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Interview

UNHCR-Vertreterin in Deutschland - "Begriff Klimaflüchtling ist irreführend"

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Nicht nur Krieg und Armut vertreiben Menschen aus ihrer Heimat, auch der Klimawandel ist immer öfter Grund. Was uns erwartet, erklärt die UNHCR-Vertreterin in Deutschland.

Klimaflüchtlinge: Durch Überschwemmungen müssen immer mehr Menschen flüchten.
Quelle: epa Str/dpa

ZDFheute: Frau Lumpp, welche Entwicklungen erwarten Sie für die nächsten Jahre beim Thema Klimaflüchtlinge?

Katharina Lumpp: Der Klimawandel ist die prägende Herausforderung unserer Zeit. Dabei gibt es ein Zusammenspiel mit anderen Problemen, auch Flucht und Vertreibung. Der Klimawandel verschärft die Ursachen und Folgen von Vertreibung und verstärkt den Schutzbedarf für Vertriebene und auch für Rückkehrer.

ZDFheute: Was wird speziell Deutschland erwarten?

Lumpp: Die ganz überwiegende Anzahl von Menschen, die ihre Heimat aufgrund der Folgen des Klimawandels verlassen müssen, verlässt in der Regel nicht ihr Heimatland. Insofern könnte es sein, dass der Unterstützungsbedarf für Binnenvertriebene in den nächsten Jahren ansteigt. Daneben verschärfen der Klimawandel und seine Folgen die Herausforderungen für Flüchtlinge und ihre Aufnahmegemeinschaften in andere Ländern - zumal die meisten Aufnahmestaaten ärmere Länder sind.

Deutschland ist einer der größten humanitären Geber und eine wichtige Stimme in der internationalen Gemeinschaft. Um global den wachsenden Herausforderungen begegnen zu können, werben wir für das fortgesetzte Engagement Deutschlands.

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Analyse der Klimarisiken - Wie der Klimawandel Deutschland verändert 

Hitzebelastung in Städten, Wassermangel in Böden: Die Klimarisiken sind einer Analyse zufolge deutlich gestiegen. Wie die Folgen bereits spürbar sind - und was Experten empfehlen.

ZDFheute: Welche aktuellen Zahlen gibt es?

Lumpp: Mit Spekulationen über Zahlen wäre ich vorsichtig. Aber der Klimawandel zeigt sich immer öfter in Extremwetterlagen, etwa außergewöhnlich starken Regenfällen, anhaltenden Dürren, Hitzewellen und Wirbelstürmen. Solche Gefahren führen bereits jetzt jedes Jahr dazu, dass Menschen ihre Heimatregion verlassen.

Wie gesagt: Die Menschen bleiben zumeist in ihrem Heimatland und überschreiten keine internationalen Grenzen - was einer der Gründe dafür ist, das der Begriff 'Klimaflüchtlinge' irreführend ist. 

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ZDFheute: Welche Regionen werden besonders betroffen sein?

Lumpp: Überall auf der Erde sind Küsten in Gefahr, überschwemmt zu werden. Dürren gibt es gerade in Regionen, die ohnehin schon unter knappen Nahrungsmitteln leiden. Die Folgen des Klimawandels, ob sie sich nun plötzlich zeigen oder langsam anwachsen, verschärfen oft bestehende Konflikte. Die acht größten Hungerkrisen des Jahres 2019 hatten sowohl mit Konflikten als auch mit den Folgen des Klimawandels zu tun. Und alle acht ereigneten sich in Ländern, in denen auch UNHCR arbeitet.

Die Flut kommt! In den nächsten 25 Jahren sind in Deutschland siebenmal mehr Menschen von Überflutungen bedroht als heute. Davor warnt eine Studie des Potsdamer Instituts für Klimawandel.

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ZDFheute: In der Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) als zentralem Abkommen fehlen Begriffe wie "Klima" und "Umwelt". Müsste die GFK angepasst werden?

Lumpp: Die Genfer Flüchtlingskonvention soll Menschen schützen, die sich wegen Verfolgung aufgrund von Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder ihrer politischen Überzeugung außerhalb ihres Herkunftslandes aufhalten.

Unter bestimmten Voraussetzungen fallen darunter auch Menschen, die aufgrund der Folgen von Klimawandel und der daraus resultierenden Krisen fliehen. Das gilt insbesondere dann, wenn die Klimaveränderungen bestehende Konflikte, soziale, religiöse und politische Spannungen und Gewalt verstärken und dies zu Verfolgung und Flucht führt. Die Genfer Flüchtlingskonvention sollte unangetastet bleiben, um nicht das Erreichte zu schwächen.

ZDFheute: Droht eine Art Zwei-Klassen-Gesellschaft, wenn die Rechte der Klimaflüchtlinge nicht in der GFK verankert sind?

Die Grafik zeigt die Weltkarte. In rot sind die Regionen eingezeichnet, die der Klimawandel besonders treffen wird. Es sind vor allem Entwicklungsländer.

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Forschende gehen davon aus, dass manche Teile der Erde in einigen Jahrzehnten unbewohnbar sein werden. Gezwungene Anpassungen finden jetzt schon in vielen Teilen der Erde statt.

Lumpp: Die Flüchtlingsdefinition der Genfer Flüchtlingskonvention hat den Test der Zeit in den 70er-Jahren seit ihrer Verabschiedung bestanden und schützt weltweit jeden Tag. Sie ist die Grundlage des internationalen Flüchtlingsschutzes und wurde durch regionale Instrumente ergänzt - in Afrika, in Lateinamerika und auch in der Europäischen Union, um einen erweiterten Schutz vor Gefahren für Leib und Leben zu geben. Auch die menschenrechtlichen Verträge enthalten wichtige Ansatzpunkte für den Schutz von Menschen, die nicht unter den Schutz der Genfer Flüchtlingskonvention fallen.

ZDFheute: Was muss die Politik tun, um sich auf die Thematik Klimaflucht einzustellen?

Lumpp: Die Politik, in allen Ländern, muss Rahmenbedingungen vorgeben, um gegen den Klimawandel anzugehen. Und das Gleiche gilt für die Bewältigung von Folgen des Klimawandels, einschließlich der Situationen von Flucht und Binnenvertreibung. Letztlich geht es um nichts weniger, als den Schutz von Menschenleben zu gewährleisten.

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Wirbelstürme in Mittelamerika - Wo der Klimawandel bereits Migration auslöst 

Mittelamerika wurde im vergangenen Jahr von zwei verheerenden Wirbelstürmen getroffen. Die Flutkatastrophe hat Konsequenzen für die Menschen vor Ort - und anderswo.

Tobias Käufer, Bogota

Das Interview führte Jacqueline Vieth. Der Autorin auf Twitter folgen: @bunnytsukinoo.

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