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ZDF-Reporter berichtete damals - Wie Fukushima mich verändert hat

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Ohne seine Kolleg*innen hätte ZDF-Korrespondent Johannes Hano die Zeit um den 11. März 2011 nicht überstanden, sagt er. Er war damals in Japan und schildert seine Erinnerungen.

ZDF-Korrespondent Johannes Hano in Futaba.
ZDF-Korrespondent Johannes Hano hat für das ZDF über die Katastrophe in Fukushima berichtet. Archivbild.
Quelle: ZDF

Noch heute, zehn Jahre nach der Katastrophe in Japan, gibt es diese Momente, in denen ich die Kontrolle über mich verliere, in denen sich mein Körper und meine Seele selbstständig machen, in denen mir die Tränen in die Augen schießen und in denen meine Seele, aufgewühlt von Furcht, Verzweiflung und Hoffnung, hilflos nach Halt sucht.

Der 11. März 2011 hat meinen Blick auf die Welt und mich selbst verändert. An diesem Tag um 14:46 Uhr begann ich zu verstehen, wie zerbrechlich unsere Existenz ist, wie bedeutungslos für die unbezähmbaren Kräfte der Natur. Und die Wut kocht in mir hoch über die Gier, die Leid und Elend der Menschen noch vergrößert hat.

ZDF-Büro in Tokio schwankt wie ein Grashalm im Wind

Ich war an diesem 11. März 2011 in unserem Tokioter ZDF-Büro im 13. Stock als der Boden unter meinen Füßen erst langsam zu zittern beginnt und sich unser mächtiges Bürohochhaus dann unter anschwellendem Stöhnen, Ächzen und schließlich Grollen in Bewegung setzt. Wie alle hoch in den Himmel ragenden Kolosse um uns herum fängt auch unser Haus an zu schwanken, wie ein Grashalm im Wind.

Vor zehn Jahren berichtete Johannes Hano als ZDF-Korrespondent von dem Erdbeben. Hier eines seiner ersten Schaltgespräche vor zehn Jahren.

Beitragslänge:
3 min
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Wir können uns nicht mehr auf den Beinen halten. Mit Gewalt reißen Toby Marshall, der Kameramann, und ich unsere Bürotür auf, um auf den Flur zu gelangen. Der Rahmen hatte sich verzogen. Auf allen Vieren kriechen wir zum Treppenhaus, wollen so schnell wie möglich runter und raus. Das ist kein normales Beben. Die dauern nicht länger als 20, 30 Sekunden. Dieses aber hört nicht auf, sondern es wird stärker von Minute zu Minute.

Endlose Minuten voller Angst und Verzweiflung

Am Treppenhaus angekommen aber wird uns schnell klar, dass wir keine Chance haben hinunterzusteigen. Das Haus schwankt zu stark, wir würden hinunterstürzen. Fünf Minuten erschüttert das Hauptbeben die Erde immer wieder mit harten Schlägen, fünf endlos lange Minuten voller Verzweiflung und Angst in einem Haufen aus Schutt und Geröll begraben zu werden. Das Gebäude widersteht einem der stärksten, jemals gemessenen Erdbeben. Die Katastrophe aber hat gerade erst begonnen.

Als wir es schließlich auf die Straße schaffen werden wir von Lautsprecherdurchsagen aufgefordert uns höher gelegene Orte zu suchen, denn ein riesiger Tsunami rolle auf die Küste zu. Auf einem Großbildschirm vor einem der Hochhäuser werden Livebilder übertragen, die zeigen, wie eine riesige Welle ganze Kleinstädte auslöscht. Es fühlt sich an, wie das Ende der Welt.

Regierung ruft atomaren Notstand aus

Immer wieder schwere Nachbeben, immer wieder fangen die Häuser um uns herum an zu schwanken und immer wieder stellen wir uns die Frage: Werden wir das überleben? Am Abend dann ruft die japanische Regierung den atomaren Notstand aus. Noch weiß niemand, was tatsächlich passiert ist.

Als in den kommenden Tagen nach und nach die Reaktorgebäude des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi in die Luft fliegen, wird uns endgültig klar, dass wir uns in einer Jahrhundertkatastrophe befinden, für die es keine Erfahrungswerte gibt. Und wir sind da, um zu berichten, emotional völlig unvorbereitet auf das, was uns erwartet.

Zwei Tage nach dem schweren Erdbeben in Japan berichtete Johannes Hano, was damals über die Atomreaktoren in Fukushima bekannt war.

Beitragslänge:
3 min
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Über Leid der Menschen in Japan aufklären

Am tiefsten hat sich ein Gespräch eingebrannt, in einer Notunterkunft mit einem mittelalten Mann, der mit einem Tablett in der Hand zur Essensausgabe anstand. Als wir mit der Kamera an ihm vorbeigehen, spricht er uns an und bedankt sich dafür, dass wir die Welt über das Leid der Menschen in Japan aufklären. Ein paar Tränen beginnen über seine Wangen zu rollen.

Und dann erzählt er uns, dass er seine kleine Tochter verloren habe. Er habe sie nicht festhalten können, als die Welle sie ihm aus den Armen riss, auch seine Frau und sein Sohn seien fortgespült worden. In Kesennuma und Minamisanriku sind wir geschockt von den Kräften der Natur: Die Monsterwelle hat alles mit- und niedergerissen. Über dem Schlamm, der alles bedeckt, liegt ein süßlicher Leichengeruch.

Atomlobby hat aus Profitgier Sicherheit ignoriert

Die Wut aber packt uns, als wir ausgerüstet mit Geigerzählern und Schutzausrüstung die Sperrzone rund um das Atomkraftwerk Fukushima betreten. Geisterdörfer, menschenleer, radioaktiv verseucht, aber völlig intakt. Es ist gespenstisch. Mehr als 150.000 Menschen haben ihre Heimat verloren, nicht durch Beben und Tsunami, sondern durch die Gier einer Atomlobby, die aus reinen Profitinteressen Sicherheitsbedenken auf kriminelle Weise ignoriert und selbst den japanischen Premierminister über Wochen über das Ausmaß der Katastrophe im Dunkeln gelassen hat. Der wird uns später in die Kamera sagen, es sei eine Art Staatstreich gewesen.

Heute, zehn Jahre später, kommt alles wieder hoch. Ohne unsere tollen Kolleg*innen Fuyuko Nishisato, Lilo Ohgo und Toby Marshall hätte ich das nicht durchgestanden. Ich hatte Glück, wir hatten Glück, uns in dieser Zeit zu haben.

Johannes Hano ist heute Leiter des ZDF-Studios in New York.
Dem Autor auf Twitter folgen:
@JohannesHano

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