Forscher: Geflüchtete müssen "aus Sammelunterkünften raus"

    Interview

    Umgang mit Geflüchteten:"Menschen müssen aus Sammelunterkünften raus"

    23.01.2023 | 15:26
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    Im vergangenen Jahr erlebte Deutschland eine Rekordzuwanderung. Untergebracht werden Geflüchtete meist in Massenunterkünften. Nur bedingt gut, sagt Migrationsforscher Engler.

    Wohneinheiten für Flüchtlinge in einer neuen Containerunterkunft in Bayern
    Containerunterkünfte für Flüchtlinge wie hier in Bayern werden auch im Saarland diskutiert.
    Quelle: dpa

    ZDFheute: Herr Engler, im Saarland gibt es Diskussionen um ein sogenanntes Containerdorf für Flüchtlinge. Warum ist das Thema so sensibel?
    Marcus Engler: Flüchtlinge werden schon lange zentral an einem Ort, in sogenannten Flüchtlings-Camps untergebracht, in Deutschland und weltweit. Das Motiv ist oft, dass man die Menschen so besser kontrollieren kann - insbesondere dann, wenn noch nicht feststeht, ob sie ein längerfristiges Aufenthaltsrecht erhalten.

    Solche Unterkünfte entstehen oft kurzfristig und werden in Gegenden gebaut, die dafür ungeeignet sind.

    Manchmal gibt es dann Widerstand von Anwohnern. Gerade größere Unterkünfte lösen bei einigen Menschen Ängste aus. Zudem mobilisieren Rechtsextremisten häufig dagegen.
    Die Gefahr ist, dass sich solche kurzfristigen Notlösungen verstetigen und sehr viel länger betrieben werden als ursprünglich geplant.
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    ZDFheute: Flüchtlingsorganisation kritisieren, dass provisorische Flüchtlings-Camps die Integration erschweren. Wie schätzen Sie das ein?
    Engler: Entscheidend ist, wie lange die Menschen in so einer Einrichtung bleiben. Wenn es nur wenige Wochen sind, kann man das vielleicht noch vertreten. Und es kann Vorteile haben: In solchen Gemeinschaftsunterkünften werden viele Unterstützungsleistungen zentral angeboten.

    Dr. Marcus Engler
    Dr. Marcus Engler
    Quelle: Mehdi Bahmed/DeZIM

    ... ist Sozialwissenschaftler und forscht seit September 2020 am Deutschen Zentrum für Integration und Migrationsforschung (DeZIM-Institut). Er befasst sich mit Flucht- und Migrationsbewegungen sowie mit deutscher, europäischer und globaler Flüchtlings- und Migrationspolitik. In den vergangenen Jahren arbeitete er unter anderem beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR), für das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) und das Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück. 
    Quelle: DeZIM-Institut

    Ein Problem wird es, wenn das länger dauert. In Camps gibt es kaum Privatsphäre, sie werden immer wieder überbelegt. Auch der Standort und die Umgebung haben einen großen Einfluss - oft sind sie abgelegen, abseits von der nächsten Stadt.
    Man muss die Geflüchteten in die Planung und den Betrieb solcher Unterkünfte mit einbeziehen.

    Ziel sollte sein, die Leute nicht einfach zu verwalten, sondern ihre Bedürfnisse und ihre schwierige Lebenslage im Blick zu haben.

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    ZDFheute: Warum ist es so schwierig, Wohnraum für Flüchtlinge zu finden?
    Engler: Wir hatten 2022 eine Rekordzuwanderung. Das hat in erster Linie mit dem Krieg in der Ukraine zu tun. Und natürlich kommen auch weiterhin Flüchtende sowie Migranten und Migrantinnen aus anderen Ländern nach Deutschland. Insgesamt sind im letzten Jahr über eine Million Menschen zu uns gekommen. Wo lässt sich für so viele Menschen so schnell Raum finden?

    Die Zuwanderung trifft auf angespannte Wohnungsmärkte.

    In den größeren Städten finden wir kaum noch bezahlbare Wohnungen vor. Diese zwei Faktoren erklären, warum es im Moment bei der Unterbringung von Geflüchteten viele Engpässe gibt.
    ZDFheute: Die Kommunen, die für die Aufnahme der Flüchtlinge zuständig sind, sagen, dass sie keinen passenden Wohnraum finden.
    Engler: Das ist in der aktuellen Situation nachvollziehbar. Viele Menschen haben Flüchtlinge privat aufgenommen und tun es weiterhin. Aber die private Unterbringung ist keine Dauerlösung.
    Bund, Länder und Kommunen müssen gemeinsam ausreichende Kapazitäten schaffen. Es gibt aber auch Gemeinden, die gar keine Flüchtlingsunterkunft bei sich haben wollen. Deshalb ist es wichtig, dass man so einen Prozess partizipativ gestaltet, auch die Anwohner miteinbezieht und auf deren Sorgen eingeht.
    ZDFheute: Welche Lösungsansätze gibt es?
    Engler: Wenn wir ein Einwanderungsland sein wollen, müssen wir unsere Verwaltungen besser ausstatten. Sie brauchen ausreichende Kapazitäten, um proaktiv diese Herausforderungen anzugehen, statt kurzfristig nach Notlösungen zu suchen. Das betrifft nicht nur die Unterbringung, sondern auch den Bereich der Schulen.
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    Wir brauchen einen Bewusstseinswandel. Der politische Wille muss da sein, das ist entscheidend.

    Damit die Menschen Teil der Gesellschaft werden, müssen sie aus den Sammelunterkünften raus, in normalen Wohnungen wohnen.

    Wir brauchen generell eine andere Wohnungspolitik, nicht nur für Flüchtlinge, und wieder deutlich mehr bezahlbaren Wohnraum.
    Das Interview führte Claudia Oberst, Redakteurin im ZDF-Studio Saarland.

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