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Frankreich wirbt für Austausch - Erasmus auch für Azubis

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In Frankreich hat die Ausbildung keinen guten Ruf. Präsident Macron will das ändern - unter anderem durch Erasmusplätze für Azubis. Eine angehende Konditorin profitiert davon.

Marine Périgaud
Französische Azubis wie Marine Périgaud, die in einer Konditorei arbeitet, können jetzt auch Erasmus-Praktika in ausländischen Betrieben machen.
Quelle: Antje Klingbeil

Marine Périgaud knetet ihre heiße Karamellmasse sorgfältig zu einem flachen Dreieck. Es soll ein Flügel werden für ein großes Flugzeug aus Zucker. Das stellt die Konditorei-Auszubildende dann ganz vorsichtig oben auf eine wackelige Torte aus Krokant und französischen Windbeuteln. Ein schnörkeliger Schriftzug "voyage" - französisch für "Reise" ziert das fertige Stück.

Périgaud steht selbst kurz vor ihrer ersten Reise mit dem Flugzeug. Die 24-Jährige aus dem Südosten Frankreichs möchte Pains au Chocolat gegen Brezeln tauschen - für ein Praktikum in einer deutschen Bäckerei in Frankfurt an der Oder.

Mehr Geld für Praktika

Das ist ganz im Sinne des französischen Präsidenten Macron, der im Herbst 2019 eine große Reform gestartet hat, um das Image der französischen Ausbildung aufzubessern. Studenten machen Erasmussemester - aber unter Auszubildenden sind Erasmuspraktika viel seltener. Die EU fördert diese Praktika zwar schon seit 2014, aber an den Berufsschulen gibt es nicht die gleichen Angebote wie an den Unis. Die französische Regierung gibt den Berufsschulen nun für jedes organisierte Erasmus+-Praktikum zusätzliches Geld. Damit können sie Transport und Unterkunft der Auszubildenden im Ausland bezahlen und Referenten einstellen, die die Auslandspraktika organisieren.

Die Ausbildung als Schlüssel für Frankreichs Probleme

Auch wenn die Anzahl der Auszubildenden wächst - in Frankreich ist die Ausbildung längst nicht so verbreitet wie in Deutschland. Nur sieben Prozent der jungen Franzosen entscheiden sich für eine praktische Ausbildung. In Deutschland sind es doppelt so viele. Frankreich braucht laut Macron mehr Auszubildende, denn dort gibt es wie in Deutschland einen Fachkräftemangel.

"In Frankreich wird die Ausbildung nach wie vor eher von benachteiligten Jugendlichen gewählt", sagt Margarete Riegler-Poyet von der Deutsch-Französischen Industrie- und Handelskammer:

Durch die Reform will man der Ausbildung Exzellenz verleihen und auch durch die Förderung von Auslandsaufenthalten soll die Attraktivität der Ausbildung steigen.
Margarete Riegler-Poyet, Deutsch-Französische Industrie- und Handelskammer

In Frankreich sind 20 Prozent der französischen 15- bis 24-Jährigen weder in der Schule, noch in der Uni noch in einem Betrieb. In Deutschland sind das nur rund sechs Prozent. "Wir haben den Eindruck, dass die Ausbildung der beste Weg ist, um die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen", sagt Antoine Foucher, der die Reform als Kabinettsminister im französischen Arbeitsministerium begleitet hat.

Konditoreilehrer Jean-Michel Carrère, der Marine Périgaud unterrichtet, merkt einen Wandel im Image der Ausbildung, der schon vor der Reform begonnen hat: "Früher waren es nur die Jugendlichen ohne eine gute Bildung, die zu uns gekommen sind", sagt er.

"Mehr und mehr sind es auch Jugendliche mit einem höheren Schulabschluss oder sogar ehemalige Studenten, weil sie gemerkt haben, dass die Ausbildung einen sicheren Arbeitsplatz verspricht." Marine Périgaud hat vorher zwei Jahre studiert und dann den Hörsaal gegen die Backstube getauscht. Sie gehört nun zu den besten ihrer Meisterklasse, sagt ihr Lehrer.

Von Lüdinghausen nach Paris

Celestine Hübner
Celestine Hübner macht ihr Praktikum an einer Vorschule bei Paris.
Quelle: Elisa Miebach

Wie stark die Nachfrage nach Auszubildenden ist, hat auch Celestine Hübner erfahren, die mit Erasmus+ das praktische Jahr ihrer Erzieherausbildung in einer Vorschule bei Paris verbringt. Während ihrer Mittagspause arbeitet sie noch in einem anderen Kindergarten und hat schon jetzt das Angebot erhalten, im Sommer von beiden Einrichtungen übernommen zu werden.

Der 19-Jährigen aus Lüdinghausen in Nordrhein-Westfalen gefällt das Leben in Frankreich: "Nach dem Feierabend fahre ich oft noch mit der S-Bahn nach Paris und gehe unter dem Eiffelturm oder im Montmartre spazieren", sagt sie.

Freistellung oft schwierig

Die angehende Konditorin Marine Périgaud verbringt nur zwei Wochen in Frankfurt an der Oder. Denn in Frankreich wie in Deutschland ist es immer noch schwierig für Unternehmen, ihre Auszubildenden für längere Zeit freizustellen, sagt Riegler-Poyet von der Handelskammer. In Frankreich werden die Erasmuspraktika deshalb oft in die Schulphasen gelegt. Marine Périgaud teilt die Zeit auf und fehlt eine Woche in der Schule und eine Woche in der Firma. "Mein Chef hat mich sofort unterstützt", sagt Périgaud, "Jetzt möchte er in seiner Pâtisserie auch Konditorlehrlinge aus dem Ausland aufnehmen."

Auch der Konditoreilehrer Carrère freut sich über die neue Unterstützung für die Auslandsaufenthalte. "Es schafft ein Gleichgewicht zwischen den Studenten, die von Erasmus profitieren, und den Auszubildenden, die etwas außen vor gelassen wurden", sagt er: "Es ist wichtig, alle jungen Menschen, ob sie nun Studenten oder Auszubildende sind, auf das gleiche Niveau zu stellen."

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