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Das ZDF in Corona-Zeiten - Peter Frey: "Täglich aufs Neue gut sein"

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Die Corona-Pandemie wirkt sich auch auf das ZDF aus. Chefredakteur Peter Frey über Lernkurven, Herausforderungen und Ansprüche an die Berichterstattung in schwierigen Zeiten.

ZDFheute: Das Coronavirus hat die ganze Welt mit ungeheurem Tempo überrollt. Wie verlief Ihre Lernkurve zu Beginn der Pandemie?

Peter Frey: Natürlich habe ich das Thema Corona seit Anfang des Jahres beobachtet, vor allem durch intensive Gespräche mit unserem China-Korrespondenten Ulf Röller. Er war unheimlich wach und ist als einer der ersten ausländischen Journalisten mit seinem Team nach Wuhan gegangen. Deshalb hatte ich eine Ahnung von der Welle, die da auf China zukommt.

Dann ging alles auch bei uns ganz schnell. Am 9. März bin ich das letzte Mal geflogen, von Berlin nach Frankfurt. Die Maschine war leer, die Menschen nervös und meine Unruhe wuchs. Ich hatte dann, was ungewöhnlich für mich ist, eine schlaflose Nacht und plötzlich zuckte eine CNN-Eilmeldung hoch. Trump erlaubt keine Einreisen von Europäer*innen mehr. Da wusste ich, es ist etwas ganz Ernstes unterwegs. Das war mein Moment des Erwachens, in der Nacht vom 10. auf den 11. März.

ZDFheute: Wann haben Sie angefangen, das auf die Arbeit im ZDF zu beziehen?

Frey: Sofort, in dieser Nacht. Noch früh am Morgen habe ich einen Kommentar für das heute journal entworfen, mir fiel der berühmte Roman "Die Pest" von Albert Camus ein, der die Seuche ja auch als Chance zur Mitmenschlichkeit beschreibt.

Ich habe aber auch überlegt, was das für unsere redaktionelle Arbeit bedeutet, wie wir uns organisieren müssen. Auch Journalist*innen müssen durch so einen Prozess begleitet werden. Es gab auch bei uns Angst. Deshalb haben wir ab dem 12. März fast täglich Sitzungen mit allen Verantwortlichen über unseren Umgang mit Corona gemacht.

ZDFheute: Die Pandemie hat große Auswirkungen auf den Alltag im Land. Was ist jetzt anders als im Februar?

Frey: Zunächst mussten wir verstehen, was es mit dem Virus auf sich hat, was das für unser Land bedeutet, für Europa, für das Ausland - ein Lernprozess, der noch nicht abgeschlossen ist.

Die Auslandsberichterstattung bekam einen besonderen Stellenwert. Die Bilder aus China, Italien und Spanien haben unseren Zuschauer*innen deutlich gemacht, wie groß die Gefahr ist, auf die wir uns vorbereiten müssen. In gewisser Weise haben wir damit auch den Boden bereitet für die wirklich gravierenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens, die dann folgten. Es ging nicht darum, die Politik mit ihren konkreten Entscheidungen zu unterstützen.

Wir haben beschrieben: Wenn wir nicht handeln, wird der Preis hoch sein.

ZDFheute: Wie haben Sie die Veränderung in der täglichen Arbeit erlebt?

Frey: Für mich war es unglaublich zu sehen, wie sich in kurzer Zeit Homeoffice im Sender etabliert hat, wie Videokonferenzen mit Dutzenden Teilnehmer*innen selbstverständlich wurden. Einmal hatte ich eine Redaktionsversammlung mit mehr als 500 zugeschalteten Teilnehmer*innen. Innerhalb von zwei oder drei Tagen sind wir in einem neuen Jahrzehnt angekommen. Lange haben wir von Digitalisierung geredet. Jetzt waren ihre Vorteile klar.

ZDFheute: Das ZDF trägt eine Verantwortung. Wie ist das ZDF dieser nachgekommen, ohne regierungsnah zu wirken? Wie ist diese Gratwanderung gelungen?

Frey: Ich möchte unterscheiden zwischen "regierungsnah" und unserem Auftrag als Sender, dem Gemeinwohl zu dienen. Die Idee des öffentlich-rechtlichen Fernsehens als großes Gemeinwohl-Projekt ist nie deutlicher geworden als in den vergangenen Wochen.

Es ging nicht darum, eine Regierungslinie zu bestätigen, sondern einen Beitrag zu leisten, dass nicht mehr Menschen krank werden.

Das haben wir geschafft, indem wir gezeigt haben, was auf uns zukommt, wie man sich schützen kann, aber auch mit kritischen Blicken zum Beispiel auf Krankenhäuser und Pflegeheime. Wir waren verblüfft, dass sich die Reichweite der Nachrichtensendungen fast verdoppelt hat. Auch die jüngeren Zuschauer*innen waren plötzlich wieder da und bleiben auch bis heute, etwa in der heute-Sendung um 19 Uhr und auf Youtube. Das alles ist schon eine Bestätigung für unsere Glaubwürdigkeit.

ZDFheute: Hat Sie etwas besonders beeindruckt?

Frey: Ich habe größten Respekt vor den Kolleg*innen, die sich nahe herangetraut haben - von Heinsberg bis Rio. In Brasilien zu arbeiten, ist aktuell mit tatsächlichen Risiken verbunden. Wer aus Johannesburg oder Nairobi reportiert, befindet sich auf einer echten Gratwanderung zwischen der notwendigen Information des deutschen Publikums über die Zustände vor Ort und andererseits der Verantwortung für sich und die Mitarbeiter*innen.

Aber auch in deutsche Kliniken zu gehen, Mediziner*innen über Wochen immer wieder zu begleiten, das Personal in Alten- und Pflegeheimen bei ihrer Arbeit bis an die Grenzen zu beobachten - da ist man am Kern des journalistischen Beobachtens. Glücklicherweise konnten wir auch Erfolgsgeschichten erzählen, von Menschen die geheilt und entlassen wurden.

ZDFheute: Was erwarten Sie, was kommt noch auf uns zu und wie sind wir dafür gerüstet?

Frey: Ich bin kein Mediziner. Aber ich sage, Entwarnung kann es erst geben, wenn ein Impfstoff und Medikamente da sind. Und selbst dann werden wir vor gewaltigen globalen Verteilungskonflikten stehen.

Weltweit arbeiten Wissenschaftler an der Entwicklung eines Impfstoffes.

Beitragslänge:
27 min
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Bis dahin müssen wir sehr vorsichtig sein, weiter Abstandsregeln einhalten, auch bei unseren Publikumssendungen. Aber es gibt auch Überraschungen, Maybrit Illner zum Beispiel gefällt mir auch in der leisen Form gut.

Nach der Bewältigung der ersten Phase haben wir jetzt aber auch mehr Ruhe, Fehler der Corona-Politik zu analysieren.

Warum hat das Robert-Koch-Institut anfangs keine Maskenpflicht gefordert? Warum konnten wir Großausbrüche nicht verhindern? Warum haben Notrufe nicht funktioniert und mussten Patient*innen viel zu lange auf Behandlung warten? Da gibt es noch viel aufzuarbeiten oder wie Gesundheitsminister Spahn gesagt hat: zu verzeihen.

ZDFheute: Glauben Sie, dass das Verhältnis zwischen dem Sender und dem Publikum nach Corona ein anderes sein wird als vorher?

Frey: Ich bin jedenfalls sicher, dass wir mehr denn je die Mitte unserer Gesellschaft erreichen. Den großen Misstrauensbekundungen habe ich ohnehin nie so recht getraut. Dabei handelt es sich oft um Propaganda und gezielte Angriffe. Umfragen sagen uns, dass aktuell 73 Prozent der Menschen großes oder sehr großes Vertrauen in die öffentlich-rechtlichen Sender haben. Damit stehen wir mit weitem Abstand vor allen anderen Medien. Diesem Vertrauen müssen wir gerecht werden. Anders gesagt: Wir müssen täglich aufs Neue gut sein.

Das Interview führte Gert Anhalt.

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