Ukraine-Krieg: "Zeigen, was die Menschen hier durchmachen"

    Interview

    Fotograf im Ukraine-Krieg:Das Leid der Menschen "bricht einem das Herz"

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    Der Fotograf und Dokumentarfilmer Patryk Jaracz ist seit Jahresbeginn in der Ukraine und dokumentiert das Leid vor Ort. Mit seiner Arbeit will er den Menschen eine Stimme geben.

    Anton Savytskyi
    Anton Savytskyi wurde nur 43 Jahre alt. Der Ukrainer starb in Kämpfen um die Stadt Bachmut am 7. August 2022.
    Quelle: Patryk Jaracz

    ZDFheute: Sie könnten sich in Ihrer Heimat Polen in Sicherheit befinden. Weshalb leben und arbeiten Sie in der Ukraine?
    Patryk Jaracz: Ich bin am 1. Januar in die Ukraine gereist, um den Krieg im Donbass zu dokumentieren. Der große russische Angriff Ende Februar hat auch mich überrascht.

    Ich denke, die Ukraine ist heute einer der entscheidenden Orte unserer Zeit, wo nicht nur die Zukunft dieses einen Landes entschieden wird.

    Patryk Jaracz, Dokumentarfilmer

    Wenn die Menschen hier nicht für ihre elementaren Rechte kämpfen würden, könnte die Geschichte auch anderswo in Europa eine sehr dunkle Wendung nehmen.

    Ich will zeigen, was diese Menschen hier durchmachen.

    Patryk Jaracz, Dokumentarfilmer

    Von fünf Gewehrkugeln getroffen: Der 13-jährige Vova überlebte den russischen Beschuss auf das Auto seiner Familie. Sein Vater und Bruder starben währenddessen im März 2022 in Irpin.
    Kiew, 25. Februar 2022: Eine Mutter und ihre Tochter suchen zu Beginn des Krieges Zuflucht vor russischem Beschuss in der Kiewer U-Bahn.
    Nach der Befreiung: Maria und ihr Mann können in ihr Heimatdorf nahe Tschernihiw zurückkehren. Ihr Haus war zuvor von russischen Truppen besetzt worden.
    Schmerzvoller Abschied: Vater und Mutter bringen ihren Sohn zu Grabe, der in Kämpfen bei Charkiw ums Leben gekommen ist.
    Erster Lichtblick nach russischem Rückzug: Im April konnte die Familie der zehnjährigen Mascha in Hostomel ihr Versteck nach einem Monat wieder verlassen.
    Berge von Fisch auf verbranntem Boden: Nach dem Angriff auf eine Fischfabrik nahe Kiew Ende März sucht diese Ukrainerin nach etwas Essbarem.
    Überbleibsel einer russischen Rakete in einem ukrainischen Weizenfeld. Angriffe wie dieser verstärken die Nahrungsmittelkrise in und außerhalb der Ukraine.
    Die Ukraine wehrt sich: Eine Artillerie-Position nahe Isjum, wenige Tage vor der Befreiung der Stadt.
    Nach dem Abzug russischer Truppen: In einem Wald bei Isjum finden Ukrainer die Überreste von 447 Menschen. Die Ermittler dokumentierten vielfach Spuren von Gewalt und Folter.

    Vova - vom Angriff gezeichnet

    Von fünf Gewehrkugeln getroffen: Der 13-jährige Vova überlebte den russischen Beschuss auf das Auto seiner Familie. Sein Vater und Bruder starben währenddessen im März 2022 in Irpin.

    Quelle: Patryk Jaracz


    ZDFheute: Was war der Auslöser für Sie, in die Ukraine zu gehen?
    Jaracz: 2014 sah ich noch aus der Ferne, wie Demonstranten während der Euromaidan-Proteste in Kiew getötet worden sind. Ich habe damals beschlossen, eines Tages als freier Fotograf und Dokumentarfilmer zu arbeiten.
    Vor zwei Jahren war ich dann während der Proteste gegen die gefälschten Präsidentschaftswahlen in Weißrussland, wurde selbst verhaftet und verbrachte 84 Stunden in Gewahrsam. Ich sah, wie Menschen dort wie Hunde behandelt worden sind, um sie zum Gehorsam zu zwingen.

    Ich will Menschen, die so etwas erleiden müssen, Gehör verschaffen.

    Patryk Jaracz, Dokumentarfilmer

    Patryk Jaracz
    Quelle: Patryk Jaracz

    … ist ein freischaffender Fotograf und Dokumentarfilmer, der seit Januar 2022 in der Ukraine lebt. Der 32-jährige Pole richtet den Hauptfokus auf den Kampf um elementare Menschenrechte in Osteuropa.

    ZDFheute: Wie hat der Krieg die Menschen in der Ukraine verändert?
    Jaracz: Ich denke, die Ukrainer eint ein neues Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Stärke, weil sie den Angriff Russlands abgewehrt haben. Frühere gesellschaftliche Gräben sehe ich überbrückt.
    Zerstörtes Schulgebäude in Charkiw
    Ein zerstörtes Schulgebäude in Charkiw.
    Quelle: Patryk Jaracz

    Gleichzeitig hinterlässt der Krieg enorme Schmerzen und Traumata. Viele Familien haben ihre Lieben für immer verloren. Zehn Millionen Menschen mussten aus ihrer Heimat fliehen, 140.000 Häuser und Wohnungen wurden zerstört. Mehr als 2.600 Bildungseinrichtungen wurden bombardiert oder beschossen. Die Schäden an der Infrastruktur werden jetzt schon auf mehr als 100 Milliarden Euro geschätzt.
    ZDFheute: Viele Menschen, denen Sie begegnen, sind schwer gezeichnet vom Krieg. Wie gehen Sie auf diese Kinder, Frauen und Männer zu?
    Jaracz: Mir ist sehr wichtig, sie und das, was sie durchmachen, wirklich zu verstehen. Menschen, die etwas Schwieriges erleben, wollen oft gehört werden. Ich höre ihnen also zu. Die Bilder sind das Ergebnis oft langer Gespräche. Ich arbeite frei, ohne vorgegebenen Zeitplan. Das ermöglicht mir ein tieferes Eintauchen in die Situationen.
    Um aus den gefährlichsten Regionen der Welt zu berichten, setzen sie ihr Leben aufs Spiel. Kriegsreporter*innen berichten von ihrer riskanten Arbeit.04.10.2022 | 2:31 min
    ZDFheute: Wie beeinflusst Sie der Krieg persönlich?
    Jaracz: Ich habe mich dazu entschieden, hier zu sein und schätze die Tatsache, dass ich an Themen arbeiten kann, die mir wirklich wichtig sind. Das ist eine andere Erfahrung als die eines Menschen, der schreckliche Folgen des Krieges erlitten hat.

    Der Zweck dieser Arbeit gibt mir eine Menge Kraft, den Stress und Schmerz zu verarbeiten, den ich erlebe.

    Patryk Jaracz, Dokumentarfilmer

    Ich wurde nur ein Jahr nach dem Ende des repressiven kommunistischen Systems in Polen geboren und habe Freiheit oder Frieden nie als selbstverständlich betrachtet. Es war immer ein Geschenk, das man schätzen sollte, und dieses Jahr hat es bestätigt. Heute kämpft die Ukraine gegen Putins Versuch, die Ukraine als Nation zu zerschlagen.
    ZDFheute: Sie sind seit Kriegsbeginn unzählig vielen Menschen begegnet: Welche Bilder, welche Schicksale gehen Ihnen seither nicht mehr aus dem Kopf?
    Jaracz: Ich werde niemals Klaudia vergessen, eine Mutter aus Hostomel. Die Stadt nördlich von Kiew wurde in den ersten Kriegstagen von russischen Truppen angegriffen und einen Monat lang besetzt. Kurz nach der Befreiung der Stadt traf ich Klaudia: Sie suchte ihren Sohn überall, in Krankenhäusern, Polizeistationen, Wohnungen, und auch an Orten, die voller Leichen getöteter Menschen waren.
    Klaudia
    Klaudia, eine von vielen verzweifelten ukrainischen Müttern, nach dem russischen Angriff auf Hostomel auf der Suche nach ihrem vermissten Sohn.
    Quelle: Patryk Jaracz

    Mit unerträglichem Schmerz in den Augen sagte sie: "Wenn Sie meinen Sohn sehen, sagen Sie ihm 'Seryozha, deine Mutter liebt dich, küsst dich und wartet zu Hause auf dich. Komm nach Hause'."

    Es bricht dein Herz, jemanden so unnötig leiden zu sehen, ohne eine Möglichkeit, diesen Schmerz zu lindern.

    Patryk Jaracz, Dokumentarfilmer

    Ich denke auch viel an den Tag, an dem ich den jungen Soldaten Oleg kurz vor der Befreiung von Isjum traf. Oleg wurde bald darauf im Kampf getötet. Er war ein aufgeweckter junger Mann und es ist eine Tragödie, dass die Ukraine solche Leute verliert.
    Junger Soldat
    Porträt eines jungen Soldaten in einer Kampfpause. Wenige Tage später starb Oleg. "Es ist eine Tragödie, dass die Ukraine solche Leute verliert", sagt der Fotograf Patryk Jaracz.
    Quelle: Patryk Jaracz

    Ich bin später nach Isjum gereist und habe die Leichen gefolterter und getöteter Zivilisten gesehen – 447 Menschen – und die meisten hatten Anzeichen eines gewaltsamen Todes. Gegen solche Verbrechen hat Oleg gekämpft. Er wurde in Bachmut getötet. Dort bin ich auch mit einem Kollegen in einen russischen Cluster-Bombenangriff geraten. Ich dachte: Das war es.

    Es ist ein Geschenk und eine Verantwortung, am Leben zu sein.

    Patryk Jaracz, Dokumentarfilmer

    Das Interview führte Marcel Burkhardt.
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