Sie sind hier:
Interview

Experte zu Hochwasserschäden - Wiederaufbau teils "nicht zu verantworten"

Datum:

Ein Risikoforscher erklärt, wie Deutschland seine Katastrophenvorsorge neu überdenken muss und warum ein Wiederaufbau nicht im gesamten Ahrtal sinnvoll und verantwortbar ist.

Wegen des Klimawandels würden Hochwasser häufiger werden, warnt der Forscher. Daran müssten sich Maßnahmen zur Katastrophenvorsorge dringend anpassen.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

ZDFheute: Hat der Katastrophenschutz bei diesem Hochwasser angesichts der Opferzahlen versagt?

Professor Lothar Schrott: Wir sind im Katastrophenschutz in einigen Punkten sehr gut aufgestellt. Der Hochwasserschutz am Rhein funktioniert zum Beispiel sehr gut. Es wäre also ein Fehler, den Katastrophenschutz in seiner ganzen Konzeption infrage zu stellen. Aber es bedarf einer Verbesserung der Frühwarnsysteme. Die Warnsysteme müssen einfacher und verständlicher werden. Wir brauchen ganz konkrete Handlungsanweisungen für die Bürgerinnen und Bürger, damit sie besser geschützt sind.

An einigen Schnittstellen zwischen Behörden, Rettungskräften und Bevölkerung muss die Kommunikation besser werden.
Lothar Schrott, Katastrophenforscher

Wo genau, wird man ermitteln müssen. Aber hier gibt es auf jeden Fall Verbesserungsbedarf.

ZDFheute: Welche konkreten Handlungsanweisungen meinen Sie?

Schrott: Alle Bürger müssen wissen: "Jetzt muss ich das Haus verlassen und kann nicht noch die Koffer packen" oder "Ich darf jetzt nicht in den Keller gehen". Damit Anweisungen klar sind und mögliche Krisensituation bewusster werden, brauchen wir mehr Warntage, an denen wir so etwas üben. Auch wenn Jahre vergehen in denen wir liebliche Sommer ohne Starkregen und Stürme haben. Es kann im Ernstfall Leben retten.

Starkregen wirkt sich regional unterschiedlich aus. Wie solch ein Extremwetter-Ereignis zu Hochwasser und Überschwemmungen führen kann - eine grafische Erklärung.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

ZDFheute: Sie sagen, Bildung kann im Katastrophenfall Leben retten. Was meinen Sie damit?

Schrott: Wenn man sehr früh anfängt, Verhaltensweisen im Krisenfall zu üben - und zwar schon im Kindergarten - dann wird im Krisenfall von der Bevölkerung die richtige Entscheidung getroffen. Weil das richtige Verhalten dann bereits im Bewusstsein ist. Ich habe länger im US-Bundesstaat Colorado gelebt. Da gibt es einen kleinen Fluss, den Boulder Creek, der führt nicht mal halb so viel Wasser wie die Ahr. Und dort gab es für alle Anrainer vom Kindergarten, über Schulen bis zu den Betrieben Notfallübungen.

Als es dann eine Überflutung gab, entstanden zwar große Schäden, aber es gab kaum Todesopfer. Das war diesen Übungen zu verdanken.
Lothar Schrott, Katastrophenforscher

ZDFheute: Wie können Gegenden wie das Ahrtal besser vor Überschwemmungen geschützt werden?

Schrott: Wir müssen in der Flächennutzung umdenken. Wir müssen Flächen schaffen, in denen das Wasser der Ahr bei starkem Hochwasser gesammelt werden kann, zum Beispiel in Retentionsflächen und Rückhaltebecken. Da werden wir nicht drum herum kommen beim Wiederaufbau. In einigen Orten muss man sich sicherlich fragen: Ist ein Wiederaufbau überhaupt sinnvoll und verantwortbar?

Ich bin sicher, an einigen Stellen darf es keinen Wiederaufbau geben.
Lothar Schrott, Katastrophenforscher

Das wäre nicht zu verantworten. Man muss für das gesamte Ahrtal schauen, wo Schutzmaßnahmen sinnvoll sind und wo dies nicht zu verantworten ist und wir Freiräume schaffen müssen. Denn es geht ja nicht nur um das Wasser bei einer Flut, sondern auch um das, was mitgerissen wird. Autos, Bäume oder Häuser, die zusätzliche Schäden und Überflutungen durch Rückstau herbeiführen können.

Unwetter in Nordrhein-Westfalen
Liveblog

Tote, Verletzte, Vermisste - Unwetter-Katastrophe in Deutschland  

Deutschland kämpft mit den Folgen der schweren Regenfälle am vergangenen Wochenende. Nun drohen neue Unwetter. Alle Entwicklungen hier im Liveblog.

ZDFheute: Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf den Katastrophenschutz?

Schrott: Also wir hatten in der Ahr Abflussmengen, die wir sonst im Rhein im Sommer messen. Das klingt und ist gewaltig. Wir müssen aber auch die Häufigkeit solcher Ereignisse einberechnen. Und die Forschung zeigt, dass sich die Intensität und die Häufigkeit solcher Ereignisse im Kontext des Klimawandels verändert.

Der Klimawandel wird bestimmte Naturereignisse häufiger auftreten lassen - mit einer höheren Intensität.
Lothar Schrott, Katastrophenforscher

Das bedarf eines Umdenkens und einer Anpassung, die vielleicht in einigen Fällen schon viel zu spät angerollt ist. Wir können Katastrophen nicht nur in fernen Ländern vor dem Bildschirm erleben, sondern wir haben sie vor der Haustür. Und wahrscheinlich in Zukunft noch häufiger. Darauf müssen wir uns vorbereiten. Indem wir unser Handeln im Katastrophenfall besser zwischen Bürger*innen, Gemeinden und Rettungskräften vernetzen.

Das Interview führte Lukas Wilhelm

Das Unwetter brachte viele Tote und Vermisste. ZDFheute live überträgt die Pressekonferenz der Polizei Koblenz und spricht unter anderem mit Gerhard Trabert, Notfallmediziner.

Beitragslänge:
60 min
Datum:
Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.