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Von Griechen und EU im Stich gelassen

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Flüchtlinge in Griechenland - Von Griechen und EU im Stich gelassen

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In griechischen Lagern sind Zehntausende Geflüchtete weiter unter unmenschlichen Bedingungen eingepfercht. Die Ärzte ohne Grenzen beklagen die Tatenlosigkeit der Europäer.

Flüchtlingscamp in Ritsona, Griechenland
Ein Lager im griechischen Ritsona. Behörden verhängten im April eine Quarantäne wegen Corona-Fällen.
Quelle: ap

Ein Dahinvegetieren in hoffnungslos überfüllten Lagern, hinter hohen Zäunen, zwischen stinkenden Müllbergen und Ratten, stundenlanges Anstehen für Trinkwasser und eine Mahlzeit: Die Zustände, unter denen viele Tausend Geflüchtete in Lagern auf den griechischen Inseln leben müssen, bezeichnen Hilfsorganisationen als "katastrophal".

Notrufe der Helfer verhallen in Athen und Brüssel

Es vergeht keine Woche ohne Appelle nach Athen und Brüssel, die Elendslager zu evakuieren. Die Notrufe allerdings verhallen ungehört, beklagt Marco Sandrone, Projektleiter von "Ärzte ohne Grenzen" auf Lesbos:

Die Geflüchteten müssten geschützt werden durch die griechische Regierung und die Europäische Union - aber sie werden es nicht.

Im Gegenteil: Griechenland riskiert während der Corona-Pandemie Sandrone zufolge die Gesundheit der Geflüchteten. Die EU schaue tatenlos zu. Bislang seien die Menschen im Lager Moria von einem Covid-19-Ausbruch verschont geblieben, allerdings sei die Gefahr längst nicht gebannt.

EU-Innenkommissarin Ylva Johansson erklärt im Interview, wie eine EU-weite Lösung erreicht werden kann.

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Kein Raum für nötigen Sicherheitsabstand

Denn die Hygienezustände in Moria, das einst für maximal 2.840 Asylsuchende ausgelegt war, in dem sich derzeit aber 19.000 aufhalten, bezeichnet "Ärzte ohne Grenzen" als miserabel.

Es fehlt vor allem an Raum, um Sicherheitsabstand halten zu können, aber auch an Toiletten, Duschen, Seife, Desinfektionsmitteln.

Flüchtlinge mit Mundschutz in Camp Ritsona

Flüchtlingslager in Quarantäne -
"Wir sind hier gefangen und werden ignoriert"
 

Das griechische Flüchtlingslager Ritsona steht seit einem Monat unter Quarantäne. 32 Corona-Fälle gibt es dort. Viele fühlen sich allein gelassen. Eine Bewohnerin berichtet.

von Kevin Schubert

Mehr als zehnfache Überbelegung im Flüchtlingslager auf Samos

Eine äußerst angespannte Lage beschreibt auch "Ärzte ohne Grenzen"-Projektkoordinator Stefan Cordes auf der griechischen Insel Samos. Dort sind derzeit 7.000 Geflüchtete hauptsächlich in Zelten untergebracht - in einem Lager, das einst für 650 Hilfssuchende konzipiert worden war. Viele Menschen seien schwer traumatisiert und suizidgefährdet. Sie werden von Psychologen der Hilfsorganisation betreut.

Die Flüchtlinge leiden im Lager unter einer Rattenplage - einige sind offenbar durch Rattenbisse an Leptospirose erkrankt.
Stefan Cordes

Die Krankheit kann unter anderem Leber, Nieren und Hirnhaut schädigen. Die Patienten seien immerhin in eine Klinik eingewiesen worden, sagt Cordes. Der deutsche Helfer mahnt dringend bessere Hygienestandards an. Die Realität könne einen aber manchmal zum Verzweifeln bringen, sagt er.

Kleine Fortschritte könne die Organisation aber vermelden: Sie können die 7.000 Geflüchteten täglich mit ausreichend Trinkwasser versorgen, haben 80 zusätzliche Toiletten aufgebaut; auch mit dem Bau von Duschen geht es voran.

Hilfe im Südsudan einfacher als in Griechenland

Zu schaffen machen den Helfern aber vor allem bürokratische Hürden, berichtet der erfahrene Hilfskoordinator. Selbst im Südsudan sei es für ihn einfacher gewesen, seiner Arbeit nachzugehen. Cordes kritisiert, dass sich griechische Behörden kaum um den Schutz der Geflüchteten kümmerten - mit dem Ziel, Druck auf die EU auszuüben, die Menschen aus Griechenland zu holen.

Unisono beklagen Hilfsorganisationen indes das Unvermögen der EU, die Not zu lindern. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte zwar einen "frischen Anfang" in der Asylpolitik angekündigt, aber der ist nicht geglückt. In Fragen von Asyl und Migration ist die einst viel beschworene "europäische Familie" weiter heillos zerstritten.

Immerhin: In diesem Monat könnte ein neuer Vorschlag der EU-Kommission für die seit Jahren diskutierte Asylreform auf den Verhandlungstisch kommen. Griechenland, Italien und drei weitere EU-Mittelmeer-Staaten fordern jetzt von der Kommission für jeden EU-Staat verbindliche und automatische Quoten beim geplanten Umverteilen von Geflüchteten.

Aus Deutschland, das in der zweiten Jahreshälfte den Vorsitz der EU-Staaten übernimmt, kommen hierzu solidarische Signale. „Wir müssen alle Kräfte in Bewegung setzen, dass es zu einer Lösung kommt, denn so kann’s nicht weitergehen“, sagte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) am vergangenen Freitag in Berlin. Seinen südeuropäischen Amtskollegen versprach er, dass Deutschland „sehr, sehr stark kämpfen“ werde für die Reform des europäischen Asylrechts.

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