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Antisemitismus: "In letzter Zeit ungehemmter"

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Ein Jahr nach Anschlag in Halle - Antisemitismus: "In letzter Zeit ungehemmter"

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Filmemacher Dani Levy erzählt im ZDFheute-Interview, wie er als Jude den wachsenden Antisemitismus in Deutschland sieht. Und wie gerade jüdischer Humor durch schwere Zeiten hilft.

Schweigeminuten, Blumen und Gedenktafeln: Am ersten Jahrestag des rechtsextremen und antisemitischen Anschlags von Halle hat die Stadt der Opfer gedacht.

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ZDFheute: Vor einem Jahr hat ein Attentäter die Synagoge in Halle angegriffen und mehrere Menschen erschossen. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?

Dani Levy: Wir waren an der Ostsee, und ich habe davon auf dem Handy gelesen. Das Ausmaß des Anschlags fand ich sehr heftig. Ich will mir gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn der Attentäter in die Synagoge reingekommen wäre.

Als ich jung war, kann ich mich erinnern, dass die Synagogen während des Gottesdienstes, auch grade an Jom Kippur, immer offen waren, damit man rein und rausgehen, und draußen reden konnte. Deswegen war ich sehr erstaunt, dass das Tor in Halle verschlossen war.

ZDFheute: Was ist Ihnen bei der Nachricht durch den Kopf gegangen?

Levy: Das weiß ich nicht mehr, aber für mich ist das genauso schrecklich, wenn jemand mit einer M6 in einer Mittelschule in Amerika um sich schießt oder sich sowas in Deutschland auf eine Synagoge richtet. Aber so ein Attentat kommt natürlich nicht aus dem Nichts.

Ich frage mich dann: Was läuft in unserer Gesellschaft schief, dass vermehrt Menschen rassistische und fremdenfeindliche Anschläge begehen?

Die übrigens von einem nicht zu kleinen Teil der Bevölkerung stillschweigend gutgeheißen werden. Antisemitismus und Fremdenhass waren ja immer Teil der Gesellschaft, aber sie können sich in letzter Zeit ungehemmter ausdrücken.

Eine Stadt blickt zurück

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ZDFheute: Wie erleben Sie diese Zeit gerade?

Levy: Meine Eltern haben das Dritte Reich als jüdische Jugendliche in der Schweiz miterlebt. Sie haben uns Kindern nie verhehlt, dass sie der Meinung sind, dass auch heute noch 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung, übrigens in fast allen Ländern, antisemitische Gedanken und Gefühle haben.

Das ist eine historische Konstante, Antisemitismus gibt es, seit es Juden gibt.

Aber es ist schon erschreckend, dass jetzt durch Corona so abstruse Ideen, wie die jüdische Weltverschwörung, die das Virus in die Welt gesetzt hat, wieder zutage treten. Corona ist doch eigentlich ein verhältnismäßig kleiner Stresstest für unsere Gesellschaft, wenn man es etwa mit Krieg vergleicht. Trotzdem sieht man, wie schwer wir uns tun, als Gemeinschaft an einem Strang zu ziehen.

Ein Jahr nach dem Attentat

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4 min
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ZDFheute: Sie sind Schauspieler und Filmemacher. Was kann Kunst bewirken?

Levy: Kunst ist sicher nicht systemverändernd - aber sie ist der Stoff, der uns zusammenhält. Theater, Film, Bücher, Musik, das reflektiert uns, so dass wir uns gegenseitig spüren. Und es ist ein Pakt zwischen Künstler und Publikum, die wir uns alle um eine offene Gesellschaft bemühen.

Gerade in einer Zeit, in der wir einen Teil unserer Gesellschaft in Hassforen, Gewaltspielen und Verschwörungstheorien zu verlieren drohen, ist Kunst nötiger denn je.

ZDFheute: Will Ihre Kunst etwas können? Deshalb Komödien?

Levy: Komödien sind für mich ein Mittel, Menschen lachend, aber intelligent an Fremdes heranzuführen. Immer unter der Voraussetzung, dass das Lachen empathisch und nicht verächtlich ist. Dann darf Humor durchaus böse, subversiv oder verrückt sein, Widersprüche oder Denkmuster ad absurdum führen, verunsichern, inspirieren und übrigens auch zum Widerstand animieren.

Das ist im jüdischen Humor immer ein wichtiger Aspekt gewesen. Nicht nur Witze in der Komfortzone zu machen, sondern auch da, wo es gefährlich ist.

Zum Beispiel über die Herrschenden oder über die Autorität der Religion. Es gibt im Judentum so viele strenge Regeln zu beachten, da waren Witze ein wichtiges Überlebensprinzip.

Das Interview führte Lucia Weiß.

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