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Ein Jahr nach Dammbruch - Brumadinho-Opfer fordern Gerechtigkeit

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Es war eines der schwersten Unglücke Brasiliens: Vor einem Jahr brach der Damm an einer Mine, 270 Menschen starben in der Schlammlawine. Die Hinterbliebenen wollen Gerechtigkeit.

Eisenbahnbrücke bei Brumadinho, Brasilien, wurde durch die Schlammlawine zerstört.
Auch die Eisenbahnbrücke bei Brumadinho wurde durch die Schlammlawine zerstört.
Quelle: epa

Von elf Verschütteten fehlt auch noch nach einem Jahr jede Spur. Tag für Tag suchen die Feuerwehrleute in Brumadinho unter Schlamm und Geröll nach den letzten Vermissten des verheerenden Dammbruchs, selbst an Weihnachten gruben sie weiter. "Was mich motiviert? Ich will diesen Familien eine Antwort geben", sagte eine Feuerwehrfrau dem Nachrichtenportal "G1". "Wir werden nicht aufhören, bis die elf Familien Gewissheit haben."

Der Damm an der Mine Córrego do Feijão brach am 25. Januar 2019. Eine Schlammlawine rollte über Teile der Anlage und benachbarte Siedlungen nahe der Ortschaft Brumadinho im Bundesstaat Minas Gerais hinweg und begrub Menschen, Häuser und Tiere unter sich. Insgesamt 270 Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben. Die Leichen von 259 wurden bereits geborgen und identifiziert. Jetzt suchen die Einsatzkräfte nach den letzten elf Vermissten. Rund 3.200 Feuerwehrleute beteiligten sich in den vergangenen zwölf Monaten an den Sucharbeiten. Sieben Millionen Quadratmeter wurden abgesucht.

Ermittlungen gegen Tochterunternehmen des TÜV Süd

So wie sich die Einsatzkräfte weiter durch die rotbraune Erde von Brumadinho graben, haben sich die Ermittler von Polizei und Staatsanwaltschaft durch Akten, Gutachten und Dokumente gewühlt, um die Verantwortlichen für das Unglück zu identifizieren. Sie sammelten Millionen Dokumente, wie die Staatsanwaltschaft des Bundesstaats Minas Gerais am Dienstag mitteilte.

Schlammlawine nach einem Dammbruch bei Brumadinho, Brasilien
Zahlreiche Gebäude der Mine und der angrenzenden Stadt Brumadinho wurden unter einer bis zu 15 Meter hohen Schlammmasse begraben.
Quelle: ap

Die Ermittlungen richteten sich vor allem gegen den Betreiber der Mine, den brasilianischen Konzern Vale, eines der größten Bergbauunternehmen der Welt, und das Tochterunternehmen des deutschen TÜV Süd, das kurz vor dem Dammbruch die Rückhaltebecken geprüft und für sicher befunden hatte. Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft wurde das Zertifikat ausgestellt, obwohl dem TÜV der schlechte Zustand der Anlage und das Risiko bewusst waren.

Ein verantwortlicher Prüfer hatte in Vernehmungen erklärt, sich von Vertretern des Minenbetreibers Vale unter Druck gesetzt gefühlt zu haben. Kurz vor dem Jahrestag hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Vale, die Tochterfirma des TÜV Süd sowie 16 Mitarbeiter der beiden Firmen erhoben. Den Mitarbeitern von Vale und TÜV Süd Bureau de Projetos e Consultoria Ltda. werde Mord in 270 Fällen vorgeworfen, teilte die Staatsanwaltschaft von Minas Gerais mit. Die beiden Unternehmen werden auch wegen Umweltverschmutzung angeklagt.

Karte: Brasilien - Brumadinho
Bei dem Bruch eines Rückhaltebeckens in der Eisenerzmine Brumadinho kamen am 25. Januar des vergangenen Jahres 270 Menschen ums Leben.
Quelle: ZDF

Hinterbliebene stellen Strafanzeige wegen fahrlässiger Tötung

Der Dammbruch war kein Unfall, er war ein Verbrechen. TÜV Süd wusste, dass der Damm ein Sicherheitsrisiko barg, trotzdem wurde die Stabilitätserklärung ausgestellt.
Marcela Nayara Rodrigues, Hinterbliebene

In Deutschland hatten im vergangenen Jahr fünf Hinterbliebene Strafanzeige wegen fahrlässiger Tötung und Bestechung gegen den TÜV Süd und einen seiner Manager gestellt. "Der Dammbruch war kein Unfall, er war ein Verbrechen. TÜV Süd wusste, dass der Damm ein Sicherheitsrisiko barg, trotzdem wurde die Stabilitätserklärung ausgestellt", sagte eine der Anzeigeerstatterinnen, Marcela Nayara Rodrigues. "Für mich ist die Anzeige eine persönliche Angelegenheit: Weil mein Vater beim Dammbruch getötet wurde und weil sich das korrupte Geschäft mit der Sicherheit ändern muss, denn es zerstört unsere Leben und unseren Planeten."

Unterstützt werden die Hinterbliebenen vom katholischen Hilfswerk Misereor und dem European Center for Constitutional and Human Rights. "Das Ermittlungsverfahren bietet die Chance, die Rolle der Unternehmenszentrale von TÜV Süd vollständig aufzuklären sowie den Opfern und Hinterbliebenen zu ihrem Recht zu verhelfen", sagte Misereor-Menschenrechtsexperte Armin Paasch. Der Dammbruch habe unsägliches Leid über die Menschen gebracht, einen Fluss verseucht und in der Region die Lebensgrundlagen zerstört.

TÜV Süd erklärte sich bei der Aufarbeitung des Unglücks zur Zusammenarbeit mit den Behörden bereit, wollte sich aber im Detail nicht zum laufenden Verfahren äußern. "Unser großes Mitgefühl gilt den Opfern und ihren Familien. Auch ein Jahr nach dem Unglück sind die Ursachen des Dammbruchs noch nicht abschließend geklärt", teilte der TÜV Süd der Deutschen Presse-Agentur auf Anfrage mit. "TÜV Süd hat unverändert großes Interesse an der Aufklärung der Unglücksursache und bietet im Rahmen der laufenden Ermittlungen den Behörden und Institutionen in Brasilien und Deutschland weiterhin seine Kooperation an."

Familien der Opfer ringen um gemeinsame Entschädigung

Unterdessen ringen die Familien der Opfer in Brasilien um eine gemeinsame Entschädigung. "Die Forderung der Familien und Organisationen ist, dass ein Vertrag über eine gutachterliche Begleitung des Verfahrens geschlossen und die Entschädigung kollektiv vorgenommen wird", sagte der Koordinator der katholischen Hilfsorganisation Caritas im Bundesstaat Minas Gerais, Rodrigo Vieira, der dpa. Bislang setzt der Bergbaukonzern Vale auf Verhandlungen mit einzelnen Opferfamilien. "Die Betroffenen nehmen dann oft, was ihnen angeboten wird, auch wenn es unter dem liegt, was sie bekommen könnten", sagt Vieira.

Innenansicht eines zerstörten Hauses in Brumadinho, Brasilien
Zerstörte Häuser, verseuchter Fluss: Viele in der Stadt haben durch die Katastrophe ihre Lebensgrundlage verloren. Zwölf Millionen Kubikmeter giftiger Schlamm haben die Erde und den Fluss Paraopeba verseucht.
Quelle: dpa

Das Unternehmen antwortete auf Anfrage der dpa, Vale wolle schnell handeln. "Das Ziel war, die kurzfristigen Ausgaben der Familien, landwirtschaftlichen Produzenten und Händler in Brumadinho zu decken, damit sie in Ruhe ihre jeweiligen individuellen Entschädigungen aushandeln können", heißt es in einer Erklärung. Bis Mitte Januar haben demnach schon mehr als 4.500 Familien von Betroffenen und Arbeitern diesen Vereinbarungen zugestimmt.

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