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"Trauer und Wut sind nicht vorbei"

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"Initiative 19. Februar Hanau" - "Trauer und Wut sind nicht vorbei"

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Vor knapp drei Monaten schockte ein rassistischer Anschlag ganz Deutschland. Newroz Duman von der "Initiative 19. Februar Hanau" erklärt, wie die Stadt die Tat verarbeitet.

Blumen und Bilder erinnern an die Opfer des Anschlags in Hanau
Die Erinnerung an die Opfer des Anschlags wird in Hanau wachgehalten. (Archivfoto)
Quelle: dpa

ZDFheute: Durch die Corona-Krise ist der Anschlag von Hanau in den vergangenen Wochen etwas aus dem Blickfeld geraten. Wie sieht fast drei Monate später das Gedenken und Erinnern in Hanau aus?

Newroz Duman: An beiden Anschlagsorten erinnern weiterhin Blumen, Kerzen und Fotos an die Ermordeten. Sie werden weiterhin als Gedenkorte wahrgenommen und wir pflegen sie entsprechend. In Kesselstadt schreiben die Menschen Karten. Das ist sehr bewegend.

Es gibt in der Stadt aber auch Leute, die sich dadurch gestört fühlen. Auf dem Marktplatz, wo jeden Mittwoch und Samstag Wochenmarkt stattfindet, sind immer wieder Stimmen zu hören, die fragen, warum die Erinnerungsstücke nicht endlich verschwinden würden und dass es jetzt genug sei mit dem Gedenken.

Ein feststehendes Datum ist jeder 19. eines Monats, an dem wir zusammen mit den Angehörigen und Unterstützern Gedenkfeiern organisieren, am Marktplatz haben wir ein Transparent aufgehängt mit allen Namen der Opfer und der Forderung nach einer lückenlosen Aufklärung.

ZDFheute: Wie ist die "Initiative 19. Februar Hanau" entstanden und welche Ziele verfolgt sie?

Duman: Die Initiative ist direkt nach den rassistischen Anschlägen entstanden. Das sind Personen, die vorher im Netzwerk "Solidarität statt Spaltung" in Hanau aktiv waren. Dort waren unter anderen der DGB, antirassistische Gruppen und migrantische Vereine organisiert.

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Direkt nach den Anschlägen haben wir direkt versucht, an allen möglichen Stellen zu helfen. Dabei war es besonders wichtig, möglichst schnell die Namen der Opfer zusammenzutragen und die Angehörigen ausfindig zu machen, um sie unterstützen zu können. Wir haben zwei Tage nach dem Anschlag Mahnwachen organisiert, um die Namen der Ermordeten zu nennen.

Einen Tag später gab es eine bundesweite Demonstration, die wir zusammen mit anderen Akteuren organisiert haben. Diese Arbeit ging die nächsten Wochen Tag und Nacht weiter. Den Angehörigen boten wir bürokratische Hilfe im Umgang mit den Behörden und bei der Vermittlung von Anwälten an.

ZDFheute: Diese Woche haben sie an einem der beiden Anschlagsorte eine Begegnungsstätte offiziell eröffnet. Welche Aufgaben hat sie?

Duman: Es wurde schnell klar, dass wird dringend einen Raum brauchen. Einen Ort des Zusammenkommens, der Menschen jederzeit offensteht und in dem sie sich austauschen und gegenseitig unterstützen können. Die Angehörigen der Opfer kannten sich ja gegenseitig nicht. Einige von ihnen haben diesen Raum auch mitgestaltet. Und es ist total wichtig, dass sie sich hier austauschen können. Die Trauer und die Wut sind nämlich nicht vorbei.

Bei der Eröffnung wurde deutlich, dass viele von ihnen den Raum als einen Ort der lebendigen Erinnerung sehen. Eine Mutter sagte, es sei wie das Zimmer von ihrem Sohn und sie habe das Gefühl, dass er bei ihr ist, wenn sie da ist. Und dieser Raum steht auch allen offen, die sich gegen Rassismus, Hass und Hetze engagieren wollen.

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ZDFheute: Stichwort lückenlose Aufklärung und Rassismus: Welche Konsequenzen muss die Politik aus den Anschlägen ziehen und wie sieht die Zusammenarbeit mit den Ermittlungsbehörden aus?

Duman: Die Ermittlungsbehörden müssen die Angehörigen ernst nehmen und respektvoll mit ihnen umgehen. Auch den Angehörigen ist klar, dass ein Abschlussbericht nicht sofort vorliegen kann. Es gibt aber unheimlich viele Fragen und keine Antworten dazu. Die fehlende Kommunikation sorgt für viel Wut und Unstimmigkeiten.

Und von der Politik fordern wir, dass sie die Warnsignale ernst nehmen. Es muss Schluss sein mit der Erzählung von psychisch kranken Einzeltätern. Diese Taten passieren nämlich auf einem Boden rassistischer Stimmungsmache.

Nach Hanau haben die Entscheidungsträger in der Politik ganz offen davon gesprochen, dass sie beim Thema rechter Terror versagt haben und es jahrelang kleingeredet haben. Doch es darf jetzt nicht nur bei Lippenbekenntnissen bleiben. Es muss auch gehandelt werden. Die Angst ist nämlich groß in diesem Land – auch hier in Hanau.

Nach dem Attentat in Hanau hat Bundespräsident Steinmeier am Donnerstagabend dazu aufgerufen, rücksichtsvoll und solidarisch zu handeln. Sehen Sie die Rede hier in voller Länge.

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Das Interview führte Lukasz Galkowski.

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