Holocaust-Überlebender Sonneberg: "Wie lebend eingemauert"

    Holocaust-Überlebender Sonneberg:"Ich war wie lebend eingemauert"

    von Felix Rappsilber
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    Helmut Sonneberg berichtet bei "Lanz" davon, wie er 70 Jahre lang verschwiegen hatte, Häftling in einem KZ gewesen zu sein. Das Erlebte verfolgt ihn bis heute.

    Holocaust-Überlebender Helmut Sonneberg bei Markus Lanz im Studio.
    Der Holocaust-Überlebende Helmut Sonneberg bei Markus Lanz im Studio.
    Quelle: Cornelia Lehmann ZDF

    "Nachts, gleisendes Licht, Hundegebell, Trillerpfeifen, 'Frauen links, Männer rechts!'" – Helmut "Sonny" Sonneberg erinnerte sich am Mittwochabend bei Markus Lanz an seine Ankunft im Konzentrationslager Theresienstadt. Unter Tränen blickte der Holocaust-Überlebende auf seine einsame Kindheit in Nazi-Deutschland zurück:

    Ich hatte nie einen Freund. Ein Schulfreund, Schulfeier, Abschluss, Schulfahrten - das alles fehlt mir bis heute.

    Helmut Sonneberg, Holocaust-Überlebender

    Freundschaften knüpfte Sonneberg schließlich, als er nach dem Zweiten Weltkrieg Anschluss beim Fußballverein Eintracht Frankfurt fand.

    Sonneberg empfindet bis heute Scham

    70 Jahre lang hatte der heute 91-Jährige verschwiegen, dass er ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert worden war. Selbst in seinen beiden Ehen sprach er nicht über die Erinnerungen an den Holocaust - "aus Angst, aus Scham und immer wieder dem Gefühl, entdeckt zu werden".
    Bis in die 90er Jahre habe es "überall" Nazis gegeben, die "in Amt und Würden" gestanden hätten. Scham empfinde Sonneberg manchmal noch heute: "Dann liege ich nachts um Bett und überlege: Warum schämst du dich? Ich kann doch nichts dafür. (…) Ich sehe aus wie jeder andere."

    Zunächst katholisch erzogen

    Im Alter von sieben Jahren erst habe der katholisch erzogene Helmut Sonneberg erfahren, dass er Jude sei. Daraufhin habe er noch "zwei, drei Jahre" die Schule besuchen dürfen. Sonneberg sagte: "Dann sollte ich aus der Familie raus. (…) Dann war ich im Waisenhaus zwei Jahre."
    Zwar kehrte der junge Helmut daraufhin zu seiner Familie zurück, "durfte aber nicht auf die Straße". Seine Mutter habe ihm das verboten, da er mit dem gelben Stern "Freiwild für jeden" gewesen sei. Sonneberg sagte:

    Ich war wie lebend eingemauert.

    Helmut Sonneberg, Holocaust-Überlebender

    Sein Schweigen brach Helmut Sonneberg, als er beim Fußballtraining dem Museumsleiter der Eintracht Frankfurt begegnete, der Exponate über die Geschichte des Vereins sammelte. "So fing alles an, vor 15, 16 Jahren", sagte Sonneberg. Von da an erzählte der Holocaust-Überlebende seine Geschichte.

    Fünfeinhalb Tage im Viehwaggon

    Am 14. Februar 1945 habe er den Aufruf "zum Arbeitstransport in den Osten" erhalten: "Ich komme dahin, [sehe] lauter alte Leute. Ich sagte zu meiner Mutter: Wie sollen die alten Leute noch arbeiten?" Und weiter:
    "Auf der anderen Seite stand meine Schwester. Ich renne zu ihr rüber, gebe ihr einen Kuss, mache winke, winke und schon hatte ich [einen Schlag] im Gesicht - SS-Mann. Im Viehwaggon waren wir fünfeinhalb Tage unterwegs."

    Strohsäcke und eine Decke im tiefsten Winter

    Nach der Ankunft im KZ Theresienstadt habe Sonneberg in einem circa 25 Quadratmeter großen Raum schlafen müssen, in dem 30 Betten mit drei Stockwerken gestanden hätten. Auf Strohsäcken und mit lediglich einer Decke sei es im Februar "eiskalt" gewesen.
    Er sagte: "Am Tag gab es morgens Suppe, mittags Suppe, abends Suppe, mal süß, mal dick, mal dünn, mal normal und alle fünf Tage eine Ration: 500 Gramm Brot, 50 Gramm Zucker, 50 Gramm Butter."
    Nachdem Helmut Sonneberg und seine Mutter das KZ Theresienstadt überlebt hatten, wog der damals 14-Jährige 27 Kilogramm. Er absolvierte eine Ausbildung zum Autoschlosser und wurde Mitglied bei Eintracht Frankfurt.

    Solidarität mit den Menschen in der Ukraine

    Blickt er heute auf sein Leben zurück, so sagt er: "Ich bin heute (…) ein zufriedener Mensch." Und weiter: "Es gibt auch heute noch Momente, die mich übermannen (…). Dann schießen mir die Tränen in die Augen und dann bin ich voller Enttäuschung, Wehmut und auch Demut, dankbar dafür, dass ich 91 wurde und noch erzählen kann." Das sei "jetzt wichtiger denn je".
    Denn: "Wenn ich gefragt werde, wie ich zu dem Krieg in der Ukraine stehe: (…) Wie kann ein einzelner Mensch ein ganzes Land in Schutt und Asche legen? Das habe ich selber am eigenen Leib erlebt. Dem sind die hinterher gerannt, als wäre er der Rattenfänger von Hameln."

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