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Interview

Katastrophenschutz-Chef Schuster - "Oft galten wir auch als Panikmacher"

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Nach den Überflutungen hat der Chef des Bundesamts für Bevölkerungsschutz den Katastrophenschutz verteidigt. "Unsere Warninfrastruktur hat geklappt im Bund", sagte Schuster im ZDF.

Katastrophenschutz-Chef Armin Schuster im heute-journal-Interview

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6 min
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ZDF: Wie kann es sein, dass in Deutschland bei Regenfällen, auch wenn das die schlimmsten aller Zeiten sind, weit über 150 Menschen sterben müssen?

Armin Schuster: Nun, wir sind eigentlich ganz gut vorbereitet auf die Frage von Hochwassern und Überschwemmungen an den großen Flüssen. Da haben wir gelernt.

Was uns überrascht, sind Extremwetterereignisse. Die kennen wir in Deutschland nicht, wie diese Starkregeneinflüsse.

Wir haben keine Risikokartierungen für kleine, fließende Gewässer. Aber wir haben ein Bundesamt für Bevölkerungsschutz und das darf ich so sagen: Wir sind seit fünf Jahren an diesem Thema dran und kennen diese riskante Gefahr. Nur ist es schwierig in einem Land, das nie solche Erfahrungen gemacht hat, mit einer solchen Kommunikation durchzukommen. Und wir merken, dass wenn wir die Menschen warnen wollen, das war bisher ein schweres Mühen.

Oft galten wir halt auch als Panikmacher.

Das hat sich gewandelt, schon seit der Pandemie. Unsere Ratgeber-Tipps sind jetzt sehr gefragt.

Und wenn ich jetzt mal auf die Tragödie kommen darf - ich komme jetzt gerade aus dem Einsatzgebiet, habe mich noch umgezogen - das ist eine menschliche Tragödie. Und deswegen würde ich auch gerne einen Schwerpunkt bei Ihren Zuschauern sehen. So viele Millionen hat ein Bevölkerungsschützer nie an so einem Publikum.

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ZDF: Weshalb dringen Ihre Ratschläge nicht durch? Weshalb war es so, dass die Menschen in diesen Tal-Lagen, gehen wir mal zum Beispiel von Schuld aus, ganz offensichtlich nicht gewarnt worden sind und dann nicht wussten, was zu tun ist in so einer Situation?

Schuster: Naja, unsere Warn-Infrastruktur hat geklappt im Bund. Also der Deutsche  Wetterdienst hat relativ gut gewarnt, relativ gut vorhergesagt. Nur: Das sagen Ihnen auch Ihre Meteorologen beim ZDF: Eine halbe Stunde vorher ist es oft noch nicht mal möglich zu sagen, welchen Ort es trifft, mit welcher Menge. Wir haben 150 Warnmeldungen über unsere Apps, über die Medien ausgesendet ...

 ZDF: ... Apps, die keiner hat. Weil die nicht durchgedrungen sind.

Schuster: Wir haben neun Millionen User auf unserer NINA-Warn-App. Wir würden uns mehr wünschen. Seit zwei Tagen explodieren die Nutzerzahlen. Und die, die sie haben, testen sich mal bitte selbst. Bitte nicht bei Sturmflut in den Keller, wenn Wasser reinläuft. Das ist lebensgefährlich. Auch ein athletischer Mann wäre nicht in der Lage, wenn er einen halben Meter im Wasser steht, die rettende Tür noch aufmachen zu können. Das alles finden Sie als Ratgeberfunktion. Strom abschalten, raus aus dem Haus. Aber ich sage es nochmal, wir leben in  einer Zeitenwende.

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ZDF: In anderen Ländern, in den USA zum Beispiel, die mehr Naturkatastrophen haben, da gehört es zum selbstverständlichen Drill einer jeden Schule: Feuerdrill, Sturmdrill, Tornado-, Hochwasserdrill. Jeder weiß, was er zu tun hat. In den Bürogebäuden wird jedes Jahr einmal geübt. Alle raus, alle rein. Nichts davon kenne ich in Deutschland. Warum haben sie das nicht längst geändert?

Schuster: Wir haben einen Acht-Punkte-Plan, wie der Bundesinnenminister schon im Mai vorgestellt hat: eine komplette Reform des Bevölkerungsschutzes in Deutschland. Da spielt das Thema Selbstschutz und der risikomündige Bürger - wie kommunizieren wir besser, wie sind wir eher ansprechbar - eine zentrale Rolle neben den staatliche Reformen, die wir machen müssen. Aber ich sage mal ganz offen: Ich würde mir auch sehr wünschen, wenn die Bürger sich an uns wenden, wenn sie mit uns in Kommunikation treten.

ZDF: Wenn nachts das Hochwasser kommt und da gucke ich auf keine App. Da brauche ich eine Sirene, die mich weckt und von der ich von vornherein weiß: Wenn nachts um elf die Sirene ist, da muss ich irgendetwas unternehmen, ich kann auf keinen Fall im Bett bleiben. Warum wurde das nicht umgesetzt?

Schuster: Also ich will das gar nicht so flächendeckend beantworten. Nordrhein-Westfalen ist zum Beispiel ein Land, was bei Sirenen noch sehr gut aussieht und schon längst nachgerüstet hat. Wir haben zwei katastrophenschutzstarke Gelände. Und ich bin jetzt im Moment nicht in der Lage, in der Phase des Rettens, Ihnen zu sagen, wo die Sirene kam und wo sie nicht kam. Das werden wir  noch ermitteln müssen.

Wie konnte es soweit kommen, dass in einem hochentwickelten Land wie Deutschland plötzlich ähnliche Bilder wie in einem Entwicklungsland zu sehen sind? Waren die Menschen ausreichend gewarnt? Betrachtungen zu diesen Aspekten.

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Aber ich kann Ihnen sagen, dass das Bundesamt Mainz gerade ein Warnmittelkartaster entwickelt für ganz Deutschland mit den Ländern. Wir setzen auf ein Warnmittelmix analog und digital. Wir haben ein 90-Millionen-Programm aufgelegt für die Installation von Sirenen mit den Ländern. Ehrlich gesagt die Reformen, die wir gerade anstoßen, brauchen allerdings noch ein bisschen Power - da habe ich einen Appell an die Finanzseite, den Finanzminister, uns zu unterstützen.

ZDF: Wir haben in der Pandemie dann irgendwann gelernt, dass es einen jahrealten Plan für eine Pandemie gab, wo zum Beispiel drin stand, dass man Schutzkleidung und Tests und so weiter braucht. Der vergammelte in den Regalen, bis die Pandemie dann kam. Jetzt scheint sich die Geschichte zu wiederholen.

Schuster: Herr Kleber, Sie tun mir einen großen Gefallen mit Ihrer Bemerkung. Ich leide persönlich auch sehr darunter, dass auf meine Behörde - die hat klasse Mitarbeiter, hohe Kompetenz - mit einer unglaublichen Erwartung in Krisenzeiten geschaut wird. Und jetzt wäre ich sehr dankbar, wenn wir auch in Nicht-Krisenzeiten diese Beachtung erhalten würden.

Wir brauchen eine nationale Resilienzstrategie.

Wir brauchen den Bevölkerungsschutz als Gemeinschaftsaufgabe von Bund, Ländern und Kommunen und weniger die Zuständigkeitsabgrenzungen. An all dem arbeiten wir. Ich versuche ein Kompetenzzentrum Bevölkerungsschutz mit den Ländern zu entwickeln.

ZDF: Ihr Appell ist angekommen. Ich bedanke mich.

Die Fragen stellte Moderator Claus Kleber im ZDF heute journal.

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