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Sinti Zilli Schmidt - Überlebt, "damit ich das alles bezeuge"

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Europa gedenkt der 500.000 Sinti und Roma, die in der NS-Zeit ermordet wurden. Zilli Schmidts Familie starb, sie selbst überlebte den Holocaust - "damit ich das alles bezeuge".

Cäcilie "Zilli" Schmidt ist deutsche Sinti. Sie hat den Holocaust überlebt - ihre Familie nicht. Die 96-Jährige erinnert sich bis heute an die letzten Worte ihrer Tochter.

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ZDFheute: Was war Ihr eindringlichstes Erlebnis in Auschwitz? Woran erinnern Sie sich?

Zilli Schmidt: Als ich nach Auschwitz kam, war Auschwitz noch gar nicht aufgebaut. Das war 1942. Da haben wir mithelfen müssen. Da war noch alles Dreck und Elend. Wir haben nichts zu essen gekriegt, nur Wasser. [...] Am schlimmsten waren die kleinen Kinder dran, die dort gequält worden sind. Sie sind erschlagen worden, und sie haben sie in die Gaskammern geschickt. Das war das Schlimmste in Auschwitz.

ZDFheute: Was ist Ihrer Familie passiert?

Schmidt: Ich bin alleine nach Auschwitz gekommen. Und dann, nach und nach, kam meine Familie: Mein Vater, meine Mutter, meine Schwester mit den sieben Kindern, mein Kind mit fünf Jahren, das dann vergast worden ist.

In Auschwitz haben die Menschen sehr sehr viel mitgemacht: Hunger, Elend, Schlagen und Vernichtung. Sie haben sie auch ausgesucht für die Gaskammern und haben sie vergast in Auschwitz. Sie sind geschlagen und gequält worden. Das habe ich alles mitgemacht. Aber Gott hat mir geholfen und hat mich rausgebracht. Warum hat er mich rausgebracht? - Damit ich das alles bezeuge, was dort passiert ist.

ZDFheute: Sie waren selbst noch nicht so alt und waren vorher schon in einem anderen Lager?

Schmidt: 18 war ich. Ich habe viele Gefängnisse und viele Lager überlebt. Und Auschwitz, das war dann das letzte, in das ich gekommen bin. In Auschwitz habe ich sehr viel mitgemacht. Ich habe dort meine ganze Familie verloren. Sie sind alle vergast worden in Auschwitz. Am 2. August (1944, Anm. der Red.) ist meine Familie in die Gaskammer gekommen. Da war ich gerade in Berlin. Ich habe gesprochen, aber mit aller Kraft und mit Weinen.

Ich hab sehr viel mitgemacht in Auschwitz. Ich habe erlebt, wie die kleinen Kinder ermordet worden sind. Und wie die Menschen ermordet worden sind. Wie die erschlagen worden sind. Das habe ich alles direkt miterlebt.

ZDFheute: Wie wichtig ist da, dass es den Gedenktag für Sinti und Roma gibt?

Schmidt: Für mich war das wichtig, damit ich bezeugen kann, dass auch unsere Menschen umgekommen sind und gequält und geschlagen und ermordet worden sind - und in die Gaskammer gegangen sind. Das Gedenken ist mir deswegen ganz ganz wichtig. [...] Nicht bloß die Juden sind vergast worden, auch unsere Menschen sind vergast worden.

Mein Kind, es war fünf Jahre alt. Sie kam immer zu mir, "Mama, Mama". Wir waren nicht weit von den Gaskammern weg: Birkenau. Wir konnten die Gaskammer sehen. "Mama, Mama, da hinten werden die Menschen immer verbrannt." Da habe ich gesagt: "Nein Kind, da wird Brot gebacken". - "Nein, Mama, da werden Menschen" - sie hat Deutsch gesprochen - "da werden Menschen verbrannt". Sie hat es gewusst, und da ist sie auch hingegangen.

ZDFheute: Aber Sie haben es auch gewusst, oder?

Schmidt: Natürlich habe ich das gewusst. Ich hab alles gewusst. Natürlich. Ich hab den Mengele kennengelernt. Alle bösen Menschen. Ich hab den König kennengelernt; da war ich Zeuge. Der hat eine sehr sehr hübsche Frau erschossen, weil sie nicht auf ihn eingegangen ist. Er wollt mit ihr poussieren, und sie ist nicht darauf eingegangen. Die hat er dort bei der Baracke erschossen.

ZDFheute: Haben Sie heute auch wieder Angst, dass Minderheiten wie Sinti und Roma bedroht werden?

Schmidt: Das können Sie laut sagen. Und ich appelliere und bitte von ganzem Herzen: Wir haben eine sehr nette, gute Jugend. Und die bitte ich, dass sie das nie wieder zulassen, was uns passiert ist. In dieser Zeit, in der wir leben, sieht es gar nicht gut aus. Die Neonazis sind ganz schön im Kommen. Die schlafen nicht.

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ZDFheute: Macht Ihnen das Angst?

Schmidt: Natürlich macht mir das Angst. Natürlich. Aber ich kann's ja nicht mehr erleben. Ich bin ja alt genug. Ich bin 96 Jahre. Ich glaube nicht, dass ich das erlebe. Aber unsere Jugend wird es erleben. Und deshalb appelliere ich an die jungen Menschen, die wir heute haben, dass sie das nie wieder zulassen. Sie sehen doch, was in der Welt passiert. Die Menschen werden erschossen, weil sie Ausländer sind. Uns hat man vergast, weil wir Zigeuner waren. Wir waren genauso Deutsche. Ich bin in eine deutsche Schule gegangen. Wir waren genauso Deutsche wie sie.

ZDFheute: Sie sind trotzdem in Deutschland geblieben?

Schmidt: Die Nazis waren ja nicht mehr am Werk. Wir hatten ja eine gute Regierung nach dem Lager. Und mein Mann war ein großer Musiker.

ZDFheute: Hätten Sie sich vorstellen können, dass es hier in Deutschland wieder solche Zeiten gibt, wie wir sie jetzt haben?

Schmidt: Nein, das habe ich nicht geglaubt. Dass es wieder so wird, dass sie die Menschen, die Ausländer sind, erschießen? Nein, ich hätte nie geglaubt, was jetzt passiert. Wir leben in einer sehr, sehr schlimmen Zeit. Und die Jugend soll aufpassen. Davon spreche ich heute mit ihnen: Dass sie ihre Augen und ihre Ohren aufmachen und sehen, wie es in der Welt zugeht.

Das Interview führte Susann von Lojewski, Korrespondentin des ZDF-Studio Baden-Württemberg

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