Sie sind hier:
Interview

EU-Gleichstellungskommissarin - Dalli: "Jetzt wird gerade eine Frau getötet"

Datum:

Um Gewalt gegen Frauen einzudämmen, müsse man bei den Tätern ansetzen, sagt EU-Gleichstellungskommissarin Helena Dalli. Über das Problem könne man gar nicht genug sprechen.

Frankreich, Paris: Demonstration für Frauenrechte und gegen Femizide und Gewalt gegen Frauen. Archivbild
Paris: Demonstration für Frauenrechte und gegen Femizide. Archivbild
Quelle: Reuters

ZDF: Frau Dalli, warum ist es so wichtig, das Thema geschlechtsspezifische Gewalt - nicht nur heute am Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen - in den Fokus zu rücken?

Helena Dalli: Wir dürfen diese Gewalt niemals akzeptieren, nicht einmal tolerieren. […] Während wir hier sprechen, wird gerade eine Frau getötet. Eine andere Frau wird geschlagen. […]

Ich weiß, wie ernst dieses Thema ist:

Jede dritte Frau in Deutschland erfährt Gewalt in einer Partnerschaft. Dann wird klar, dass man über dieses Thema gar nicht genug sprechen kann.
Helena Dalli, EU-Gleichstellungskommissarin

ZDF: Laut einer Statistik des Bundeskriminalamts gab es allein in Deutschland im Jahr 2019 117 Femizide.

Dalli: Wir wissen, dass Femizide auch in der EU nichts Ungewöhnliches sind - und jede getötete Frau ist eine zu viel. Es ist nicht hinnehmbar, dass eine Frau getötet wird, nur weil sie eine Frau ist, noch dazu, wenn sie von einer Person aus ihrem Umfeld, einem Teil der Familie, umgebracht wird.

Frauen müssen sich überall sicher fühlen können. Das ist die große Herausforderung unserer Gesellschaft und etwas, das wir mit aller Entschlossenheit weiter voranbringen müssen.  

Sehen Sie hier die ZDFinfo-Dokumentation "Frauenmorde - An jedem dritten Tag ein Femizid" in voller Länge:

Jeden dritten Tag bringt ein Mann in Deutschland seine Partnerin oder Ex-Partnerin um. Femizid wird die Ermordung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts genannt.

Beitragslänge:
44 min
Datum:

ZDF: Das hört sich so an, als wären wir noch weit entfernt von den Zielen, die in der Istanbul-Konvention von 2011 festgeschrieben wurden. Darin verpflichten sich die Vertragsstaaten, offensiv gegen alle Formen von Gewalt gegen Frauen vorzugehen, breit aufzuklären und Femizide zu verhindern.

Doch einige EU-Staaten wie Tschechien, Slowakei, Ungarn und Bulgarien haben erst gar nicht unterschrieben. Die Türkei hat im Juli dieses Jahres als erstes Land das Abkommen verlassen. Wie bewerten Sie diesen Austritt?

Dalli: Dieser Rückschritt ist nicht hilfreich und natürlich ist das absolut entmutigend, wenn wir sehen, dass Mitgliedsstaaten die Konvention verlassen. Wir müssen daran arbeiten, sie von den Zielen zu überzeugen. Aber aktuell sehen wir eine Gegenbewegung gegen die Rechte von Frauen, nicht nur in der Türkei.

Für mich ist die Istanbul-Konvention der erstrebenswerte Standard, wenn es um Gewalt gegen Frauen und Mädchen und um geschlechtsspezifische Gewalt geht. Deshalb kämpfen wir dafür, dass die Konvention EU-weit ratifiziert wird.

Der türkische Präsident Erdogan hat den Austritt aus dem internationalen Abkommen zum Schutz der Frauen vor Gewalt verkündet - mit sofortiger Wirkung.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

ZDF: Ein wichtiger Ansatz der Konvention ist es, die Täterarbeit zu stärken, sich auf diesen Aspekt zu konzentrieren. Was kann man sich darunter konkret vorstellen?

Dalli: Ich glaube, wir brauchen dringend auch Unterkünfte für Täter - die ja letztlich auch Hilfe brauchen. Denn wenn wir nur die Frauen in Frauenhäuser schicken, verlagern wir das Problem und entwurzeln so die Mütter und ihre Kinder.

Wenn wir uns nur auf das Opfer konzentrieren, also Frauen und Kinder in Frauenhäusern aufnehmen, und dabei nicht die Täter behandeln, dann wird die Gewalt wieder passieren.

Der Täter wird eine andere Partnerin finden, der er das Gleiche antun wird, wie der Ex-Partnerin.
Helena Dalli, EU-Gleichstellungskommissarin

ZDF: Erklären Sie uns diesen neuen Ansatz doch bitte ausführlich. Das heißt, es geht darum, dass die Täter das Zuhause verlassen müssen und nicht - wie bisher die Regel - die Frauen in Frauenhäusern Schutz suchen?

Dalli: Richtig. Ich denke, wir müssen beim Täter ansetzen. Wenn ich jemanden entwurzeln muss nach einer Gewalttat, dann würde ich doch lieber den Täter aus der Wohnung nehmen.

Die Trauma-Expertin Michaela Huber über Gewalt gegen Frauen in Pandemie-Zeiten:

Beitragslänge:
5 min
Datum:

Ich weiß, das Thema ist sehr komplex und es wären damit viele Probleme verbunden. Doch: Die Mütter und ihre Kinder wären so in Sicherheit und könnten in ihrem Zuhause bleiben, während der Täter aus dem Umfeld genommen würde.

Das Interview führte Svaantje Schröder.

Frau wehrt mit der Hand ab
Grafiken

Zum Tag gegen Gewalt an Frauen - Mehr Übergriffe gegen Frauen 

Gewalt in der Partnerschaft, unerwünschte Dick-Pics und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz: Die Fallzahlen steigen, Gewalt gegen Frauen nimmt wieder zu.

von Michaela Waldow
Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Sie haben sich mit diesem Gerät ausgeloggt.

Sie haben sich von einem anderen Gerät aus ausgeloggt, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Ihr Account wurde gelöscht, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.

An dieser Stelle würden wir dir gerne die Datenschutzeinstellungen anzeigen. Entweder hast du einen Ad-Blocker oder ähnliches in deinem Browser aktiviert, welcher dies verhindert, oder deine Internetverbindung ist derzeit gestört. Falls du die Datenschutzeinstellungen sehen und bearbeiten möchtest, prüfe, ob ein Ad-Blocker oder ähnliches in deinem Browser aktiv ist und schalte es aus. So lange werden die standardmäßigen Einstellungen bei der Nutzung der ZDFmediathek verwendet. Dies bedeutet, das die Kategorien "Erforderlich" und "Erforderliche Erfolgsmessung" zugelassen sind. Weitere Details erfährst du in unserer Datenschutzerklärung.