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Coronavirus: Müssen wir wirklich hamstern?

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Vorräte wegen Epidemie - Coronavirus: Müssen wir wirklich hamstern?

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Einige Regale waren am Wochenende wie leer gefegt: Die Supermarktketten melden Hamstereinkäufe wegen des Coronavirus. Dabei sind übermäßige Vorräte gar nicht nötig, sagen Experten.

Leere Regale wegen des Coronavirus: Viele Menschen decken sich mit Desinfektionsmitteln ein.
Ein letzter Eierkarton hütet das Regal: Kann es durch das Coronavirus zu Engpässen kommen?
Quelle: dpa

Nudeln, Dosensuppe und jede Menge Desinfektionsmittel: Wegen des Coronavirus stopfen sich einige die Vorratskammern voll wie Hamster die Backen. Hamsterkäufe von Menschen, die gleich mehrere Einkaufswagen an die Kasse schieben, ausverkaufte Hygieneartikel und leere Regale sorgen für Unsicherheit - muss das wirklich sein?

Toilettenpapier, Nudeln und Büchsenbrot

Ja, denken offenbar einige: Aldi meldet eine verstärkte Nachfrage nach Konserven, die Drogeriekette dm nach Hygieneartikeln - manche Produkte seien kaum noch verfügbar. "Wir verzeichnen deutlich erhöhte Abverkäufe besonders bei Artikeln aus dem Trockensortiment wie Konserven und Nudeln, sowie aus dem Hygienebereich wie Toilettenpapier und Desinfektionsmittel", meldet die Supermarktkette Lidl.

Hamsterkäufe lösen keine Problem, sondern sie schaffen eins.
Nils Hübner, Institut für Hygiene der Uni Greifswald


Eine ähnliche Situation beschreiben Rewe, Penny und Rossmann. Sogar Büchsenbrot feiere sein Comeback: "Lange Jahre war das Brot weniger oder gar nicht gefragt," sagte der Vize-Geschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg, Günter Päts. Vom Ladenhüter zum Trend - der Umsatz aus dem lange haltbaren Brot aus der Dose stieg in Berlin und Brandenburg um bis zu 40 Prozent.

Mehr zu den Hamsterkäufen sehen Sie im Video:

Das Coronavirus breitet sich in Deutschland weiter aus. Auch Berlin meldet nun einen ersten Fall. Auch wenn Experten immer wieder zu Besonnenheit raten, nimmt die Unsicherheit in der Bevölkerung zu.

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"Man muss sich wirklich die Frage stellen, warum man Dinge hamstert, die man auch sonst nie isst", sagt Nils Hübner vom Institut für Hygiene der Uni Greifswald. Wer sonst nie Ochsenschwanzsuppe esse, müsse jetzt wirklich nicht zehn Dosen lagern. "Ich rate davon dringend ab, es wird keine Mangelsituation eintreten", sagt Hübner. Nicht mal in Wuhan würde irgendjemand hungern müssen.

Warum Hamsterkäufe gefährlich sind

"Hamsterkäufe lösen keine Problem, sondern sie schaffen eins", sagt Hübner. Denn es sei ein sich selbst verstärkender Effekt: Wer vor leeren Regalen steht, neige selbst zum Großeinkauf - aus diesem Herdenphänomen können dann wirklich Engpässe entstehen, die allein durch das Virus nie entstanden wären.

Alle genannten Supermarktketten reagieren auf die erhöhte Nachfrage - keine meldet wirklich drohende Engpässe. Einzig bei Textil- und Elektronikprodukte könnte es kurzfristig zu Engpässen kommen, weil diese oft in asiatischen Länder produziert werden.

Die Angst vor dem Coronavirus und seinen Folgen ist trotzdem hochinfektiös. "Das liegt begründet in der Unsicherheit der Situation - es ist tief veranlagt, das zu tun, was andere tun", sagt Hübner. Hamstereinkäufe sind also ansteckender als das Virus selbst.

"Die Lieferketten für Mehl und Nudeln sind keineswegs gefährdet", versucht auch Helmut Fickenscher, Präsident der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten zu beruhigen. Dafür seien Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel vielerorts ausverkauft - eine Gefahr für viele Menschen.

"Wer chronisch herz- oder lungenerkrankt ist oder an Immunschwäche leidet, ist auf solche Masken angewiesen", sagt Fickenscher. Gesunde Menschen könnten sich dagegen nicht mal vor Ansteckung schützen mit den Atemschutzmasken. Genauso bei Desinfektionsmitteln: In Arztpraxen dringend benötigt, seien sie im Haushalt überflüssig. "Händewaschen mit Seife hilft genauso gut."

Welche Produkte besonders von den Hamsterkäufen betroffen sind, sehen Sie in der Bildergalerie:

Fickenscher und Hübner sind allerdings der Ansicht, dass der Kühlschrank auch nicht unbedingt leer sein müsse. "Vorräte zu haben, ist erstmal nichts Schlechtes", sagt auch Barbara Gärtner vom Institut für Mikrobiologie und Hygiene des Universitätsklinikums Saarland.

Was wirklich nützlich ist

Das gelte aber zu allen Zeiten und nicht speziell wegen des Coronavirus. Auch Gärtner sieht keine Versorgungsnotlage auf uns zukommen. "Es könnte aber die Ausbreitung des Virus verlangsamen, wenn die Leute weniger aus dem Haus müssen zum Einkaufen", sagt sie.

Die momentan viel zitierte Vorratsliste des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe sei auch genau so gemeint: "Natürlich haben wir ein Problem weniger, wenn im Notfall jeder ein paar Vorräte da hat", sagt Gärtner. Aber das müssen keine Massen sein und sie müssen auch nicht plötzlich angeschafft werden.

Das Innenministerium rät zu einem "rollierenden" Vorrat. Das bedeutet, dass der Vorrat in den täglichen Lebensmittelverbrauch eingebunden werden sollte. Es gehe dabei auch nicht um spezielle, lang haltbare Produkte, sondern lediglich darum, das vorrätig zu haben, was man sowieso esse.

Wir bereiten uns auf einen Virus vor und nicht auf den 3. Weltkrieg.
Nils Hübner, Institut für Hygiene der Uni Greifswald

"Wir arbeiten auch an einem System der Lebensmittelverteilung", sagt Hygienemedizinier Hübner. Wer tatsächlich in häuslicher Quarantäne bleiben müsse, werde natürlich versorgt. "Da wird ja nicht einfach die Tür abgeschlossen", sagt er. Es spreche nichts dagegen, möglicherweise Erkrankten Essen vor die Tür stellen. Es gebe Lieferservice und Onlinebestellungen.

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