auch nicht mögen.

Unsere Gesellschaften sind darauf aus, was zu machen, Probleme zu lösen. Und jetzt heißt quasi der alte Satz: Wie viel Unheil ist durch Nichtstun schon verhindert worden? Das können wir überhaupt nicht aushalten.

ZDF: Das wirkt ja auch ein bisschen merkwürdig, dass uns das nur im Moment einfällt, bis plötzlich das große Mittel dagegen gefunden ist. Haben wir eine Chance, durch diese relativ kleinen Geschichten - von Händewaschen bis Abstand halten - mit dieser Gefahr fertig zu werden?

Lesch: Aber ja! Es geht tatsächlich darum, erst einmal besonnen zu bleiben und Augenmaß zu bewahren. Einkaufen ist ja erlaubt, aber bitte doch keine Hamsterkäufe.

Dann geht es darum, sich zu orientieren, sich zu informieren und aufzuklären. Ich hoffe, inzwischen weiß jeder und jede in Deutschland, wie man sich die Hände waschen muss, um sich vor dem Virus zu schützen.

Und es bedeutet eben auch ruhig zu bleiben. Ich würde fast sagen: Folgen Sie bitte den Anweisungen der Besatzung, also zu Hause zu bleiben.

Es ist ja auch toll, zu welchen Möglichkeiten inzwischen medizinische Forschung in der Lage ist. Wir sehen ja, wie eng die Forschung funktioniert, welche Technologie wir haben, die uns sagt, wo wir stehen und was wir jetzt tun müssen. Insofern sind eigentlich gute Möglichkeiten da, dass wir das hinkriegen.

ZDF: Wenn Sie sehen was jetzt real auf politischer und auf wissenschaftlicher Bühne passiert - was macht Ihnen da Mut?

Lesch: Ich glaube, das Allerwichtigste ist, dass die Leute tatsächlich sehr breit Solidarität zeigen. Die Jüngeren kümmern sich um die Alten. Es findet nichts statt, dass man sich auseinanderdividieren lässt. Es wird viel Verantwortung übernommen.

Und was ich auch finde, was ganz wichtig ist: Dass diese Krise zeigt, wie wichtig funktionierende politische und administrative Institutionen sind.

Jetzt kommt es nicht mehr auf schwadronierten Politclowns oder Wissenschaftsverächter, Fake-News-Prediger an, sondern es geht um seriöse Menschen, die sich mit diesem seriösen Problem seriös beschäftigen.

Expertinnen und Experten in Medizin, Virologie, Epidemiologie, aber auch Politik und Administration zeigen uns, was möglich ist. Und das ist die ideale Gelegenheit, Vertrauen aufzubauen. Denn Vertrauen reduziert Komplexität, reduziert unsere Angst – und damit hätte das Virus unserer Gesellschaft und sogar der Stabilität unserer Demokratie noch einen großen Dienst erwiesen.

ZDF: Wenn Sie sich das Erscheinungsbild jetzt anschauen: Auf wie viele Wochen der Reduktion der Tätigkeiten müssen wir uns mindestens einstellen?

Lesch: Die Aussagen aus dem Expertenkreis sind erst einmal grundsätzlich so: Wir müssen es schaffen, diese exponentielle Kurve abzuflachen, dass wir in den Bereich kommen, wo die Zahlen immer kleiner und kleiner werden, so dass die Wachstumsraten gegen Null gehen. In China waren es acht Wochen. Es könnte sein, dass es in Europa acht Wochen sind. Vielleicht dauert es auch länger. Aber mindestens acht Wochen, darauf müssen wir uns einstellen.

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