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Infektiologe Christoph Spinner - "Im Grunde kann Covid-19 jede Zelle treffen"

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Die Lunge ist nicht das einzige Organ, das von Covid-19 betroffen sein kann. Im Interview spricht der Infektiologe Christoph Spinner über mögliche Krankheitsverläufe des Virus.

Der Infektiologe Christoph Spinner spricht im Interview über den Krankheitsverlauf des Coronavirus, mögliche betroffene Organe und das Medikament "Remdesivir".

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5 min
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ZDFheute: Sie sehen jeden Tag unterschiedliche Krankheitsverläufe. Was kann das Virus im Körper anrichten?

Christoph Spinner: Zu verstehen ist, dass das Sars-CoV-2 fast jede menschliche Zelle im Körper betreffen kann. Das heißt, es handelt sich um eine Systemerkrankung und eben nicht um eine isolierte Erkrankung der Lunge. Das erklärt dann auch die Komplikationen, die auftreten können. Im Grunde kann wirklich jede Zelle befallen werden. Von der Lungenentzündung bis zur Entzündung des Gehirns ist alles möglich.

Dr. Christoph Spinner ist Infektiologe und arbeitet am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. So ist dort Stand der Lage:

ZDFheute: Woran liegt das, welche Rolle spielt ein bestimmtes Molekül und wie reagiert es wo im Körper?

Spinner: Viren benutzen in der Regel sogenannte Co-Rezeptoren, die sie zum Eindringen in die menschlichen Zellen benötigen. Viren können sich selbst nicht vermehren. Sie sind auf menschliche Zellen entsprechend angewiesen, um sich dort vermehren zu können. Das heißt, sie missbrauchen in gewisser Art unsere menschlichen Zellen.

ZDFheute: Welche Mechanismen tragen dazu bei, dass das Coronavirus so im Körper eines Patienten wütet, bei anderen Patienten aber keinerlei Symptome auslöst?

Spinner: Das ist eine der spannendsten Fragen, die ich mir auch als Mediziner immer wieder stelle. Wir wissen noch sehr wenig darüber, warum manche Menschen nahezu einen symptomfreien Krankheitsverlauf haben, während andere Patienten - selbst junge Patienten - hier auf den Intensivstationen intubiert beatmet oder gar an Herz-Lungen-Maschinen behandelt werden müssen und auch nicht jeder diese Erkrankung übersteht.

ZDFheute: Geht es um Covid-19, wird rasch nach der Anzahl der verfügbaren Beatmungsplätzen gefragt - ein Indiz für schwere Verläufe. Doch was passiert mit den Patienten, deren Organe geschädigt sind, die aber nicht beatmet werden müssen - wie können Sie helfen?

Spinner: Das Erkrankungsbild von Covid-19 kann sehr divers sein: Im Grunde beobachten wir von der Entzündung des Herzmuskels bis zur Entzündung des Gehirns wirklich sehr unterschiedliche Krankheitsbilder. Die moderne Intensivmedizin ist heute auch darauf spezialisiert, einzelne Körper- und Organfunktionen vorübergehend zu ersetzten. Ganz wichtig dabei bleibt es, dass der Körper und das Immunsystem wieder lernen, diese Funktion selbst zu übernehmen. Wir können sie nicht dauerhaft, sondern nur vorübergehend ersetzen.

Bei manchen Covid-19-Patienten ist der Krankheitsverlauf milde, bei anderen schlimm - sie werden künstlich beatmet. Danach müssen sie das Atmen wieder lernen. Ein langer Prozess.

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2 min
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ZDFheute: Müssen Patienten, die so schwer erkrankt sind, möglicherweise an anderen Organen als der Lunge mit Folgeschäden rechnen?

Spinner: Ja, Sars-CoV-2 kann wirklich jedes Organ betreffen. Deswegen haben wir von der Entzündung des Gehirns bis zur Entzündung des Herzens verschiedene Verläufe gesehen. Wir wissen heute noch nicht genug darüber, ob diese Erkrankung wirklich folgenlos ausheilt. Es scheint in der Mehrheit der Fälle so zu sein. Aber wir müssen auch ein großes Augenmerk auf die Menschen richten, die komplizierte Verläufe hatten, um zu verstehen, ob wirklich keine Folgen zurückbleiben.

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ZDFheute: Aktuell fordert eine Europäische Arzneimittelbehörde, das Medikament "Remdesivir" breiter zu streuen. Sie waren an einer Studie dazu beteiligt und sind momentan an einer weiteren Studie beteiligt. Begrüßen Sie das?

Spinner: Ich glaube, was wir uns als Ärzte wünschen, ist ein wirksames Arzneimittel gegenüber Covid-19. "Remdesivir" ist das erste Arzneimittel, das im Rahmen kontrollierter Studien nachweisen konnte, dass es günstigen Einfluss auf den Krankheitsverlauf nimmt und vielleicht sogar mit einer geringeren Sterblichkeit assoziiert sein könnte. Deshalb ist "Remdesivir" die einzige nachgewiesene wirksame Substanz, die auch sicher eingesetzt werden kann und aus diesem Grund wünschen wir uns auch, dass eine Zulassung möglichst bald erfolgt. Darüber hinaus werden noch andere Substanzen untersucht und es gibt einige hundert Arzneimittel, die im Kontext der Covid-19-Erkrankung untersucht werden

ZDFheute: Nun gibt es die Meldung, dass immer mehr Kinder sehr schwer erkrankt sind. Beobachten Sie das an Ihrer Klinik auch?

Spinner: Wir behandeln in unserer Einrichtung vor allem erwachsene Menschen. Wir haben eine kooperierende Kinderklinik und erfreulicherweise gab es bisher kaum Kinder, die mit Sars-CoV-2-Infektionen aufgenommen und behandelt werden mussten. Nach allem, was wir bisher wissen, erkranken Kinder deutlich seltener, obgleich sie häufig mit dem Virus infiziert werden. Das macht vielleicht auch ein bisschen Hoffnung, denn was wir heute verstehen, ist, dass vor allem das Alter, hohes Körpergewicht und Herz-Kreislauferkrankungen Risikomerkmale für schwere Covid-19-Erkrankungen sind.

ZDFheute: Wie ist Ihre persönliche Einschätzung: Gehen wir richtig mit der Erkrankung um, oder fokussieren wir uns mittlerweile wieder zu sehr auf unsere persönlichen Bedürfnisse nach Freiheit, Ablenkung oder einem unbeschwerten Leben?

Spinner: Aus medizinischer Sicht bin ich zunächst beeindruckt, wie schnell die ganze Welt über die Forschungsaktivitäten von Covid-19, die in den letzten Wochen und Monaten möglich waren, gelernt hat. Auf der anderen Seite bleibt es auch unsere Aufgabe als Mediziner - genauso, wie der politischen Entscheidungsträger und der Gesellschaft - eine Balance zu finden, zwischen der Bereitschaft, Menschen, die an Covid 19 erkrankt sind, versorgen zu können und das gesellschaftliche Leben aufrechtzuerhalten. Wir dürfen trotz allem eines nicht vergessen: Es gibt auch noch Patienten außerhalb Covid-19.

Das Interview führte Claudia Vogelmann.

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