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Alarmkette im Katastrophenfall - THW: "Totenglocke hat die Leute aufgerüttelt"

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Das Hochwasser-Unglück mit vielen Toten offenbart Mängel im Katastrophenschutz. Vor allem in Sachen Warninfrastruktur müsse man künftig auch auf Altbewährtes setzen, so das THW.

Blick auf Zerstörungen in Altenahr
Blick auf Zerstörungen in Altenahr
Quelle: dpa

ZDFheute: Was sind die Herausforderungen, mit denen das THW derzeit in den Krisengebieten konfrontiert wird?

Sabine Lackner: Wir haben zahlreiche Helferinnen und Helfer, die persönlich von der Katastrophe betroffen sind, da sie selbst in diesen Regionen leben. Zum Beispiel haben viele unserer Ehrenamtlichen ihre Autos verloren, ihre Häuser wurden zerstört. Ihre Angehörigen sind ebenfalls unmittelbar betroffen.

Es ist eine persönliche Betroffenheit da.
Sabine Lackner, Vizepräsidentin des THW

ZDFheute: Wie funktioniert der Katastrophenschutz in Deutschland?

Lackner: Katastrophenschutz ist hier Ländersache. Im Falle von Hochwasser stellt der Deutsche Wetterdienst fest, dass riesige Regenmengen in kürzester Zeit drohen. Diese Informationen werden den örtlichen Entscheidungsebenen zur Verfügung gestellt und ans Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe weitergeben. Das BBK kann dann anbieten, die Warn-App Nina damit zu speisen – und das hat ja funktioniert, mehr als 150 Warnmeldungen wurden in diesem Falle der Unwetter ausgespielt.

ZDFheute: Die wegen fehlendem Netz kaum ihre Nutzer erreichte. Wie sind die Warnwege, wer alarmiert das THW?

Lackner: Bei einer solchen Katastrophe ist die örtlich zuständige Entscheidungsebene meist Landratsamt, Bürgermeister/Bürgermeisterin, Polizei oder Feuerwehr. Die rufen dann direkt die THW-Ortsverbände zur Hilfe.

Also das funktioniert sehr niederschwellig, sehr schnell, sehr einfach.
Sabine Lackner, Vizepräsidentin des THW

Wenn die Einsatzkräfte merken, das spitzt sich zu, wird die THW-Leitung alarmiert. Wir richten dann einen Leitungsstab ein und koordinieren, was bundesweit notwendig ist – es waren ja nicht nur Rheinland-Pfalz und NRW betroffen.

ZDFheute: Wann haben Sie gemerkt, dass sich die Lage zuspitzt?

Lackner: Das ist sehr früh gewesen. Die Diskussion, die im Moment läuft, dreht sich ja primär ums Warnen. Und an der Stelle hat die Bundesebene nur begrenzte Kompetenz. Wir müssen jetzt lernen, dass wir uns im Bereich der Warnsysteme sehr breit aufstellen müssen – mit alter und neuer Technik.

Ein Pfarrer in einem Ort hat mir gesagt: 'Ich habe die Totenglocke geläutet.'
Sabine Lackner, Vizepräsidentin des THW

Das hat die Leute aufgerüttelt. Sie haben selbst gesagt, dass Telefon und Handy ausgefallen waren. Da nützt mir auch eine Warn-App nichts. Die moderne Technik ist großartig, aber sie kann ausfallen. Wir müssen deshalb flächendeckend wieder mehr Sirenen installieren.

Die Jahrhunderthochwasser nehmen ja zu.
Sabine Lackner, Vizepräsidentin des THW
Unwetter- und Katastrophen-Warnapps (NINA, KATWARN, WarnWetter) auf einem Smartphone.
Exklusiv

Landkreis Ahrweiler - Keine NINA-App-Warnung in Katastrophengebiet 

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von Oliver Klein, Julia Klaus, Nils Metzger

ZDFheute: Wie bereitet sich das THW auf die Häufung solcher Unwetter vor – und was haben Sie vom Elbhochwasser 2002 gelernt?

Lackner: Das THW hat sich in den letzten zehn Jahren deutlich modularer aufgestellt. Wir haben für die jeweiligen Anforderungen verschiedene Fachgruppen. Eine Einsatzeinheit können wir so bedarfsgerecht zusammenstellen. 2002 haben wir zudem festgestellt, dass wir ein Instrument brauchen, um Kräfte rechtzeitig zu mobilisieren oder bei Erschöpfung auszutauschen. Mit dem 'Bereitstellungsraum 500' schaffen wir nun eine Infrastruktur, abgesetzt vom eigentlichen Einsatzgebiet, die das ermöglicht.

ZDFheute: Bereits in der Corona-Krise sind Forderungen nach Zentralisierungen des Katastrophenschutzes laut geworden. Wie beurteilen Sie diese?

Lackner: Grundsätzlich funktioniert der Katastrophenschutz. Wir sind tagtäglich lokal im Einsatz. Und auch wenn sich bestimmte Großlagen häufen, ist es so, dass das in dieser Wucht einfach nicht jede Woche stattfindet.

Eine weitere Zentralisierung ist nicht dienlich.
Sabine Lackner, Vizepräsidentin des THW

Darüber hinaus tritt der Bund bereits dafür ein, das Zusammenspiel zwischen Bund und Ländern zu verbessern, wie zum Beispiel im Maritimen Sicherheitszentrum als Kooperation zwischen Bund und den Küstenländern.

ZDFheute: Wie kann man vor Ort derzeit helfen?

Lackner: Also meine Einsatzkräfte berichten mir, dass sich häufig Helfende an sie wenden und sagen: Ich bin jetzt da, was kann ich machen? Das halte ich für eine großartige Sache, weil wir dann auch wissen, wer sich gerade im Einsatzgebiet aufhält. Man darf nicht vergessen: Wir hatten lange die Situation, dass noch Talsperren drohten, zu brechen. Dann ist die Botschaft bitte, auch wenn es heißt, es wird heiß draußen:

Zieht euch ordentlich an. Achtet darauf, dass ihr euch schützt. Bitte festes Schuhwerk anziehen. Denkt an den Sonnenschutz - Hut aufsetzen, ausreichend trinken.
Sabine Lackner, Vizepräsidentin des THW

Nicht, dass man selbst noch zu einer Belastung wird. Außerdem: Wenn ihr Schippen oder Handschuhe braucht, bringt das Material bitte mit, was ihr benötigt.

Die Kooperation, die Solidarität mit allen, funktioniert wunderbar.
Sabine Lackner, Vizepräsidentin des THW

Angefangen vom Pizzabäcker bis zu Bäckereien, die Essen bringen. Was derzeit nicht gefragt ist, sind Sachspenden. Ich sprach bereits vom Nürburgring. Die Hallen sind voll, voll, voll.

Das Interview führte Christian Harz.

[Alle aktuellen Entwicklungen zur Unwetter-Katastrophe im Westen Deutschlands und Teilen Bayerns und Sachsen können Sie in unserem Liveblog nachlesen:]

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Tote, Verletzte, Vermisste - Unwetter-Katastrophe in Deutschland  

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