Kinos in Corona-Krise: Keine Zeit zu sterben

    Filmfestspiele von Venedig :Kinos in Corona-Krise: Keine Zeit zu sterben

    von Ralf Bonsels
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    In Venedig startet die 79. Ausgabe der Filmfestspiele. Der Glamour am Lido soll den Dreiklang Corona-Kino-Krise durchbrechen - denn die Branche ist noch längst nicht über den Berg.

    Eine allgemeine Ansicht des Palazzo del Cinema, einen Tag vor dem Beginn der 79. Filmfestspiele in Venedig
    Der Palazzo del Cinema - einen Tag vor dem Beginn der 79. Filmfestspiele in Venedig (Italien).
    Quelle: Reuters

    Der neue Kino-Schocker heißt: Energiepreis-Explosion. Ein Kassenknüller wird er wohl nicht. Um Preiserhöhungen werden einige Kinobesitzer trotzdem wohl nicht herumkommen. Rund 80 Prozent der deutschen Kinos beziehen Gas, wie aus einer Blitz-Umfrage des HDF Kino kürzlich hervorging. Zugleich hängt viel ab vom Erfolg der anstehenden Herbst-Winter-Saison.
    An potenziellen Zuschauermagneten fehlt es nicht: Ende September startet Michael "Bully" Herbigs Streifen "Tausend Zeilen". Im November schickt Disney "Strange World" aus der Marvel-Reihe ins Rennen. Und zu Weihnachten soll "Avatar - The Way Of Water" auf der Leinwand strahlen.

    Corona sorgte für leere Kinosessel

    Da kommen Energiesorgen ebenso ungelegen wie eine Fußball-WM im Advent und die Furcht vor neuen Corona-Beschränkungen. Noch immer versuchen die Betreiber, die Pandemie-Tiefschläge zu bewältigen: Monatelang blieben die Leinwände völlig dunkel, Umsatz: null. Dann sorgten Abstandsregeln für bloß spärlich gefüllte Sitzreihen.

    Kinobesuche: 33,2 Millionen (38,1 Prozent weniger als im 1. Halbjahr 2019)
    Umsatz: 305,5 Millionen Euro (33,8 Prozent weniger als im 1. Halbjahr 2019)

    2021 wurden 42,1 Millionen Tickets verkauft. Vor der Corona-Pandemie zählte die Filmförderanstalt FFA im Jahr 2019 noch insgesamt 118,6 Millionen Kinozuschauer in Deutschland. Im ersten Halbjahr 2022 sorgten die Filme "Doctor Strange" und "Jurassic World" für ein wenig Erholung. Trotzdem liegen Besucher- und Umsatzzahlen jeweils mehr als ein Drittel unter dem letzten Vergleichszeitraum vor der Krise.

    Quelle: Filmförderanstalt FFA (25.8.2022)

    Das traditionell starke Wintergeschäft soll deshalb unbedingt gerettet werden. Viele Theater hätten bereits kurzfristig Energiesparmaßnahmen eingeleitet, berichtet Christine Berg vom Interessenverband der Kinobetreiber, HDF Kino:

    Eine Maskenpflicht am Platz gilt es in jedem Fall zu verhindern.

    Christine Berg, HDF Kino

    Es geht nicht nur um mögliche Ausfälle bei Tickets. Rund ein Drittel der Einnahmen machen die Lichtspielhäuser laut HDF mit Popcorn, Nachos, Cola.
    Wenn das breite Publikum nicht zurückkehrt, wird es vor allem in Programmkinos immer seltener flimmern, befürchtet Christian Sommer. Der Präsident der Spitzenorganisation der deutschen Filmwirtschaft (SPIO) beobachtet schon jetzt, dass viele kleine Kinos aufgeben oder übernommen werden.

    Kino-Branche setzt auf Gemeinschaftserlebnis

    Die Pandemie hat die Branchen der Filmwirtschaft unterschiedlich stark geschüttelt: Viele Produktionsfirmen können sich vor Aufträgen kaum retten. Allerdings steigt auch hier der Kostendruck: Energiepreise, Personalnot und Klimaschutzmaßnahmen verteuerten Produktionen bis zu fünf Prozent, schätzt Sommer: "Zugleich ist das Eigenkapital oft aufgebraucht." Streamingdienste hingegen erlebten in der Pandemie einen gewaltigen Nachfrageschub.
    Sortiert sich der Markt neu? Für die Kinos ist jedenfalls noch keine Zeit zu sterben, hofft HDF-Chefin Berg. Die Branche will stattdessen ihren Trumpf ausspielen: Kino als Gemeinschaftsevent. Am 10. und 11. September locken die Kinos bundesweit mit Fünf-Euro-Tickets. Langfristig müssten die Theater auch in Ausstattung, Service und Technik investieren. Ohne weitere öffentliche Hilfen werde das nicht gehen.
    Für die deutschen Kinos erwartet die Wirtschaftsberatungsgesellschaft PWC eine allmähliche Erholung. Die Umsätze würden demnach trotzdem das Vorkrisenniveau von fast 1,1 Milliarden Euro auch 2026 noch verfehlen. Allerdings: Auch ein Streaming-Gigant wie Netflix schwächelt.

    SPIO-Präsident: Masse entwertet den einzelnen Film

    Gibt es schlicht zu viele Filmangebote? Manchmal starten in den Kinos HDF Kino zufolge mehr als 15 Titel in einer Woche. Dazu ständig neue Serien bei den Streamern. Wer soll das alles konsumieren?
    Die schiere Masse entwerte den einzelnen Film, findet SPIO-Präsident Sommer. Das Gießkannen-Prinzip der deutschen Filmförderung befeuere die Filmflut hierzulande zusätzlich. Was im Kino kein Publikum finde, sollte schneller ins Netz - was auf der Leinwand zieht, sollte länger bleiben können.

    Zu starre Auswertungsfristen machen wenig Sinn. Das verstopft nur die Leinwände.

    Christian Sommer, Präsident der Spitzenorganisation der deutschen Filmwirtschaft (SPIO)

    HDF Kino bleibt bei Lockerungen der Exklusivsperre dagegen eher zurückhaltend.

    In Deutschland stehen Filme, die mit öffentlicher Förderung entstehen, grundsätzlich ein halbes Jahr ausschließlich auf den Spielplänen der Kinos. Danach ist eine zeitlich gestaffelte Verwertung auf DVD, Blue Ray, Bezahlfernsehen und Free-TV möglich.

    Sogar Streamingdienste sehen durchaus das Marketing-Potenzial der Leinwand: Kinos und Festivals schaffen es, große Aufmerksamkeit für neue Filme zu erzeugen. Das erhöht die Erfolgschancen der gesamten Verwertungskette.
    In Venedig eröffnet denn auch mit "White Noise" ausgerechnet eine Netflix-Produktion das Festival.

    Kinos in der Corona-Krise