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Der steinige Weg zum fairen Spielzeug

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Spielwarenmesse in Nürnberg - Der steinige Weg zum fairen Spielzeug

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Kinderspielzeug wird oft unter gravierenden Arbeitsrechtsverletzungen in China hergestellt. Die "Fair Toys Organisation" will das ändern.

Eine Erzieherin spielt gemeinsam mit einem Kindergartenkind mit Holzspielzeug am 11.01.2019 in Banzkow.
Mutter und Tochter spielen mit Holzbausteinen: "Für das Image der Branche und einzelner Unternehmen sind die allgegenwärtigen Arbeitsrechtsverletzungen in der Spielwaren-Lieferkette ein Risiko".
Quelle: DPA

Es war ein ambitioniertes Ziel, dass das "Nürnberger Bündnis Fair Toys" vor einem Jahr formuliert hat: Ein neues, unabhängiges Siegel, das für Sozialstandards in der Spielzeugproduktion steht, sollte bis zur Spielwarenmesse 2020 auf den Weg gebracht sein. Zum Start der weltgrößten Fachmesse der Spielwarenbranche in Nürnberg kann das Bündnis, das sich seit 2001 für einen Wertewandel in der Branche einsetzt, einen wichtigen Etappensieg feiern. Mit der "Fair Trade Organisation" steht ein Projekt in den Startlöchern, die neue Maßstäbe für sozial- und umweltverträglich produziertes Spielzeug setzen will.

Ruf nach Verhaltenskodex und Sozialstandards - ein Siegel soll helfen

"Unsere Initiative hebt sich dadurch von bestehenden Codices ab, dass wir die Verantwortung des Auftraggebers in den Fokus rücken wollen", betont Maik Pflaum von der Christliche Initiative Romero (CIR), die das Projekt koordiniert. Der CIR-Referent für Arbeitsrechte weiter: "Wir wollen die Spielzeughersteller selbst in die Pflicht nehmen, die ihre Verantwortung bislang meist komplett auf die Fabriken abwälzen, in denen das Spielzeug hergestellt wird."

Ein Beleg liefert für Maik Pflaum der aktuelle Toy Report 2019. Dieser habe einmal mehr unterstrichen, dass gravierende Arbeitsrechtsverletzungen in den chinesischen Spielzeugfabriken, wo unter anderem Disney, Mattel und Lego produzieren lassen, nach wie vor an der Tagesordnung seien.

Die Verfehlungen machen klar, dass es keinen Sinn macht, nur auf Kontrollen vor Ort in den Fabriken zu setzen.
Maik Pflaum

Wo auch Disney, Mattel und Lego produzieren lassen

"Einer der inhaltlichen Kernpunkte wird sein, dass wir auf anspruchsvolle Kriterien setzen. Wir fordern beispielsweise einen Grundbedürfnislohn anstelle des bloßen Mindestlohns in den Fabriken ein", so Maik Pflaum. Für Jürgen Bergmann von "Mission Eine Welt" ist die Glaubwürdigkeit das größte Pfund der "Fair Toys Organisation". Der Leiter des Referats Entwicklung und Politik hebt hervor: "Nirgendwo sonst im Bereich der Spielwarenindustrie gibt es einen Verhaltenskodex, der von Spielzeughändlern, Spielzeugproduzenten und zivilgesellschaftlichen Gruppen gemeinsam getragen wird."

Dafür steht die "Fair Toys Organisation"

  • Seit 2018 arbeiten engagierte Spielzeugunternehmen zusammen mit dem Deutschen Verband der Spielwarenindustrie (DVSI) und zivilgesellschaftlichen Organisationen (Christliche Initiative Romero, Mission Eine Welt, Werkstatt Ökonomie, Evangelische Jugend Bayern) daran, eine neue Kontrollinstanz für die Branche zu schaffen: die "Fair Toys Organisation".
  • Die Gründung der "Fair Toys Organisation" wird finanziell unterstützt vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Sie versteht sich als Dachinstanz, die auch die Anwendung bestehender Programme und Verfahren zur Verbesserung und Sicherstellung der Sozial- und Umweltstandards berücksichtigt (z.B. das "Ethical Toy Program").
  • Die "Fair Toys Organisation" erfasst und beurteilt direkt bei den Mitgliedsunternehmen und deren Lieferketten bestehende Dokumentations- und Kontrollverfahren. Auf der Grundlage einer regelmäßigen Ist-Analyse entwirft die "Fair Toys Organisation" gemeinsam mit dem jeweiligen Unternehmen Lösungsstrategien und legt die notwendigen Verbesserungsmaßnahmen fest.
  • Die "Fair Toys Organisation" vergibt ein Siegel. Dieses dokumentiert gegenüber den Verbrauchern das Engagement des Gesamtunternehmens für ethische/würdige Arbeitsbedingungen und ökologische Nachhaltigkeit.

Arbeitsrechtsverletzungen, Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit

Für Maik Pflaum gibt es zwei weitere, erfolgversprechende Argumente: "Für das Image der Branche und einzelner Unternehmen sind die allgegenwärtigen Arbeitsrechtsverletzungen in der Spielwaren-Lieferkette ein Risiko, weil die Bevölkerung zunehmend sensibilisiert ist für die Themen Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit."

Außerdem spielt der Initiative in seinen Augen das diskutierte Lieferkettengesetz in die Karten: "Die Spielzeughersteller wägen sehr wohl ab, was sie tun müssen, wenn dieses Vorhaben in Kraft treten sollte. Mit einer Mitgliedschaft bei uns hätten sie schon die halbe Miete, um den gesetzlichen Vorgaben zu entsprechen."

Die Initiative steht erst am Anfang

Doch noch gibt es einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten. Gerade einmal drei schriftliche Absichtserklärungen von Unternehmen (darunter Sigikid), die der Initiative beitreten wollen, kann das "Nürnberger Bündnis Fair Toys" vorweisen. Bei mehr als 600 Spielzeugherstellern in Deutschland. Das wundert Ulrich Brobeil nicht. "Wir stehen natürlich noch ganz am Anfang und treten erst in die Akquisephase ein. Die eigentliche Vereinsgründung steht noch aus und auch sonst sind noch einige Feinjustierungen nötig, was den rechtlichen Rahmen betrifft, um in der ersten Hälfte des Jahres auch formal an den Start gehen zu können."

Dennoch glaubt auch der Geschäftsführer des Deutschen Verbands der Spielwarenindustrie (DVSI) an die Idee: "Es ist besser, miteinander an verbesserten Bedingungen in den Herstellungsländern und am Thema 'Nachhaltigkeit' zu arbeiten, als sich ständig gegeneinander zu positionieren." Aus Verbandssicht sei es jedoch wichtig, auch weiterhin auf die bestehenden Auditierungs- und Zertifizierungsprozesse, wie das "Ethical Toy Program" zu setzen.

Nicht wieder nur noch ein Siegel

Ähnlich sieht man es auch beim Spielzeughersteller Haba aus dem bayerischen Bad Rodach. "Natürlich stehen wir hinter dem Gedanken des Bündnisses, aber wir leben das Thema Nachhaltigkeit seit Jahrzehnten und es ist fest in unserer Philosophie verankert. Und das ist für uns selbstverständlich - auch ohne Siegel", betont Pressesprecherin Ilka Kunzelmann. "Wir stellen Premiumprodukte her und daher ist es uns eine Herzensangelegenheit, dass unsere Zukaufteile unter entsprechenden Bedingungen hergestellt werden." Am Ende sei entscheidend, dass es nicht einfach noch ein Siegel mehr werde, das den Verbraucher verunsichert, sondern von den beteiligten Unternehmen langfristig unterstützt und gelebt werde.

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