Sie sind hier:
Interview

Fotograf im Ukraine-Krieg : Das Leid der Menschen "bricht einem das Herz"

Datum:

Der Fotograf und Dokumentarfilmer Patryk Jaracz ist seit Jahresbeginn in der Ukraine und dokumentiert das Leid vor Ort. Mit seiner Arbeit will er den Menschen eine Stimme geben.

Anton Savytskyi
Anton Savytskyi wurde nur 43 Jahre alt. Der Ukrainer starb in Kämpfen um die Stadt Bachmut am 7. August 2022.
Quelle: Patryk Jaracz

ZDFheute: Sie könnten sich in Ihrer Heimat Polen in Sicherheit befinden. Weshalb leben und arbeiten Sie in der Ukraine?

Patryk Jaracz: Ich bin am 1. Januar in die Ukraine gereist, um den Krieg im Donbass zu dokumentieren. Der große russische Angriff Ende Februar hat auch mich überrascht.

Ich denke, die Ukraine ist heute einer der entscheidenden Orte unserer Zeit, wo nicht nur die Zukunft dieses einen Landes entschieden wird.
Patryk Jaracz, Dokumentarfilmer

Wenn die Menschen hier nicht für ihre elementaren Rechte kämpfen würden, könnte die Geschichte auch anderswo in Europa eine sehr dunkle Wendung nehmen.

Ich will zeigen, was diese Menschen hier durchmachen.
Patryk Jaracz, Dokumentarfilmer

ZDFheute: Was war der Auslöser für Sie, in die Ukraine zu gehen?

Jaracz: 2014 sah ich noch aus der Ferne, wie Demonstranten während der Euromaidan-Proteste in Kiew getötet worden sind. Ich habe damals beschlossen, eines Tages als freier Fotograf und Dokumentarfilmer zu arbeiten.

Die Menschen in der Ukraine opfern ihr Leben für die eigene Nation. Woher nehmen sie die Kraft, sich dem russischen Angriff entgegenzustellen?

Beitragslänge:
44 min
Datum:

Vor zwei Jahren war ich dann während der Proteste gegen die gefälschten Präsidentschaftswahlen in Weißrussland, wurde selbst verhaftet und verbrachte 84 Stunden in Gewahrsam. Ich sah, wie Menschen dort wie Hunde behandelt worden sind, um sie zum Gehorsam zu zwingen.

Ich will Menschen, die so etwas erleiden müssen, Gehör verschaffen.
Patryk Jaracz, Dokumentarfilmer

ZDFheute: Wie hat der Krieg die Menschen in der Ukraine verändert?

Jaracz: Ich denke, die Ukrainer eint ein neues Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Stärke, weil sie den Angriff Russlands abgewehrt haben. Frühere gesellschaftliche Gräben sehe ich überbrückt.

Zerstörtes Schulgebäude in Charkiw
Ein zerstörtes Schulgebäude in Charkiw.
Quelle: Patryk Jaracz

Gleichzeitig hinterlässt der Krieg enorme Schmerzen und Traumata. Viele Familien haben ihre Lieben für immer verloren. Zehn Millionen Menschen mussten aus ihrer Heimat fliehen, 140.000 Häuser und Wohnungen wurden zerstört. Mehr als 2.600 Bildungseinrichtungen wurden bombardiert oder beschossen. Die Schäden an der Infrastruktur werden jetzt schon auf mehr als 100 Milliarden Euro geschätzt.

ZDFheute: Viele Menschen, denen Sie begegnen, sind schwer gezeichnet vom Krieg. Wie gehen Sie auf diese Kinder, Frauen und Männer zu?

Jaracz: Mir ist sehr wichtig, sie und das, was sie durchmachen, wirklich zu verstehen. Menschen, die etwas Schwieriges erleben, wollen oft gehört werden. Ich höre ihnen also zu. Die Bilder sind das Ergebnis oft langer Gespräche. Ich arbeite frei, ohne vorgegebenen Zeitplan. Das ermöglicht mir ein tieferes Eintauchen in die Situationen.

Um aus den gefährlichsten Regionen der Welt zu berichten, setzen sie ihr Leben aufs Spiel. Kriegsreporter*innen berichten von ihrer riskanten Arbeit.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

ZDFheute: Wie beeinflusst Sie der Krieg persönlich?

Jaracz: Ich habe mich dazu entschieden, hier zu sein und schätze die Tatsache, dass ich an Themen arbeiten kann, die mir wirklich wichtig sind. Das ist eine andere Erfahrung als die eines Menschen, der schreckliche Folgen des Krieges erlitten hat.

Der Zweck dieser Arbeit gibt mir eine Menge Kraft, den Stress und Schmerz zu verarbeiten, den ich erlebe.
Patryk Jaracz, Dokumentarfilmer

Ich wurde nur ein Jahr nach dem Ende des repressiven kommunistischen Systems in Polen geboren und habe Freiheit oder Frieden nie als selbstverständlich betrachtet. Es war immer ein Geschenk, das man schätzen sollte, und dieses Jahr hat es bestätigt. Heute kämpft die Ukraine gegen Putins Versuch, die Ukraine als Nation zu zerschlagen.

ZDFheute: Sie sind seit Kriegsbeginn unzählig vielen Menschen begegnet: Welche Bilder, welche Schicksale gehen Ihnen seither nicht mehr aus dem Kopf?

Jaracz: Ich werde niemals Klaudia vergessen, eine Mutter aus Hostomel. Die Stadt nördlich von Kiew wurde in den ersten Kriegstagen von russischen Truppen angegriffen und einen Monat lang besetzt. Kurz nach der Befreiung der Stadt traf ich Klaudia: Sie suchte ihren Sohn überall, in Krankenhäusern, Polizeistationen, Wohnungen, und auch an Orten, die voller Leichen getöteter Menschen waren.

Klaudia
Klaudia, eine von vielen verzweifelten ukrainischen Müttern, nach dem russischen Angriff auf Hostomel auf der Suche nach ihrem vermissten Sohn.
Quelle: Patryk Jaracz

Mit unerträglichem Schmerz in den Augen sagte sie: "Wenn Sie meinen Sohn sehen, sagen Sie ihm 'Seryozha, deine Mutter liebt dich, küsst dich und wartet zu Hause auf dich. Komm nach Hause'."

Es bricht dein Herz, jemanden so unnötig leiden zu sehen, ohne eine Möglichkeit, diesen Schmerz zu lindern.
Patryk Jaracz, Dokumentarfilmer

Ich denke auch viel an den Tag, an dem ich den jungen Soldaten Oleg kurz vor der Befreiung von Isjum traf. Oleg wurde bald darauf im Kampf getötet. Er war ein aufgeweckter junger Mann und es ist eine Tragödie, dass die Ukraine solche Leute verliert.

Junger Soldat
Porträt eines jungen Soldaten in einer Kampfpause. Wenige Tage später starb Oleg. "Es ist eine Tragödie, dass die Ukraine solche Leute verliert", sagt der Fotograf Patryk Jaracz.
Quelle: Patryk Jaracz

Ich bin später nach Isjum gereist und habe die Leichen gefolterter und getöteter Zivilisten gesehen – 447 Menschen – und die meisten hatten Anzeichen eines gewaltsamen Todes. Gegen solche Verbrechen hat Oleg gekämpft. Er wurde in Bachmut getötet. Dort bin ich auch mit einem Kollegen in einen russischen Cluster-Bombenangriff geraten. Ich dachte: Das war es.

Es ist ein Geschenk und eine Verantwortung, am Leben zu sein.
Patryk Jaracz, Dokumentarfilmer

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

Aktuelle Meldungen zu Russlands Angriff auf die Ukraine finden Sie jederzeit in unserem Liveblog:

Ukrainische Soldaten schießen mit einem Bureviy-Mehrfachraketensystem auf eine Position in der Region Donezk, während Russlands Angriff auf die Ukraine weitergeht, Ukraine, 29. 11. 2022.
Liveblog

Russland greift die Ukraine an - Aktuelles zum Krieg in der Ukraine 

Russlands Angriff auf die Ukraine dauert an. Es gibt Sanktionen gegen Moskau, Waffen für Kiew. Aktuelle News und Hintergründe zum Krieg im Blog.

Aktuelle Nachrichten zur Ukraine

Die Karte der Ukraine zeigt, welche Gebiete im Osten des Landes von russischen Truppen besetzt sind. Zudem sind die Separatistengebiete und die annektierte Krim hervorgehoben.

Nachrichten | Politik - Der Ukraine-Krieg im Zeitraffer 

Vor neun Monaten hat Russland die Ukraine überfallen und Teile des Landes besetzt. Doch nun gewinnt Kiew Territorium zurück. Eine Chronologie.

Putin auf Landkarte mit Russland, Ukraine, Georgien und Syrien
Story

Nachrichten | Politik - Putins Kriege, Putins Ziele 

Tschetschenien, Georgien, Syrien, Ukraine: Russland hat unter Putin schon in mehreren Ländern gekämpft. Zwischen den Kriegen gibt es Parallelen – hier die Hintergründe verstehen.

Ukraine, Donezk: Ein ukrainischer Soldat steht an der Trennlinie zu pro-russischen Rebellen in der Region Donezk. In der Ukraine-Krise haben die USA und Russland bei Gesprächen in Genf zunächst auf ihren bekannten Standpunkten beharrt.
Thema

Nachrichten & Hintergründe - Alles zum Russland-Ukraine-Konflikt 

Russland führt Krieg gegen die Ukraine. Es gibt zahlreiche Sanktionen des Westens gegen Russland und in der Nato abgestimmte Waffenlieferungen an die Ukraine. Alle Nachrichten und Hintergründe.

Zur Merkliste hinzugefügt Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Sie haben sich mit diesem Gerät ausgeloggt.

Sie haben sich von einem anderen Gerät aus ausgeloggt, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Ihr Account wurde gelöscht, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Zur Altersprüfung

Du bist dabei, den Kinderbereich zu verlassen. Möchtest du das wirklich?

Wenn du den Kinderbereich verlässt, bewegst du dich mit dem Profil deiner Eltern in der ZDFmediathek.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.

An dieser Stelle würden wir dir gerne die Datenschutzeinstellungen anzeigen. Entweder hast du einen Ad-Blocker oder ähnliches in deinem Browser aktiviert, welcher dies verhindert, oder deine Internetverbindung ist derzeit gestört. Falls du die Datenschutzeinstellungen sehen und bearbeiten möchtest, prüfe, ob ein Ad-Blocker oder ähnliches in deinem Browser aktiv ist und schalte es aus. So lange werden die standardmäßigen Einstellungen bei der Nutzung der ZDFmediathek verwendet. Dies bedeutet, das die Kategorien "Erforderlich" und "Erforderliche Erfolgsmessung" zugelassen sind. Weitere Details erfährst du in unserer Datenschutzerklärung.

An dieser Stelle würden wir dir gerne die Datenschutzeinstellungen anzeigen. Möglicherweise hast du einen Ad/Script/CSS/Cookiebanner-Blocker oder ähnliches in deinem Browser aktiviert, welcher dies verhindert. Falls du die Webseite ohne Einschränkungen nutzen möchtest, prüfe, ob ein Plugin oder ähnliches in deinem Browser aktiv ist und schalte es aus.