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Jahrhundertkatastrophe in Japan - "Hier geht gerade die Welt unter"

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Lucinde Hutzenlaub lebt mit ihrer Familie in Tokio, als die Atomkatastrophe von Fukushima passiert. Stundenlang bangt sie um ihre Familie, weiß nicht, ob sie sie wieder sehen wird.

Fundstücke
Fundstücke, zusammengetragen von Einwohnern in Ofunato.
Quelle: privat

Auf den Tag zehn Jahre ist es her, dass erst die Erde bebte, eine Flutwelle Japan überspülte und es im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi zur Kernschmelze kam - Supergau.

Lucinde Hutzenlaub erlebt die japanische Atomkatastrophe hautnah. Mit ihrem Mann und vier Kindern wohnte sie damals in Tokio - bis zum 11. März 2011.

"Das ist kein normales Erdbeben"

Sie kommt gerade vom Joggen, als sie die ersten Erschütterungen spürt. "Erdbeben sind normal in Japan, deshalb habe ich mir erst nicht viel dabei gedacht", sagt die 50-jährige Autorin heute. Doch das Beben hört nicht auf, stundenlang bebt es.

Ihre Kinder sind in einem anderen Teil Tokios in der Schule und im Kindergarten, ihr Mann auf der Arbeit. Lucinde Hutzenlaub ist mit ihrer Angst alleine. Sie verlässt ihre Wohnung, trifft sich mit Nachbar*innen vor dem Haus. "Es war gespenstisch still, alle Alltagsgeräusche waren weg", sagt Hutzenlaub. Wo man normalerweise Hupen und Passant*innen hört, hört man nun: nichts.

Was genau passiert ist, weiß zu diesem Zeitpunkt niemand, das Telefonnetz ist zusammengebrochen. Irgendwann kommen Menschen nach Hause, zu Fuß, erzählen von den Zuständen in der Stadt; die U-Bahn ausgefallen, es brennt.

Am 11. März 2021 jährt sich zum zehnten Mal die Tsunami- und Atomkatastrophe von Japan, die bis zu 20.000 Menschen das Leben und rund 160.000 Japaner ihre Heimat kostete.

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43 min
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Wie geht es der Familie?

Stundenlang ist sie ohne Kontakt zu ihrer Familie, "das war das Schlimmste. Alleine zu sein, ohne sie. Nicht zu wissen, ob man sie verloren hat". Erst viel später wird sie herausfinden, dass ihrer Familie nichts passiert ist.

"Zu wissen, dass es Mütter gibt, die ihre Kinder nicht mehr wieder gefunden haben, ist so furchtbar", sagt sie zehn Jahre später. "Das ergreift mich immer wieder". Erst in der Nacht sieht sie erste Bilder des Tsunamis, wie sich das Wasser den Weg ins Innere bahnt, "Das werde ich nie vergessen können. Die Bilder der Menschen, die auf ihren Dächern sitzen und auf Rettung hoffen".

Karte Japan: Fukushima - Tokio - Ofunato
Der Tsunami traf im Nordosten der japanischen Hauptinsel auf Land.
Quelle: ZDF

Flucht aus Tokio

In der Nacht ist ihre Familie wieder vereint, doch sie können nicht in Tokio bleiben, ein Bekannter in der deutschen Botschaft, rät ihnen: "Raus da". Sie fliehen, packen nur das Nötigste zusammen, quetschen sich am nächsten Tag in ein kleines Auto. Eine Schmusedecke, ein Bild der besten Freundin der Tochter, ein paar Nahrungsmittel. Los, Hauptsache weg von dem, was da kommen kann. Denn die Angst ist groß vor einer atomaren Wolke, die alles verstrahlt.

Die Japaner hingegen sind in aller Ruhe spazieren gegangen oder zum Friseur. Da haben wir uns schon gefragt: Übertreiben wir oder spinnen die?
Lucinde Hutzenlaub

Ihr Eindruck: Die meisten bleiben. "Die Japaner ticken einfach anders, sie haben ein anderes Pflichtgefühl. Außerdem ist es ihr Land."

Doch für die Familie ist klar: Sie wollen raus, zu unsicher ist die Situation. Beim Verlassen Tokios kommen ihnen unzählige Feuerwehrautos entgegen gerast, "so viele habe ich noch nie auf einmal gesehen", sagt Hutzenlaub. "Das ist nicht nur ein Erdbeben, hier geht gerade die Welt unter, so hat sich das für uns angefühlt". Am zweiten Morgen nach der Katastrophe fliegen sie nach Deutschland zurück.

Volker Angres, Leiter der ZDF-Umweltredaktion, informiert über die Auswirkungen.

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4 min
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Endstation Deutschland?

Knapp zwei Jahre leben sie damals in Japan - und dann ist innerhalb von zwei Tagen Schluss. Sie kommen bei ihrer Familie in Stuttgart unter, teilen sich auf einmal zu fünft eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung.

Ihr Mann ist nach wenigen Wochen zurück in Japan, berufliche Verpflichtungen, doch die Familie? "Es war lange unklar, was wir machen". Sie hadert, fliegt einmal alleine nach Japan, um zu testen, wie es sich anfühlt, wieder dort zu sein. "Es war sehr heilsam zu spüren, dass der Boden trägt, der zuvor so gebebt hat".

Nach einem halben Jahr geht es auch für die Familie wieder nach Japan, der Vertrag von Hutzenlaubs Mann läuft noch zwei Jahre.

Zehn Jahre nach Atomkatastrophe - Fukushima und die Folgen 

Kernkraft trotz Katastrophe: Zehn Jahre nach Fukushima setzt Japan weiter auf Atomenergie. Dabei kämpft das Land bis heute mit den Folgen des Reaktorunglücks. Ein Überblick.

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1 min

Zerstörte Küstenstadt Ofunato

Später besuchen sie Ofunato, eine kleine Stadt an der Ostküste Japans, die vom Tsunami schwer getroffen wurde. Jeden Monat schicken sie mit der Kirchgemeinde Kuchen in die Partnerstadt. Dort steht die Uhr am Bahnhof noch auf viertel vor Drei, als die Welle auf Land traf. Die Fähnchen, die Leichenfundorte markieren, sind noch im Boden.

Die Häuser an der Küste sind zerstört. Trotzdem tragen die Einwohner*innen alle Gegenstände, die sie gefunden haben und zuordnen können, wieder in die Häuser zurück; kleine Deko-Elemente, Tassen, Bilder. Auch wenn nur noch das Fundament steht, auch wenn niemand mehr dort wohnt.

In solchen Momenten merkt man noch einmal, was wirklich zählt im Leben.
Lucinde Hutzenlaub

Jacqueline Vieth ist Redakteurin in der ZDFheute-Redaktion. Folgen Sie ihr auf Twitter.

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