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Thrombosen durch "Pille"? - "Yasminelle": Gericht weist Klage ab

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Wegen angeblich lebensgefährlicher Nebenwirkungen der Pille "Yasminelle" hatte eine Frau den Konzern Bayer Vital GmBH verklagt. Nun hat das OLG auch die Berufung abgewiesen.

Eine Packung der Anti-Baby-Pille «Yasminelle».
Eine Packung der Anti-Baby-Pille «Yasminelle».
Quelle: Patrick Seeger/dpa

Fast jede zweite Frau nimmt in Deutschland die Pille. Doch wie gut sind die Frauen über die Nebenwirkungen aufgeklärt? Und: Muss der Hersteller für die Gesundheitsrisiken durch die Pille haften?

Kreislaufzusammenbruch mit Herzstillstand

Felicitas Rohrer ist 25 Jahre alt und steht voll im Leben. Sie hat gerade ihr Studium zur Tierärztin abgeschlossen. Und dann passiert das, was die Zukunftsträume der sportlichen jungen Frau zerstört. Sie kommt mit einer beidseitigen Lungenembolie sowie einem Kreislaufzusammenbruch mit Herzstillstand ins Krankenhaus und überlebt nur knapp.

"Ich war klinisch tot, wurde nach der heiklen langen Not-OP ins Koma versetzt. Nur durch ein Wunder wachte ich auf. Ich musste ganz von vorne Anfang. Zum Glück sind massive Hirnschäden ausgeblieben", sagt die junge Frau aus Baden-Württemberg gegenüber dem ZDF.

Werbung für Pille: reinere Haut, größere Brüste, Gewichtsreduzierung

Sie ist sich sicher: Ursache dafür war die Verhütungspille "Yasminelle" mit dem Wirkstoff Drospirenon, die sie damals regelmäßig einnahm.

Das Präparat zählt zu den Verhütungspillen der sogenannten vierten Generation. Diese, wie auch die Pillen der dritten Generation, stehen immer wieder in der Kritik, weil sie das Risiko einer Thrombose angeblich stark erhöhen. Im Beipackzettel von Rohrers Pille stand dazu nichts; sie wurde darüber auch nicht aufgeklärt. Dagegen wurde die Pille beworben mit Versprechungen wie reinerer Haut, größeren Brüste, Gewichtsreduzierung.

Klage gegen Bayer

Felicitas Rohrer legt Klage beim Landgericht Waldshut-Tiengen gegen den Chemie- und Arzneimittelhersteller Bayer AG ein. Sie verlangt Schadensersatz und Schmerzensgeld von mindestens 200.000 Euro.

Doch das Gericht weist die Klage 2018 ab. Es würde an der Ursächlichkeit scheitern. Rohrer kann nicht zweifelsfrei beweisen, dass die gesundheitlichen Schäden durch die Einnahme der Pille kamen. Auch könnte ein bereits vor Monaten unternommener Langstreckenflug nach Thailand ursächlich für die Thrombose gewesen sein.  Die junge Frau geht in die Berufung.

Ursache für die Thromboembolie nicht nachweisbar

Das OLG Karlsruhe gibt ihr heute aber erneut nicht recht. Rohrer hat auch in der zweiten Instanz nicht ausreichend nachweisen können, dass die Einnahme von Yasminelle eine (Mit-) Ursache für die von ihr erlittene Thromboembolie war.

In der Pressemitteilung heißt es:

Nach umfassender Anhörung des bereits erstinstanzlich angehörten medizinischen Sachverständigen hat der Senat berücksichtigt, dass 40 Prozent aller Thrombosen (..) ohne derzeit erkennbare Ursache auftreten.

Hinzu kommt, dass Felicitas Rohrer kurz vor ihrer Erkrankung zwei Langstreckenflüge unternommen hatte, die eine Reisethrombose auslösen könnten. "Bei der Reisethrombose handelt es sich um ein medizinisch international anerkanntes Krankheitsbild.

Erste Thrombosesymptome sind bei der Klägerin drei Wochen nach den Flügen aufgetreten, was nach den Darstellungen des angehörten Sachverständigen vom Zeitablauf "klassisch" für eine Reisethrombose ist", so die Pressemitteilung.

Nutzen-Risiko-Profil

Die beklagte Bayer Vital GmbH begrüßt das Urteil, betont aber auch in einem schriftlichen Statement an das ZDF,  "dass wir großes Mitgefühl mit dem Schicksal von Frau Rohrer und mit Patienten haben, die unsere Produkte anwenden und von ernsten gesundheitlichen Beschwerden berichten – unabhängig von deren Ursachen".

Auch weist Bayer auf das postive Nutzen-Risiko-Profil hin: "Die sorgfältige Bewertung aller wissenschaftlichen Daten bestätigt das positive Nutzen-Risiko-Profil von niedrig dosierten kombinierten oralen Kontrazeptiva wie 'Yasminelle' bei bestimmungsgemäßer Einnahme. Diese Einschätzung wird auch von Gesundheitsbehörden und unabhängigen Experten bestätigt."

Bayer begrüßt das OLG-Urteil

Felicitas Rohrer hat mit diesem Ausgang nicht gerechnet. "Ich bin sehr enttäuscht über das Urteil. Ich hätte zumindest erwartet, dass man die Entscheidung nicht nur auf ein Gutachten stützt; dass man weitere Beweismittel heranzieht," so Rohrer. Und weiter:

Ich werde das Urteil jetzt mit meinem Anwalt prüfen und danach entscheiden, ob ich in die nächste Instanz gehe. 

Felicitas Rohrer als Beispielprozess

Der Prozess von Felicitas Rohrer ist ein Beispielprozess – wenn sie gewinnen sollte, hätten auch viele andere "Yasminelle"-Geschädigte gute Chancen, gegen die Bayer Vital GmbH zu gewinnen.

In den USA zahlte Bayer bereits mehr als 2 Milliarden US-Dollar Entschädigung an rund 10.000 Klägerinnen, die durch Thrombosen und Lungenembolien teils schwer geschädigt wurden. Diese Sammelklagen, wie sie in den USA möglich sind, gibt es so in Deutschland aber nicht.  

Gründung der Initiative "Risiko Pille"

Felicitas Rohrer muss sich seit dem Vorfall vor elf Jahren ihrer Krankheit anpassen. Die heute 37-jährige muss Medikamente nehmen, täglich Kompressionsstrümpfe tragen. Ihren Beruf als Tierärztin musste sie aufgeben, da sie nicht mehr schwer heben darf.

Sie leidet durch die Nahtod-Erfahrung unter posttraumatischer Belastungsstörung, Panikattacken und Depressionen. Dennoch hat sie ihr Leben wieder in die Hand genommen, eine Journalistenschule besucht und ist heute freie Journalistin und Hochzeitsrednerin.

Daneben gründete sie mit drei anderen Frauen die Initiative "Risiko Pille". Auf den Seiten sammeln sie Erfahrungsberichte von Frauen, die Ähnliches erlebt haben. Ihre Forderung an die Politik, Pharmaindustrie und Frauenärzt*innen: die Pillen der 3. und 4. Generation müssen vom Markt verschwinden.  

Birgit Franke arbeitet in der ZDF-Redaktion Recht und Justiz

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